Der Titel hält, was er verspricht: Diese »Kunst« ist wirklich »für alle«!

Unter großer Publikumsbeteiligung wurde am 17. März in der Akademie der Künste in Berlin-Tiergarten die Ausstellung »Kunst für alle« eröffnet, in der, zum ersten Mal in diesem Umfang, ein beachtlicher Teil der Sammlung Staeck gezeigt wird.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Einen solchen Andrang hat die Akademie schon lange nicht erlebt: Eine halbe Stunde vor der Ausstellungseröffnung platzte der große Saal aus allen Nähten, denn über 600 Menschen waren gekommen, um an der Eröffnungsfeier teilzunehmen. Kein Wunder, denn es stand ein besonderes Ereignis bevor: Am Ende seiner Präsidentschaft, die nach drei Amtszeiten Mitte des Jahres ausläuft, schenkte Klaus Staeck den Berlinern eine Ausstellung, wie sie in dieser Hülle und Fülle im Haus am Hanseatenweg 10 noch nie zu sehen war. Die Eröffnungszeremonie dauerte fast anderthalb Stunden, in denen der Künstler, Verleger, Sammler und Präsident, der am längsten in der Nachkriegsgeschichte der Akademie dieses Amt bekleidete, von drei Rednern gewürdigt wurde. Hermann Parzinger, auch er Präsident, nämlich der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unterstrich, dass Klaus Staeck die Akademie in einem bisher nie gekannten Ausmaß der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, der Kunsthistoriker Horst Bredekamp legte in einer multimedialen Präsentation nahe, dass Klaus Staeck eine prägende Rolle in der Entwicklung und Wahrnehmung der Kunst der letzten 50 Jahre gespielt und Kunstgeschichte geschrieben hat, der Schauspieler, Regisseur und Maler Achim Freyer steuerte mit seinem lautmalerischen Gedicht über »Kunst für alle« zur allgemeinen Heiterkeit bei. Am Ende dieser langen, aber kurzweiligen und entspannten Zeremonie ergriff Klaus Staeck das Wort. Mit dem für ihn typischen Humor und der erfrischenden Selbstironie sagte er, er sei ein »protestantischer Preuße und ein exaltierter Stoiker«, der immer mit »drei Beinen« fest im Leben stand, Mut zum Risiko hatte, für den öffentlichen Raum kämpfte, und es ihm deshalb besonders wichtig war, dass der strassen|feger nicht nur Medienpartner seiner Ausstellung wird, sondern dass die strassen|feger-Verkäufer die Zeitung in und nicht nur vor der Akademie verkaufen dürfen. Er forderte die Versammelten dazu auf, den strassen|feger zu kaufen. »Wenn ich mich im Saal so umsehe, habe ich den Eindruck, dass es den Leuten nicht schwer fallen wird, 1,50 Euro für eine Zeitung zu bezahlen. Es ist eine harte Arbeit, die die Verkäufer machen. Die muss gebührend gewürdigt werden«, sagte Klaus Staeck.

strassenfeger - Nr. 6, März 2015

 Historisch und sehr aktuell

Dass das Lob, mit dem Klaus Staeck in der Eröffnungsfeier überschüttet wurde, gerechtfertigt ist, zeigt die Ausstellung »Kunst für alle« in aller Ausführlichkeit, ohne erdrückend, überladen oder heroisierend zu wirken. Es ist eine beeindruckende Schau, in der ersichtlich wird, dass der Künstler, Verleger und Sammler immer ein gutes Gespür für Zeitfragen hatte und häufig seiner Zeit voraus war. Er trat von Anfang an für eine Kunst ein, die »nicht im Saale stattfindet«, wollte sie aus dem Elfenbeinturm befreien und auf die Straße, in die Öffentlichkeit, also zu den Menschen führen. Die Kunst sollte sie dazu bewegen, selbst kreativ zu werden und sich persönlich daran beteiligen ,dass die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse verbessert oder verändert werden, statt nur über Politik zu schimpfen und zu jammern. Dabei wirkte Klaus Staeck programmatisch nie allein: Bereits Anfang der 1960er Jahre holte er andere Künstler mit »ins Boot«, die er dafür gewinnen konnte, für seine Edition Tangente in Heidelberg Multiples, also Auflagenobjekte, die jedoch den Charakter eines Originals haben, zu fertigen, damit sie sich sehr viele Menschen für sehr wenig Geld leisten können. Die Ausstellung zeigt auch die unglaubliche Vielfalt von Klaus Staeck, der als Künstler und Aktionskünstler tatsächlich die Geschichte der alten und neuen Bundesrepublik geprägt hat, sei es mit seinen Plakaten, von denen viele noch heute an Aktualität nichts verloren haben, sei es mit seinen Aktionen und Interventionen, die sich gegen den Kunstmarkt, die Umweltzerstörung und die Macht der Medienkonzerne richteten und stets für eine lebendige Demokratie plädierten. Die Ausstellung »Kunst für alle« mit über 800 Exponaten auf 1500 Quadratmetern ist eine historische Schau, die auch eine große Bedeutung für die Gegenwart hat: Sie führt überzeugend vor, dass es sich lohnt, andere dafür zu motivieren, die Gesellschaft zu verändern, denn nur im Team ist es möglich, solche Veränderungen in Gang zu setzten. Und die Gesellschaft muss durch die Kunst, ein Spiegelbild und Seismograph der Gesellschaft, immer wieder daran erinnert werden, dass die Demokratie nicht ein für alle Mal gegeben sein muss. Heute, wo sich, so Klaus Staeck, »die Spießigkeit« breit macht, ist das Engagement für eine lebendige Demokratie mehr denn je gefragt.

