Der komplexe Kosmos des Künstlers Sigmar Polke

Zur »Langen Polke-Nacht«, die am 23. Februar anlässlich der Ausstellung »Sigmar Polke. Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck« in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 stattfand, wurden Freunde, Mitstreiter und Familienangehörige des aus Niederschlesien stammenden Wahlkölners eingeladen, die das Publikum mit persönlichen, oft intimen Einblicken in dessen Leben und Werk mehr als fünf Stunden bei Laune hielten.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Die »Lange Polke-Nacht«, vom Posaunisten Conny Bauer musikalisch begleitet, war eine multimediale und abwechslungsreiche Talkshow. Zum einen kamen seine Zeitgenossen: Galeristen, Sammler, Künstler und einige Kunstkritiker zu Wort, die sich mal nostalgisch, mal nüchtern, mal heiter an die frühen wilden Jahre erinnerten, als sie alle zwar noch recht arm und unbekannt, aber voller Ideen und Tatendrang waren und meinten, Kunst und Gesellschaft verändern zu können. Zum anderen wurden Filme von Rebecca Horn, Klaus Mettig, Ernst Mitzka und Franz Fischer mit Performances aus der ersten Hälfte der 1970er gezeigt, an denen sich Sigmar Polke beteiligte. Vielen »normalen« Leuten erschien er damals als Bürgerschreck und »exotischer Wahnsinnkünstler«, denn nach der Trennung von seiner Frau und ihren beiden Kindern zog er 1972 nach Willich am Niederrhein, wo er in einem großen Bauernhaus, dem Gaspelshof, in einer Kommune wohnte und ein Aufsehen erregendes Leben führte.

"Lange Polke-Nacht" mit Klaus Staeck (r.) und Klaus Mettig, AdK, 23.02.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
„Lange Polke-Nacht“ mit Klaus Staeck (r.) und Klaus Mettig, AdK, 23.02.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Viel mehr als nur Exzess

Den Multimedia-Künstler Klaus Mettig verband mit Sigmar Polke eine langjährige Freundschaft:

»Wir sind uns begegnet, als er mit Mariette Althaus eine Lebenssituation hatte. Ich hütete das Haus und passte auf den Hund auf, als sie unterwegs waren. Mariette war eine sehr dominante und bestimmende Kraft in diesem Konglomerat gewesen, hat immer dafür gesorgt, dass dieses Haus offen war für Gäste, dass in dieser Situation, wo viel gefeiert wurde, auch gearbeitet werden konnte. Sigmars Ehefrau Karin habe ich später in Berlin kennen gelernt. Eine klassische familiäre Situation war in Willich nicht vorhanden aufgrund der Offenheit, mit der man in einem künstlerischen Milieu lebte. Es war ein sehr komplexer Kosmos, der sich um Sigmar bildete, wo viel mehr dahinter steckte als nur der Exzess. Es war eine sehr produktive Zeit, eine klare Auseinandersetzung mit künstlerischen Positionen, mit der Kunst an sich und mit der Arbeit, deshalb musste eine Basis da sein, für die Mariette sorgte.«

Polkes damalige Lebensgefährtin, die nach Berlin aus der Schweiz gekommen war und im Publikum saß, wurde nach diesen Worten mit lang anhaltendem Beifall bedacht.

Anna Polke, Klaus Staeck und Georg Polke, AdK, 23.02.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Anna Polke, Klaus Staeck und Georg Polke, AdK, 23.02.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Alltägliche Situationen

»Wir waren eine Patchwork-Familie«, merkte Polkes 1960 geborener Sohn Georg an. »Mein Vater hatte viele Freundinnen, meine Mutter hatte ab und zu einen Freund, wir sind in Berlin aufgewachsen in einer WG, in die wir 1971 eingezogen sind.« Wenn Georg seine Schulferien in Willich verbrachte, herrschte dort »ein permanentes Ein und Aus. Als ich sagte, ich möchte Ruhe haben, schmiss Sigmar alle seine Freunde raus. Dort hat er so viel gemalt, dass die Pinsel rauchten. Er war im Kopf sehr geordnet, aber auch in der Realität. Er war immer sehr genau und hatte eine ganz einfache Lebenseinstellung: ‚Was ich sehe, sehe ich und gebe es als Arbeit der Welt.’« Georg hatte von seinem Vater Ironie, »handwerkliche Sachen« und Zeichnen gelernt, und ist auch selbst Künstler geworden: »Das funktionierte auf Gegenseitigkeit, weil ich ihm beigebracht habe, wie man auf eine bestimmte Weise Filme entwickelt und dann die ganze Computertechnik. Das war aber kein Spaß, sondern richtige Arbeit. Wir haben uns gegenseitig befruchtet, am Computer war ich schneller und habe viele Motive für ihn bearbeitet.« Georgs vier Jahre jüngere Schwester Anna, die als Schauspielerin am Theater Oberhausen arbeitet, ergänzte: »Wir waren immer eine Familie, auch wenn wir nicht zusammen lebten. Mir war es nicht bewusst, dass er jemand so außergewöhnlicher war. Ich kenne meinen Vater aus alltäglichen Situationen, wir haben nicht so viel über Kunst gesprochen. Er war sehr genau und akribisch, hat sich stets autodidaktisch weiter gebildet, und das imponiert mir heute noch und hält das Bild meines Vaters am Leben. Was er mir schenkte, fand ich nicht so normal, denn mit zwölf wünschte ich mir etwas anderes als eine Holzmaske aus Afrika oder Indonesien.«

