Das Festival »intermedia 69« in Heidelberg oder wie die »Kunst für alle« begann

Gleich am Eingang zu Ausstellung »Kunst für alle« in der ersten Etage der Akademie der Künste in Berlin-Tiergarten flimmern und rauschen zwei alte Schwarzweißfilme. Zu sehen ist darauf eine Welt, die in Bewegung geraten ist und nicht mehr stillhalten kann. Ausgelassene Massen tummeln sich in den Sälen, sitzen, tanzen oder düsen auf Motorrädern durch die Straßen. Spärlich bekleidete blonde Mädchen, eine Mischung aus Twiggy und Brigitte Bardot, lassen ihre Haare kreisen und kreischen im Rhythmus des Jazz. Langmähnige Jungs tragen auf ihre Oberkörper und Beine dicke Schichten Farbe auf. Ein buntes und lautes Treiben, chaotisch, Tabu-brecherisch, rebellisch. Eine Bühne für gezielte und spontane Aktionen in einer betäubenden Geräuschkulisse, aus der sich zornige Worte lösen: »Angst ist individuell. Blut? Was ist schon Blut!? Scheißwasserfarbe ist es. Wir wollen kein Blut! Wir können auch ohne Blut unser Ego verlieren. Können Sie das jetzt auch?«

Von Urszula Usakowska-Wolff

Deutschland im Mai 1969. Swinging Sixties auf einem Jahrmarkt der Künste. Nicht etwa in Köln, Hamburg oder West-Berlin, sondern in Heidelberg, dieser malerischen und (klein)bürgerlichen Stadt am Neckar, der die Kunst verhelfen sollte, so Klaus Staeck, »aus der ewigen Provinz auszubrechen.« Indem Heidelberg zum Schauplatz von zum Teil waghalsigen Aktionen, Happenings, Filmen, experimenteller Musik, Aktionstheater, Eat Art, Street Art, Sound Art und Land Art wurde, konnten alle, die es wollten, sehen, dass auch die »ewige Provinz« das Zeug dazu hat, sich in einen kreativen und lebendigen Ort zu verwandeln, der die Kunstmetropolen in den Schatten stellt.

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Edition Tangente scheut keine Experimente

Das am 23. Mai 1969 in Heidelberg eröffnete Kunstfestival »intermedia 69« dauerte nur drei Tage, doch es hatte weitreichende Folgen: für die Kunstwelt und für Klaus Staeck. Der damals 31-jährige Jurist, einer der Initiatoren und Teilnehmer des multimedialen und medienwirksamen Festivals, hatte schon als Kind ein Faible für Kunst und wollte Künstler werden. Nach seiner Flucht aus der DDR merkte er schnell, dass er sich in der BRD zwar künstlerisch frei entfalten, schalten und walten kann, wie er will, aber nur dann, wenn er einen Beruf erlernt, der ihm eine Existenzgrundlage sichert. Der Pragmatiker Klaus Staeck entschied sich für die Jurisprudenz, die er in Heidelberg, Hamburg und Berlin studierte. Zugleich suchte er einen Weg, seine Mitte der 1960er Jahre entstandenen und in kleiner Auflage gedruckten Holzschnitte und Siebdrucke sowie die Multiples anderer Künstler einem großen Publikum zugänglich und erschwinglich zu machen. 1965, drei Jahre vor seiner Zulassung als Rechtsanwalt, gründete er die Edition Tangente in Heidelberg. »Ich konnte und wollte nicht mit der Mappe unterm Arm umherziehen und in Galerien um eine Ausstellung betteln. Deshalb mussten neue Angebots- und Vertriebswege her. Mir und auch anderen wollte ich damit beweisen, dass die Selbstorganisation ein Ausweg aus dieser für mich beklemmenden Situation sein konnte. Das allgemeine gesellschaftliche Klima schien für solche Experimente günstig«, schreibt Klaus Staeck im Katalog der Ausstellung »Kunst für alle«.

Günther Uecker, "Fallgrube", Festival intermedia69 Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Günther Uecker, „Fallgrube“, Festival intermedia 69. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Neue Freiheiten in turbulenten Zeiten

