Agnieszka Polska, Hamburger Bahnhof, 25.09.2018. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Agnieszka Polska im Hamburger Bahnhof: Hört und seht, es ist nicht zu spät!

Agnieszka Polska, 1985 in Lublin geboren, ist der neue Star am internationalen Kunsthimmel. Nachdem sie 2017 für ihre Videoinstallationen »What The Sun Has Seen« (Version II) und »Little Sun« mit dem seit 2000 vergebenen Preis der Nationalgalerie ausgezeichnet wurde, der mit einer Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof verbunden ist, zeigt sie nun in dessen historischer Halle ihre extra dafür konzipierte und geschaffene Mehrkanalinstallation »Demon´s Brain«.

 Von Urszula Usakowska-Wolff

»Demon´s Brain«: Großes Kino im Hamburger Bahnhof. Meine Empfehlung: Sie sollen viel Zeit und Muße mitbringen, um das Geschehen auf vier parallelen Bildschirmen zu sehen. Doch keine Bange: Für Ihre Bequemlichkeit ist bestens gesorgt, denn die historische Halle des Museums hat sich in ein Matratzenlager verwandelt. Sie können dort jeden Dienstag, Mittwoch und Freitag von 10 bis 18 Uhr, jeden Donnerstag sogar von 10 bis 20 Uhr, und jeden Samstag und Sonntag von 11 bis 18 Uhr sitzend oder liegend verweilen, um dem bildgewordenen »fiebrigen Traum« im dunklen Raum zu erleben. Sie können die Filme auch einzeln genießen, ohne den Kopf drehen zu müssen. Auch im Stehen wird Ihnen nichts entgehen. Zwar läuft auf jedem Screen ein anderer Streifen in Endlosschleife, doch alle vier sind solo und en gros Teil einer Story. Sie spielt sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, die aus der Perspektive des 15. Jahrhunderts Zukunft ist und auf Englisch erzählt wird.

  • Blick in die Ausstellung "The Demon´s Brain" von Agnieszka Polska im Hamburger Bahnhof Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
    Blick in die Ausstellung "The Demon´s Brain" von Agnieszka Polska im Hamburger Bahnhof Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Augen funkeln im Dunkeln

Agnieszka Polska bringt in ihrer filmischen Installation einstige und heutige Zeiten zusammen. Um sie überzeugend zu verquicken, bedient sie sich unterschiedlicher Techniken. Einige Szenen hat sie in einem gerodeten Wald mit »echten« Protagonisten (ein Mann, ein Jüngling und ein Schimmel) oder in Interieurs, zum Beispiel in einem Stollen, gedreht. In anderen treten animierte Tiere auf, wozu schwarze 3D-Vögel, aber auch ein leibhaftiger Rabe, gehören. Der Dämon hat die Augen und den Mund eines Smileys, doch wenn Sie hören, wie er mit sanfter Stimme das Menetekel verkündet, werden auch Sie große Augen machen und es vergeht Ihnen garantiert das Lachen. Es kommt aber beim Anblick der blauen Margerite wieder, die sich wie ein roter Faden durch »Demon´s Brain« zieht. Ist das etwa die blaue Blume der Romantik? Oder eher ein poetischer Eyecatcher, denn es ist Eingeweihten bekannt, dass Agnieszka Polska ihre Filme wie Gedichte aufbaut. Offensichtlich hat sie einen Fimmel für Augen, die im Dunkeln magisch funkeln: Die Augen des Raben mit der blauen Blume im Schnabel, die rehbraunen Augen des Schimmels und die graublauen des Reiters. Und der Dämon hat sowieso einen scharfen Blick und Verstand, und er mahnt vor den Folgen des rasanten Fortschritts: »Muskeln verbrennen Kohle und nicht Essen; Schweiß riecht nach Öl, die Luft brennt! Das Fieber befiel Menschen, Tiere und Pflanzen. Alle halluzinieren gemeinsam in diesem einen fantastischen Traum. Elend ist die Voraussetzung für Wachstum.«

Agnieszka Polska, The Demon´s Brain, 2018, Filmstill. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Agnieszka Polska, The Demon´s Brain, 2018, Filmstill. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Schimmelreiter scheitert, Schimmelkopf schwebt

