Klaus Staeck braucht Kunst, um zu leben

Prof. Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste Berlin, spricht mit dem strassen|feger über seine Ausstellung »Kunst für alle«, über sein gesellschaftspolitisches Engagement – und darüber, was er nach dem Ende seiner Präsidentschaft vermissen wird.

Interview & Fotos: Urszula Usakowska-Wolff

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Gerda Schimpf (14.03.1913 – 28.12.2014)

Am 28. Dezember 2014 starb die Fotografin Gerda Schimpf, Zeugin eines ganzen Jahrhunderts. Am 14. März 1913 als Einzelkind in einer bürgerlichen Familie in Dresden geboren, zog sie später mit ihren Eltern nach Leipzig. Nach dem Besuch des dortigen Goethe-Gymnasiums wollte die 20-Jährige Fotografie am Bauhaus in Dessau studieren, doch es wurde 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen. So suchte sie sich in Leipzig einen Ausbildungsplatz bei der Fotografin Dore Barthky. 1935 lernte sie den Zeichner Max Schwimmer kennen, dessen Freundin und Muse sie wurde. Ihre Freundschaft verewigte der Künstler in 500 illustrierten Briefen, die er seiner »Engelsgerdine« schrieb. 1937 ging Gerda Schimpf nach Berlin, wo sie in einem Fotobetrieb in Heiligensee die Ausbildung zur Fotografenmeisterin absolvierte. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete sie in verschiedenen Fotostudios und machte tausende Porträts und Familienfotos; für die Städtischen Elektrizitätswerke, die Messegesellschaft und die AEG fertigte sie Werbeaufnahmen. 1946 eröffnete Gerda Schimpf ihr eigenes Fotoatelier am Witzlebenplatz, musste es aber nach der Währungsreform aufgeben. Sie richtete es also in ihrer Wohnung im Westend ein, wo sie Soldaten der alliierten Truppen, Persönlichkeiten aus Politik und Kultur wie die Berliner Oberbürgermeisterin Louise Schroeder, die Künstlerinnen und Künstler Eva Schwimmer, Renée Sintenis, Karl Hofer, Bernhard Heiliger und viele andere Bekannte und Unbekannte porträtierte. Parallel dazu machte sie hunderte Architektur-, Industrie-, Werbe- und Modeaufnahmen. Von 1959 bis 1978 arbeitete sie als Fotografielehrerin im Lette-Verein Berlin.

Der strassen|feger hatte das Glück, diese außergewöhnliche Frau und Künstlerin persönlich kennen zu lernen. Wir begegneten ihr zum ersten Mal am 29. August 2013 bei der Eröffnung der Ausstellung »Arte Postale« in der Akademie der Künste, wo einige der Briefe Max Schwimmers an »Gerdine« gezeigt wurden. Das war der Anfang einer wunderbaren Bekanntschaft, denn Gerda Schimpf lud uns wiederholt in ihre Wohnung ein, in der sie seit 1941 lebte. Obwohl sie damals 100 Jahre alt war, hatte sie eine mädchenhafte Stimme, ein jugendliches Aussehen und ein hervorragendes Gedächtnis. Als wir sie in der Ausgabe »Lebenskunst« im Oktober 2013 aufs Titelbild brachten, scherzte sie, dass sie über 100 werden musste, um die Karriere eines Covergirls zu starten.

strassen|feger, Titel "Lebenskunst", Augabe 22/2013 mit Gerda Schimpf
strassen|feger, Titel „Lebenskunst“, Augabe 22/2013 mit Gerda Schimpf

Gerda Schimpf, die fast ein halbes Jahrhundert als Fotografin tätig war, hatte sich um ihre Karriere nie gekümmert. Ihre Fotoarbeiten wurden nie ausgestellt. Deshalb ist sie als Fotografin fast gänzlich unbekannt. Sie hinterlässt ein riesiges Archiv, das sie in ihrer Wohnung aufbewahrte. Nur ein Konvolut mit 57 Fotografien aus den Jahren 1945 – 1976 mit Porträts, Messe- und Werbeaufnahmen hatte sie vor einiger Zeit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben. Hoffentlich wird sich jetzt, nach ihrem Tod, jemand finden, der dieses einzigartige dokumentarische und künstlerische Werk für die Öffentlichkeit erschließt. Das hat Gerda Schimpf verdient: eine bescheidene Frau, eine große Dame und große Künstlerin, die nie darauf bedacht war, sich in den Vordergrund zu drängen.