Einer der ersten Künstler, dessen Serigrafien, die sich mit der damals weitgehend verschwiegenen deutschen Geschichte, mit Gewalt, Brutalität und der technisierten Mordlust der Menschen auseinandersetzten, in der Edition Tangente veröffentlicht wurden, war Wolf Vostell. 1968 lernte Klaus Staeck auf der documenta 4 in Kassel Joseph Beuys kennen, der für ihn die erste originäre Postkarte entwarf. Seine Edition zog Künstler an, die sich für den erweiterten Kunstbegriff stark machten und die Grenzen zwischen Kunst und Leben aufheben wollen. Das war eine Haltung und Herangehensweise, die sich zuerst keiner großen Popularität bei denen erfreute, die darüber bestimmten, wer auf dem etablierten Kunstmarkt reüssieren und zur elitären Kunstszene gehören darf. So wurde die Edition Tangente in der konservativen Universitätsstadt Heidelberg zu einem Treffpunkt der damaligen Avantgarde, zu der Künstler gehörten, die, unabhängig davon, ob sie sich der Fluxus-Bewegung, der Zero-Gruppe, den Nouveaux Réalistes oder der gegenständlichen Malerei verbunden fühlten, vor allem einer mehr oder weniger spektakulären Aktionskunst frönten. Das damals herrschende gesellschaftliche Klima begünstigte in der Tat die Entwicklung. alternativer Ausdrucksformen, Vertriebswege und Schauplätze der Kunst. Es waren turbulente Zeiten, in denen neue Freiheiten erobert, Grenzen überwunden und Tabus gebrochen wurden. Eine allgemeine Aufbruchstimmung machte sich breit, von der auch die Kunst erfasst, verändert und demokratisiert wurde. Die Künstler suchten neue Wege und Organisationsmodelle, um das Monopol der Akademien, Museen und Kunsthändler zu brechen. Ihre Provokationen hatten auch das Ziel, das konservative Kunstverständnis des Bildungsbürgertums zu erschüttern. Die Kunst war häufig das Werk von begabten Dilettanten, die, mit zahlreichen Talenten gesegnet, weder Mühe noch Zeit scheuten, sie kreativ und offensiv, auch wenn manchmal gewöhnungsbedürftig, umzusetzen: Sie malten, zeichneten, dichteten, komponierten, bauten Maschinen und kinetische Objekte, verfassten Manifeste, filmten, fotografierten, kochten und organisierten große Feste, die sie zusammen mit dem Publikum feierten. So setzten sie den erweiterten Kunstbegriff um, lange bevor er erfunden wurde.

Festival intermedia 69, Auszug aus der Chronik. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Festival intermedia 69, Auszug aus der Chronik. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Anarchisch und rebellisch

Das Kunstfestival »intermedia 69« wurde aus dem Geist des Protestes geboren. Es sollte zeigen, dass Kunst auch außerhalb von Institutionen und institutioneller Unterstützung etwas bewirken kann und dass Künstler und alternative Kunstvermittler imstande sind, in Eigenregie und auf eigene Kosten eine internationale Großveranstaltung auf die Beine zu stellen. Als Gegenentwurf zu der konventionellen, von privater und öffentlichen Hand finanzierten Ausstellung »Plastik der Gegenwart«, mit der die Galerie Rothe und der Kunstverein Heidelberg im Mai und Juni 1969 das kunstbeflissene Publikum ihrer Stadt beglücken wollten, dachten sich Klaus Staeck (Edition Tangente) und sein Freund Jochen Goetze (ag Kunst am Klausenpfad ) ein Kunstspektakel aus, das sich zwischen Anarchie und Rebellion bewegen und ein Ausblick auf die Kunst der 1970er Jahre sein sollte. Den Namen »intermedia« als Hinweis auf den intermedialen und interdisziplinären Charakter des geplanten Kunst- und Kulturfestes steuerte der Kanadier Dick Higgins bei: Fluxus-Künstler, Komponist, Dramatiker, Autor und Verleger. »Nicht flüchten in Zentren, sondern Terrainerweiterung außerhalb der Metropolen war unser Arbeitsansatz. Ausschwärmen, Rückkopplung, Stützpunkte ausbauen, nicht einigeln, aufeinander hocken. Es ging nicht um den Ausbau des Elfenbeinturms, sondern um seine Sprengung«, so Klaus Staeck.

Festival intermedia 69. "Ein prima Publicity-gag für die Amis". Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Festival intermedia 69. „Ein prima Publicity-gag für die Amis“. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Falsche Nachrichten und unverhüllte Aufschriften

