Boris Mikhailov: »Ich habe mich entschieden, das zu zeigen, was wirklich ist«

Die Ausstellung »Time is out of joint« in der Berlinischen Galerie mit über 300 Fotoarbeiten aus 45 Jahren ist die größte und umfangreichste Werkschau des ukrainischen Künstlers Boris Mikhailov in Deutschland.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Auf die Frage, ob er ein Dokumentarist oder ein Fotokünstler sei, antwortet Boris Mikhailov: »Ich schwebe irgendwo dazwischen.« Und tatsächlich ist der Begriff »dazwischen« ein Schlüssel zum Verständnis seines Werks, das sich formal wie inhaltlich in zwei Richtungen bewegt. Zum einen besteht es aus inszenierten Aufnahmen, in denen der Fotograf, seine Frau und seine Freunde in schlichten Interieurs oder im Freien agieren. Sie feiern das Individuum, das sich in einer Gesellschaftsordnung, die das Kollektiv zum Maß aller Dinge erklärte, nur im Privaten entfalten kann. Zum anderen hält der Künstler gewöhnliche, häufig banale Aspekte des öffentlichen Lebens fest – und führt vor, dass die inszenierte, von der Ideologie dominierte Öffentlichkeit eine Staffage ist, in der die Menschen Freiräume finden, um ihre Nähe ungezwungen zu genießen: auf einer Familienfeier, an einem, wenn auch verseuchten und von rauchenden Schloten umgebenen Salzsee, beim Tanz in den Mai, bei einem frivolen Schwätzchen auf einer Parkbank. Diese spontanen Zeugnisse des persönlichen Glücks stehen im krassen Gegensatz zum System, das die ganze Menschheit und seine eigenen Bürger mit einer menschenverachtenden Ideologie beglücken wollte. Sich auf die Dauer als Individuum im verordneten Kollektiv zu behaupten, reibt die Menschen auf, auch wenn sie sich mit ihrer Situation scheinbar abgefunden haben. »Die Kleinen sind müde geworden. Das ist die Wahrheit«, notierte Boris Mikhailov in seiner Chronik »Unvollendete Dissertation« (1984-1985), die aus schwarzweißen Fotos und handschriftlichen Kommentaren besteht. »Indem ich die Form des Protokollierens gewählt habe, habe ich mich entschieden, das zu zeigen, was wirklich ist.«

Boris Mikhailov, aus der Serie "Case History", 1997-98. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Boris Mikhailov, aus der Serie „Case History“, 1997-98. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Die Zeit ist aus den Fugen,
verfluchte Schicksalstücken,
dass ich geboren ward,
um sie zurechtzurücken.

Die Retrospektive »Time is out of Joint« – »Die Zeit ist aus den Fugen« (ein Zitat aus »Hamlet« von William Shakespeare) in der Berlinischen Galerie offenbart, dass der 1938 in Charkiw in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik geborene Boris Mikhailov auch nach dem Untergang der Sowjetunion seiner Entscheidung treu geblieben ist. Während er früher das zeigte, was die Menschen nicht sehen durften, zeigt er heute das, was sie nicht sehen wollen. Seine in den 1960ern, 1970ern und 1980ern entstandenen Fotoserien sind zum Teil sinnlich und erotisch, sie feiern den nackten weiblichen und männlichen Körper als Quelle der Lust. Die Darstellung von Sexualität und erotischen Fantasien ist ein Ausdruck persönlicher Freiheit des Künstlers und seiner »eigenen sexuellen Revolution«, worüber die Serie »Überblendungen« (1968-1975) Auskunft gibt. Das, was jetzt wie großformatige bildgewordene Träume an der Wand der Berlinischen Galerie hängt, war ursprünglich eine Reihe von Diapositiven, die, mit Musik von Pink Floyd unterlegt, in Form einer psychedelischen Diashow präsentiert wurde. »Damals war ich eine Art Popstar der inoffiziellen ukrainischen Kunstszene«, sagt der Fotograf. »Als Sergej Morosov, Hauptkunstkritiker der Ukraine, meine Fotoarbeiten Ende der 1970er Jahre sah, verkündete er, dass, solange er lebe, diese hässliche Kunst nicht gezeigt wird.« Doch was »hässlich« oder »schön« sein darf, ließ sich der in Charkiw und seit 2000 auch in Berlin lebende Künstler nie vorschreiben. In einem repressiven und allgegenwärtigen Staat, der die intimsten Sphären des Lebens seiner Untertanen kontrollierte, war die Kunst der einzige Hort der Freiheit, und der Künstler ein Bohemien und ein gefürchteter Paradiesvogel. Sein vielfältiges, gleichermaßen ironisches und ernstes Werk blieb lange Zeit im Verborgenen, weil es die ästhetische und ideologische Deutungshoheit in Frage stellte. Boris Mikhailov strebte nämlich danach, »die hypertrophen Prozesse unserer Gesellschaft auszugleichen, die die Wirklichkeit durch einförmige Interpretation verzerrte, jegliche Kunstströmungen bis auf den Sozialistischen Realismus untersagte und die Darstellung des nackten Körpers verbot.«

Boris Mikhailov, aus der Serie "Case History", 1997-98. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Boris Mikhailov, aus der Serie „Case History“, 1997-98. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Öffentlicher und privater Kitsch