Ruhe in Frieden, Gerda! Wir werden Deine sonnige Ausstrahlung, Deinen Charme, Deinen Witz und Dein bezauberndes Lachen nie vergessen. Wir werden Dich vermissen und alles tun, damit Dein Lebenswerk endlich bekannt und gebührend gewürdigt wird.

Nachruf © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 2/2015


Max Schwimmers Briefe an Gerda Schimpf, Galerie Leo.Coppi >>>

Gerda Schimpf & ihre aufregenden Porträts

An der Wand über dem Kamin hängen dutzende Bilder: Zeichnungen und Aquarelle, expressive Frauenporträts und Frauenakte. Neben dem Kamin steht ein imposanter Holzstuhl. Er hat eine hohe geflochtene Rückenlehne mit gewundenen Säulen und feinen Reliefschnitzereien. Dieses alte Möbelstück, einem Thron ähnlich, sieht wie neu und recht unbenutzt aus. Nur die hellen Stellen auf dem Holz der Armlehnen deuten darauf hin, dass es häufig in Gebrauch genommen wurde. »Das ist ein Renaissance-Sessel«, erklärt Gerda Schimpf. »Hier in diesem Raum habe ich viele Leute aufgenommen. Wie viele es waren, weiß ich nicht. Ich habe sie nicht gezählt. Es gefiel mir einfach, sie zu fotografieren. Sowjetische Soldaten habe ich auch hier fotografiert. Sie setzten sich hin, ganz gerade, und hielten einen Wecker in den Händen. Ihre Epauletten und der Wecker mussten genau zu sehen sein. Dann kamen die Engländer, sie wollten auf den Porträts eine ganz zarte Haut haben und schön retuschiert sein. Das habe ich alles durchgemacht. Es war die Zeit nach dem Krieg, wo es nichts zu essen gab. Sie brachten mir manchmal ein Stück Brot, dann war ich darüber glücklich. Aber es musste immer alles, das war schlimm, sofort oder ganz schnell gehen, also heute Aufnahmen und am liebsten in ein paar Stunden schon die Bilder. Na gut. Ich versuchte es und es klappte. Ich habe auch viele Kinder fotografiert. Ein kleines Wesen in so einem großen Renaissance-Sessel, das ist doch sehr bildhaft.« Gerda Schimpf & ihre aufregenden Porträts weiterlesen

Gerda Schimpf & ihre pure Lebensfreude

Der Brief ist 75 Jahre alt. Er wurde am 20. Oktober 1937 in Leipzig mit dunkelblauer Tinte an »meine allerliebste Gerdine« geschrieben und vom Absender mit der Zeichnung einer jungen, spärlich bekleideten Dame, die in einer Kommode wühlt, verziert. Er liegt jetzt in einer Vitrine und zieht die Aufmerksamkeit von Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung »Arte Postale« in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 auf sich. »Ich liebe Dich, nur Dich, Du meine wunderbare süße kleine Braut. Unveränderlich und umwandelbar, durch nichts auch nur berührbar ist meine Liebe zu Dir, zu Dir, meine Engelsgerdine. Ich küsse und umarme Dich immer und ewig – Dein Max.« Eine Frau um die 50, die lange vor der Vitrine verweilt und von dem Gelesenen offensichtlich aufgewühlt ist, kann ihre Gefühle nicht verbergen: »Hätte ich nur einen einzigen solchen Brief in meinem Leben bekommen, könnte ich ein für alle Mal glücklich sein«, seufzt sie.

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Eric Pawlitzky möchte moderne Gedenksteine schaffen, die eine schöne Form haben

Landschaften wie aus dem Bilderbuch: malerische Sümpfe, Seen und Flüsse, über den Feldern, Wiesen und Wäldern schwebende Nebelschwaden, Hügel und Berge im Morgenrot oder Mondschein: eine Naturkulisse, die auf den ersten Blick friedlich und beruhigend wirkt. Doch der Augenschein trügt, wovon die neben den Bildern stehenden Texte zeugen. Die zweisprachige Ausstellung »Und alles ist weg – Miejsca, których nie ma«, die zuletzt vom 15. Januar bis zum 27. Februar 2015 in der Fotogalerie Friedrichshain gezeigt wurde, ist leise, unaufdringlich und ergreifend: ein einzigartiges Projekt des Künstlers Eric Pawlitzky, 55, der »Orte, die es nicht gibt«, Schauplätze des Ersten Kriegs in Polen, fotografierte.

Interview © Urszula Usakowska-Wolff

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