Das Kunstfestival »intermedia 69« sorgte für großes Aufsehen und war ein Publikumsmagnet. 50 Künstlerinnen und Künstler haben daran teilgenommen, darunter solche, die heute Sammlerherzen höher schlagen lassen, einen festen Platz in der Kunstgeschichte haben und/oder Stars der internationalen Kunstszene sind: Tremezza von Brentano, Jan Dibbets, Robert Filliou, Jörg Immendorf, Jochen Gerz, Dieter Roth, Günther Uecker, Imi Knoebel, Milan Knížák, Edward Krasiński, Blinky Palermo, Michelangelo Pistoletto, Daniel Spoerri, Ben Vautier, Klaus Rinke. Das intermediale Spektakel wurde zu einem multimedialen Ereignis. »Daniel Spoerri, 38, exilrumänischer Bild- und Koch-Künstler aus Düsseldorf, ließ in der Studenten-Mensa ein transsilvanisches Gulasch reichen und erschreckte dann mit der (falschen) Nachricht, das Mahl sei aus Pferdefleisch bereitet«, schrieb im Artikel »Richtig kühn« DER SPIEGEL (Ausgabe 22/1969). »Klaus Staeck, 31, Rechtsanwalt und Graphiker aus Heidelberg, unterzog ein Landschaftsgemälde (Kaufpreis im Kaufhof: 95 Mark) einem vollen Waschprogramm in einer ‘Constructa’‚ und holte die Leinwand gereinigt hervor. Staeck empfiehlt die Methode ’allen Museen, damit sie die Wände wieder frei bekommen.’« Fünftausend Leute, darunter Mitglieder eines Motorradclubs kamen in die Stadt und mischten sie auf. Vor allem die Einladung von Christo, der 1968 die Kunsthalle in Bern verhüllen ließ, sorgte für Schlagzeilen. Er sollte auf Wunsch von Klaus Staeck und Jochen Goetze diesmal das Heidelberger Schloss verpacken lassen, doch weil das Schloss in Wirklichkeit eine Ruine war, wurde dafür keine Genehmigung erteilt. Als Alternative wurde ihm das Amerika-Haus angeboten. Die Verhüllung war ein ästhetisches Desaster. »Mit zwanzig Helfern, 1900 Metern weißer Gitterfolie (‘Delta-Fol’), 900 Metern Draht und 450 Metern Seil verwandelte Christo das graue Haus in ein grausiges Objekt – als ob ein schwer Blessierter von Verbänden umhüllt sei. Nur an der Rückwand blieb eine Lücke frei; dort nistete ein Sperling«, berichtete des Weiteren DER SPIEGEL. Die Heidelberger, vor allem die Mitglieder des Sozialistischen Deutschen Studentenverbands, enthüllten die wahren Gründe der Verhüllung. »Diese Scheiß-Verpackungsaktion ist natürlich ein prima Publicity-gag für die Amis«, »Kunst als Weißmacher« und »Außen Scheiß-Kunst, innen Scheiß-Dunst«, schrieben sie auf der Folie.

Klaus Staeck. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Klaus Staeck neben dem „Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann“ (1969) von Sigmar Polke. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Nach dem Ende der »intermedia 69« befand sich Klaus Staeck und seine Edition Tangente auch schon fast am Ende. Er musste den ganzen Spaß bezahlen: die zertrampelten Schieferplatten auf dem Dach des Amerika-Hauses mussten durch neue ersetzt werden, genauso die Fenster in einem Studentenheim, auf die Jörg Immendorf Flugblätter mit Wasserglas befestigt hatte. Klaus Staeck bat die mit ihm befreundeten Künstler um Hilfe. Sie starteten eine Solidaritätsaktion und überließen ihm neue Auflageobjekte unentgeltlich zum Verkauf. So kamen Multiples von zwölf Künstlern zusammen, unter anderem von Joseph Beuys, Dieter Roth, Daniel Spoerri und das bereits legendäre »Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann« von Sigmar Polke. Leider wollte sie damals niemand kaufen. Doch Klaus Staeck spürte, dass trotz aller Misserfolge und Niederlagen das »Multiple-Zeitalter« angebrochen war. Er wurde zu einem der wichtigsten Verleger von Multiples und hält diesem Medium die Treue bis heute.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 8/2015


Kunst für alle. Informationen über die Ausstellung

KUNST FÜR ALLE

Multiples, Grafiken, Aktionen aus der
Sammlung Staeck

noch bis zum  07.06.2015

Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin

 Öffnungszeiten

Mo–So 11–19 Uhr (und während der Veranstaltungen)

Eintritt: 6 / 4 Euro
bis 18 Jahre und dienstags von 15 bis 19 Uhr Eintritt frei

 Die Ausstellung wird von zahlreichen Veranstaltungen und einem Vermittlungs-programm für Kinder
und Jugendliche begleitet. 

www.adk.de >>>

www.adk.de/kunstwelten >>> 

Katalog »Kunst für alle«
mit Beiträgen von Klaus Staeck, Thomas Wagner, Stephan von Wiese, Claudia Jansen, 
Wolfgang Ullrich
und Oskar Negt.
AdK Berlin 2015, Preis 18 Euro