Die Fotografie gehörte in der Sowjetunion, im Gegensatz zum Film, nicht zu den wichtigsten aller Künste. Fotografen, die den ungeschönten Alltag dokumentieren wollten, waren unerwünscht. Wenn sie private Aktaufnahmen machten, wurden sie der Pornografie bezichtigt. Lichteten sie Menschen auf der Straße, Amtsgebäude oder Bahnhöfe ab, gerieten sie unter Spionageverdacht. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Boris Mikhailov, gelernter Ingenieur und Angestellter einer Fabrik, die Raketen baute, ausgerechnet dank des KGB zum Fotokünstler wurde. Die Nachricht, dass er in der Dunkelkammer seines Betriebs private Aktfotos entwickelte, schlug wie eine Rakete ein. Zwei Mitarbeiter des sowjetischen Geheimdienstes nahmen den »Pornografen« fest, fesselten ihm die Hände auf dem Rücken und führten ihn ab. Er wurde aus der Fabrik entlassen, fand eine neue Stelle, arbeitete in seinem Beruf und später bis 1980 als technischer Fotograf. Der Autodidakt nahm offizielle Porträts auf, vergrößerte alte Familienfotos, er reproduzierte oder kolorierte sie. Seine damaligen Arbeiten, aus denen unter anderem die Serien »Red« (Rot), »Luriki«, »Soz Art«, »Blacke Archive« (Schwarzes Archiv) und »Viscidity« (Klebrigkeit) entstanden, spiegeln die Wirklichkeit ironisch wider. Obwohl Mikhailov ein urbaner Künstler ist, drücken seine Bilder die Ortlosigkeit aus. Zwischen anonymen und heruntergekommenen Plattenbauten stehen provisorische Schuppen, hie und da auch kleine Holzhäuser, Überbleibsel der vorrevolutionären Zeit. Die Stadt ist ein Provisorium, in dem Menschen leben, deren Kleidung die bäuerliche Herkunft verrät. Sie sind keine Dörfler mehr und noch keine Städter, denn sie können in einer verwahrlosten Umgebung nicht heimisch werden. Der inflationäre Gebrauch der roten Farbe an Orten, wo »spontane« Massenaufläufe stattfinden, unterstreicht das allgegenwärtige Grau der inszenierten Öffentlichkeit. Im Gegensatz dazu drückt das handkolorierte Porträt von zwei jungen Matrosen mit einem großen Plüschteddy in der Mitte die Sehnsucht nach dem privaten Kitsch aus. Die Matrosen sehen wie ein schwules Paar aus, doch so etwas durfte es in der kommunistischen Gesellschaft, geschweige denn in der Roten Armee, nicht geben… »Außer dass ich beobachtet und nicht ausgestellt wurde, musste ich in der Sowjetzeit nicht besonders leiden«, merkt der Künstler an. »Heute werde ich in der Ukraine anerkannt, doch nicht ausgestellt. Der Kulturminister sagte, dass er mich für diese Bilder mit seinen eigenen Händen erwürgen könnte.«

Boris Mikhailov, aus der Serie "In The Street", 2001-2003. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Boris Mikhailov, aus der Serie „In The Street“, 2001-2003. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Krankengeschichten

»Diese Bilder« sind in der Tat nichts für Kulturfunktionäre und Ästheten, die vor der Wirklichkeit ihre Augen verschließen. Die in den letzten 20 Jahren entstandenen Fotoserien »By the Ground« (Am Boden) in Sepia, »At Dusk« (Dämmerung) in Blau, »If I were a German« (Wenn ich ein Deutscher wäre) in Schwarz-Weiß und die »Case History« (Krankengeschichte) in Farbe dokumentieren vor allem den Zerfall einer Gesellschaft beim Übergang vom Staatskommunismus zur freien Marktwirtschaft. »Als wir 1997 aus Berlin, wo mein Mann ein Jahr lang DAAD-Stipendiat war, nach Charkiw zurückkehrten, fielen uns sehr viele Leute auf, die obdachlos waren und auf der Straße lebten, Erwachsene und Kinder«, erzählt Vita Mikhailov, Ehefrau und Assistentin des Künstlers. »Wir sprachen sie an und fragten, ob er sie fotografieren dürfe. Sie waren sofort einverstanden, vor allem deshalb, weil sich jemand für sie interessierte.« Sie zeigten dem Fotografen das Einzige, was sie noch hatten: ihre nackten, von Armut, Krankheit, Wunden und Narben gezeichneten Körper. Dass der Künstler sie dafür bezahlte, fanden viele Kunstfreunde empörend. Warum eigentlich? Sollten sie stattdessen wie erwartet im Verborgenen bleiben oder betteln gehen? Mit fast 400 Bildern ist »Case History« die größte Fotoserie von Boris Mikhailov. Doch obwohl diese »Krankengeschichte« abgeschlossen ist, tauchen an seinem neuen Wohnort alte Probleme auf: Vereinsamung, Verwahrlosung der Umgebung, Beziehungslosigkeit, Obdachlosigkeit. Die 2000 begonnene Serie »In der Straße« spielt in Berlin, dessen Bewohner seltsam antiquiert wirken. Sie verbringen ihre Freizeit am liebsten auf Märkten, Rummelplätzen oder in heruntergekommen, provisorischen und deshalb unverwüstlichen Imbissbuden. Auch in Berlin ist Charkiw allgegenwärtig.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 6, März 2012


Boris Mikhailov
Time is out of joint. Fotografien 1966–2011
24.02.-28.05.2012
Berlinische Galerie
Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin-Kreuzberg

Mittwoch-Montag 10:00-18:00 Uhr
Dienstag geschlossen

Tageskarte 8/5 Euro
jeden ersten Montag im Monat 4 Euro
Freier Eintritt bis 18 Jahre


Katalog, Preis  24,80 Euro

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