"Lange Polke-Nacht" mit Erhard Klein, AdK, 23.02.2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
„Lange Polke-Nacht“ mit Erhard Klein, AdK, 23.02.2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Unorthodoxes Zeug

Zu den Gefährten Sigmar Polkes, die ihn als Künstler und Menschen gut kannten, gehört Erhard Klein. Der gelernte Bibliothekar verzichtete aus Liebe zur Kunst auf seine sichere Beamtenlaufbahn und eröffnete 1970 eine Galerie in Bonn, wo er fünf Jahre später seine erste Polke-Personale zeigte. »Sigmar hatte damals eine sehr lebendige Ausstellung bei mir gemacht mit Diaprojektionen und Schablonen, die er auch benutzte, um Grafiken und Bilder teilweise zu bemalen. Diese Bilder, Fotodrucke auf Leinwänden, die er mit Eiweißlasur übermalte, kosteten damals 400 DM, und werden heute bei Christie’s für 80 000 Euro versteigert. Es war schwierig, sie damals zu verkaufen, das hat manchmal Monate oder sogar Jahre gedauert. Ich habe mit Polke zehn Ausstellungen und elf Grafikeditionen gemacht. Er hat mir zu jeder Messe Zeichnungen oder Bilder geliefert. Unsere Zusammenarbeit klappte sehr gut. Es war immer sehr spannend, sehr aufregend, auch die Besuche bei ihm«, sagte Klein. Obwohl der am 10. Juni 2010 verstorbene Künstler seit Beginn der 1980er Jahre ein international gefeierter Star war, für dessen Werke schwindelerregende Beträge gezahlt wurden, blieb er seinem Galeristen bis zum Ende treu. In der Galerie Klein lernte Jürgen Becker, der Mitte der 1970er Jahre in Bonn Jura studierte, Sigmar Polke kennen. Er begann, dessen Zeichnungen und Editionen zu sammeln, weil er merkte, dass dieser Künstler »ein ganz unorthodoxes Zeug, keine Holzschnitte oder Kaltnadelradierungen, sondern Offsetdrucke machte, die damals unter künstlerischem Gesichtspunkt nicht salonfähig waren. Das war für mich ein interessantes Experimentierfeld, und ich habe ein ganz bestimmtes Vokabular entdeckt, das er in seinen Bildern verwendet hat.« Jürgen Becker, der seit 1989 seine eigene Galerie in Hamburg betreibt, ist Mitherausgeber des Werksverzeichnisses von Sigmar Polkes Editionen.

"Lange Polke-Nacht" mit Conny Bauer, AdK, 23.02.2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
„Lange Polke-Nacht“ mit Conny Bauer, AdK, 23.02.2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Viele Interpreten

Während der »Langen Nacht« wurde in der AdK auch über den »politischen Polke« diskutiert. Für Wiebke Siever, die gerade in Bonn eine Dissertation zu diesem Thema schreibt, ist er »unglaublich vielseitig, spannend und singulär, von Anfang an ein Medienkünstler mit offener Ikonografie.« Professor Dr. Dietmar Rübel von der Akademie der Bildenden Künste in Dresden meint, dass er »eine tolle Kunst zur Entgiftung der Kunsthistoriker machte«, denn sie müssen keine Kunstbücher, sondern amerikanische Comics aus den 1920er Jahren studieren. Für den Berliner Kunsthistoriker Robert Kudielka ist Polke »subtil gesellschaftskritisch, denn er schuf Bilder, die uns auf eine vergnügliche Weise nachdenklich machen.« Klaus Staeck, Präsident der AdK und Kurator der bis zum 13. März dauernden Polke-Ausstellung, wehrt sich dagegen, in seinem Partner und Freud einen Spaßmacher zu sehen. »Unsere Absicht war es zu zeigen, dass er bei aller ironischen Distanz ein seriöser Künstler war.« Sigmar Polke, der sich zu seiner Kunst selten äußerte, hat jetzt viele Interpreten, die sie und ihn, jeder auf seine Art, erklären.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 6, März 2011

"Lange Polke-Nacht" mit dem strassen|feger als Medienpartner. Auf dem Bild: unser Verkäufer André, AdK, 23.02.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
„Lange Polke-Nacht“ mit dem strassen|feger als Medienpartner. Auf dem Bild: unser Verkäufer André, AdK, 23.02.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Sigmar Polke – Eine Hommage
Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck
Bis 13.03.2011
Akademie der Künste
Pariser Platz 4
10117 Berlin
Di-So 11-20 Uhr
Eintritt 6 / 4 Euro
Bis 18 Jahre und am 1. Sonntag im Monat Eintritt frei 

Publikation
Sigmar Polke, Rasterfandung, Steidl, 2011