Berliner Boheme aus der 5. Schweiz trifft sich in der Helvetia Szene-Beiz

Kaum zu glauben, aber wahr: Von den 4000 Schweizerinnen und Schweizern, die ihren Wohnsitz in Berlin haben, sind 3000 in der Kultur tätig. In Kunst, Design und Literatur, im Fernsehen, Theater und in anderen Medien. Vor allem auf die Schweizer Filmwelt übt die Bundeshauptstadt eine große Anziehungskraft aus: Die halbe helvetische Filmszene lebt an der Spree! Weil die Schweiz, im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern, kein eigenes Kulturinstitut in Berlin betreibt, kamen drei Schweizer Filmleute: der Schauspieler René Schoenenberger, der Drehbuchautor Felix Benesch und die Bühnenbildnerin Maja Zogg im Herbst 2009 auf die Idee, für ihre kreativen Landsleute einen festen Treffpunkt, den »Helvti-Treff« zu etablieren. »Helvti« in Anspielung auf Helvetia und als Wortspiel. Es klingt wie Hälfte und war Programm: Die Begegnungen sollten jeden Monat, jeweils zur Monatshälfte, stattfinden.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Die Idee war ein Volltreffer und konnte kurzerhand verwirklicht werden, denn eine entsprechende Lokalität stand in Berlin zum Glück zur Verfügung. Mitte 2009 eröffnete der aus dem Appenzell stammende Filmaufnahmeleiter Hermann Rohner in der Mariannenstraße/Ecke Naunynstraße die Helvetia Röschti-Bar: Schräg gegenüber der ehemaligen Schokofabrik und mitten in Kreuzberg, also in einem Ambiente, das mit etwas Fantasie einige Bezüge zur Alpenrepublik erkennen lässt. Seine Röschti-Bar, eine gelungene Mischung aus einem erschwinglichen Schweizer Spezialitätenrestaurant und einer Berliner Eckkneipe, allerdings mit reichhaltigem und anspruchsvollem Weinangebot, avancierte schnell zur beliebten Szene-Beiz. Nicht zuletzt dank den besagten »Helvti-Treffen«, die sich seit November 2009 in den Schweizer und anderen Berliner Kunstkreisen großer Popularität erfreuen. Sie dienen vor allem der Kommunikation, denn dort begegnen sich jedes Mal 40-50 Kreative aus verschiedenen Bereichen und knüpfen Kontakte, die ihnen bei der Realisierung ihrer Pläne helfen können. »Vor drei Jahren habe ich ein Hörspiel geschrieben, das ich filmisch umsetzen wollte, aber damals keinen Regisseur finden konnte«, sagt Eva Brunner.

Eva Brunner. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Eva Brunner. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Die 1952 in Luzern geborene Schriftstellerin, Übersetzerin und Fotografin lebt seit über 20 Jahren in Berlin. Sie ist Meisterschülerin von Arno Fischer und gründete zusammen mit elf Fotografinnen und Fotografen, die sie in der Ostkreuzschule kennen lernte, Anfang 2010 die Produzentengalerie exp12 (exposure twelve) für zeitgenössische Fotografie in der Senefelderstraße 35 in Prenzlauer Berg.

»Seitdem ich an den ‚Helvti-Treffen‘ teilnehme, haben sich für mich viele wertvolle Kontakte ergeben. Als ich einmal andere, daran beteiligte Kulturschaffende in die exp12 eingeladen und ihnen mein Hörspiel vorgespielt habe, kam prompt ein Drehbuchautor auf mich zu und meinte: ‚Oh, es ist ein Thema, das mein Filmteam interessiert.‘ Diese Treffen machen viele Kooperationen möglich.«

Nächschti Treff in Röschti

Aus einer Idee entwickelt sich die nächste: Neben den »Helvti-Treffen« konnten sich in der Helvetia Röschti-Bar auch »Röschti-Treffen« durchsetzen, die von Adam Tellmeister, der mit bürgerlichem Namen Meister heißt, ins Leben gerufen wurden. Der 1961 in Sumiswald im Kanton Bern geborene Maler, Zeichner und Aktionskünstler kam Mitte der 1980er Jahre nach Essen und stellte, als erster Schweizer in Deutschland, einen Asylantrag, weil er in seinem Heimatland den Wehrdienst verweigerte. Seit 1989 wohnt er im Prenzlauer Berg. Kurz vor dem Mauerfall bemühte er sich um Asyl in der Hauptstadt der DDR, doch seine Papiere gingen verloren, sodass er bis 2008 im wiedervereinigten Berlin als Illegaler lebte. Seit drei Jahren ist Adam wieder ein offizieller Eidgenosse, der nun auch amtlich Tellmeister heißen darf.

»Wenn wir ‚Röschti-Treffen‘ machen, ist der Laden voll. Wir merken, dass es ein großes Interesse gibt, obwohl wir kein Stammtisch sind. Wir machen so etwas Ähnliches, aber mit anderen, ironischen und dadaistischen Inhalten. Wir wurden auch schon moderne Boheme genannt. Hermann Rohner, der Wirt der Röschti-Bar, macht das alles möglich. Die Leute, jung und alt, fühlen sich bei ihm wohl. Wir sind eine gemischte, bunte Truppe, machen Jazz und Lesungen, halten Vorträge und treten auf der kleinen Bühne auf. Alles ist ganz natürlich und unkompliziert.«

Jennifer Mulinde-Schmid. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Jennifer Mulinde-Schmid. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Zu den Stammgästen und Stars der kreativen Begegnungen in der Mariannenstraße 50 gehören auch Jennifer Mulinde-Schmid und Mike Hentz. Die seit sieben Jahren in Berlin lebende Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin kam 1982 in Mombasa (Kenia) zur Welt und wuchs in Zürich auf. Sie tritt in der selbst geschriebenen Comedy Show »Heidi von der Alm« auf, in der sie sich über die Klischees in und um die Schweiz lustig macht. Der Maler, Filmer, Musiker, Kunstprofessor und Schauspieler Mike Hentz ist ebenfalls polynational: 1954 in einer österreichisch-ungarisch-italienisch-schweizerischen Familie in New Jersey geboren, führt der Teilnehmer der documenta 8 und 9 häufig ein Kunstnomadenleben, von dem er sich in Berlin erholt, in der Röschti-Bar Jazzmusik macht oder Platten auflegt.

Mike Hentz (l.) und Adam Tellmeister. Foto © Eva Brunner
Mike Hentz (l.) und Adam Tellmeister. Foto © Eva Brunner

Globale Ziele

Alle guten Ideen sind drei: Ende des vorigen Jahres bildete sich in der Helvetia Röschti-Bar eine Initiativgruppe, die dort die »5. Schweiz« ausgerufen hatte. Ohne Zweifel werden Hermann Rohner, Adam Tellmeister, Eva Brunner, Jessica Mulinde-Schmid und Mike Hentz zur »5. Schweiz« gerechnet. Sie gehören zu den zehn Prozent (700 000) Schweizerinnen und Schweizern, die außerhalb der vier helvetischen Sprachgebiete leben. Die fünfköpfige Gruppe aus der »5. Schweiz« verfolgt mit ihrem Projekt globale Ziele. Sie strebt den Zusammenschluss von im Ausland lebenden Kulturschaffenden schweizerischer Herkunft an, um ein (weltum)spannendes Netzwerk aufzubauen. Das vom Mike Hentz entworfene Logo der »5. Schweiz« sieht wie ein Mix aus dem helvetischen Kreuz und dem ostdeutschen Ampelmännchen aus.

Text © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 7 / März 2011


www.roeschti-bar.de