Die in lateinischer Sprache geschriebene und 2006 in Krakau auf Polnisch veröffentlichte Korrespondenz (1437-1459) von Mikołaj Serafin inspirierte Agnieszka Polska zu »Demon´s Brain«. Serafin, Verwalter der Salzbergwerke im Königreich Polen, führte sie wie ein frühkapitalistisches Unternehmen. Er beschäftigte Lohnarbeiter, die er oft nicht bezahlen konnte, sodass sie streikten. Er verfügte über ein Netzwerk aus einflussreichen Unterstützern, die ihm Kredite gewährten. Salz hieß damals weißes Gold – und Serafins Minen waren seine Goldgrube, wofür natürlich die Arbeiter und Bauern der gerodeten Wälder und zertrampelten Felder blechen mussten. Der historischen Gestalt Serafin stellt Agnieszka Polska einen fiktiven reitenden Boten zur Seite, der die versiegelten Briefe einem unbekannten Empfänger überbringen soll. Das scheitert, denn der Reiter verliert den Schimmel und der Schimmel den Kopf, der als 3D-Animation auf dem Vogel-Screen schwebt.

Agnieszka Polska, The Demon´s Brain, 2018, Filmstill. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Agnieszka Polska, The Demon´s Brain, 2018, Filmstill. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Mit den Schulden der Sünde geboren

Die Tragödie nimmt ihren Lauf, und ein Dämon ex machina taucht auf. Er kommt zum Boten »aus einem fantastischen Ort, dem Ort eines fiebrigen Traums«, um den weinenden »Kleinen« vor der Zukunft zu warnen, also vor der Klimakatastrophe und Informationstechnik-, doch er merkt nicht, dass er selbst deren Produkt ist. Dabei ist der Dämon einer, der anscheinend alles weiß, weil er in den Tiefen des Word Wide Webs agiert, seinen Usern auf Schritt und Tritt assistiert und sie ausspioniert. Kann der Bote, des Dämons »kleines Findelkind«, verstehen, wie die Welt im 21. Jahrhundert aussehen wird? Er kann es nicht und er versteht nicht, warum dieser Geist ausgerechnet zu ihm gekommen war. Also sprach der Dämon: »Du bist derjenige, der die Zukunft ändern kann. Es ist nicht zu spät. Es ist nicht zu spät.« Ob der Bote allein etwas bewirken kann? Das ist die Frage. Aber es gibt eine Lösung: An Dämons Wesen kann jenseits von Gut und Böse der heutige Mensch genesen, wenn er sich seine Worte zu Herzen nimmt: »Du bist in ein großes Unheil hineingeboren worden, mit einer automatischen Schuld. Du bist mit den Schulden der Sünde geboren worden. Nun hängt alles von Dir ab.«

Agnieszka Polska, The Demon´s Brain, 2018, Filmstill. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Agnieszka Polska, The Demon´s Brain, 2018, Filmstill. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Unsichtbar im Hinterzimmer des Kapitals

»Demon´s Brain« lullt nicht ein, er rüttelt stellenweise sogar sacht wach. Auch wenn Sie der englischen Sprache, der heutigen Lingua franca, nicht mächtig sein sollten und nicht kapieren, was Ihnen in vier Endlosschleifen eingebläut wird, da wird Sie geholfen: Am Anfang der Schau können Sie, diesmal auf Deutsch, neben einigen Briefen von Mikołaj Serafin, Auszüge aus Aufsätzen lesen, die Agnieszka Polska für den Katalog ihrer Ausstellung »Demon´s Brain« bei Jan Sowa, Matteo Pasquinelli, Tiziana Terranova, Federica Bueti und einer Beate XIX bestellt hat. Sie alle malen den Teufel des Kapitalismus an die Wand, der – heute digital und real außer Rand und Band geraten – schlimme Folgen für das Denken und Handeln der Menschen haben kann. »Künstliche Intelligenz ist die ultimative Umgestaltung geistiger Arbeit zu einem kollektiven Dämon, der unermüdlich und unsichtbar im Hinterzimmer des Kapitals arbeitet«, warnt Pasquinelli. »Es liegt an uns, das Kapitel des Kapitalismus abzuschließen«, appelliert Sowa. Das ist richtig und zugleich eine kognitive Dissonanz, denn der Preis der Nationalgalerie – und somit auch der Ausstellungskatalog mit diesen kapitalismuskritischen Beiträgen – werden durch BMW gefördert.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Agnieszka Polska: The Demon’s Brain

27.09.2018 – 03.03.2019

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin


Preis der Nationalgalerie>>>