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Charismatischer Kommunikator

»Kunst für alle« in zwei Sälen der Akademie der Künste am Hanseatenweg ermöglicht einen umfassenden Einblick in all das, was Klaus Staeck seit einem halben Jahrhundert unternommen, initiiert und geleistet hat, damit die Demokratie vor Langeweile nicht erstickt. Sie zeigt ihn als einen charismatischen Kommunikator, Organisator und kulturpolitischen Aktivisten, der immer die passenden Worte und die richtige Form fand, um seine Botschaften, von denen er glaubte und immer noch glaubt, dass sie die Welt verändern können, zu verbreiten und unter die Leute zu bringen. Es ist zwar nicht die ganze Sammlung Staeck, die gegenwärtig in der AdK in Berlin-Tiergarten besichtigt werden kann, denn sie zählt über fünftausend Objekte und wird in einem Lager in Heidelberg aufbewahrt, doch »Kunst für alle« ermöglicht einen tiefen Einblick in Klaus Staecks Leben, das mit der Kunst auf eine einzigartige und symbiotische Art verbunden ist. Durch die Ausstellungsarchitektur von Sabine Schmaus, einer Meisterin ihres Fachs, wirkt die Schau luftig und transparent, halt so, wie eine Kunst, die für alle gemacht und an alle gerichtet ist, auszusehen hat. So ist es nicht überraschend, dass nach der Besichtigung alle glücklich waren. Klaus Staeck freute sich über das große Interesse an seinem Lebenswerk und wurde nicht müde, hunderte von Ausstellungsplakaten zu signieren. Die Ausstellung ist ja unverkennbar ein historisches Ereignis, also wollte jede(r) ein Autogramm des Künstlers und scheidenden Präsidenten haben. Auch unsere Verkäufer Ulla und Roberto waren sehr zufrieden. Zum einen, weil sie den strassen|feger in der Akademie gut verkaufen konnten und Klaus Staeck sich mit ihnen gern fotografieren ließ. Zum anderen meinten sie, noch nie so viele sympathische Menschen, die aus allen Altersschichten stammen, an einem Ort und an einem Abend gesehen zu haben, von denen sie auf Anhieb akzeptiert und mit Respekt behandelt wurden.

Text und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 6/2015


Kunst für alle. Informationen über die Ausstellung
KUNST FÜR ALLE
Multiples, Grafiken, Aktionen aus der
Sammlung Staeck

noch bis zum  07.06.2015

Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin

 Öffnungszeiten

Mo–So 11–19 Uhr (und während der Veranstaltungen)

Eintritt: 6 / 4 Euro
bis 18 Jahre und dienstags von 15 bis 19 Uhr Eintritt frei

 Die Ausstellung wird von zahlreichen Veranstaltungen und einem Vermittlungs-programm für Kinder
und Jugendliche begleitet. 

www.adk.de >>>

www.adk.de/kunstwelten >>> 

Katalog »Kunst für alle«
mit Beiträgen von Klaus Staeck, Thomas Wagner, Stephan von Wiese, Claudia Jansen, 
Wolfgang Ullrich
und Oskar Negt.
AdK Berlin 2015, Preis 18 Euro