Eden im Erdgeschoss, Hölle im Himmel

Die Ausstellung »Making Eden« in der Galerie Blain|Southern zeigt die Werke von Yinka Shonibare, der sich mit Charme, Ironie, einer Prise schwarzen Humors und sehr viel Esprit mit Klischees, Konstruktion und Dekonstruktion von Geschichte, Kolonialismus, Postkolonialismus und Identität auseinander setzt. Diese schwierigen Themen stellt er mit einer unübertroffenen Leichtigkeit und bewundernswerter Konsequenz dar.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Miss Utopia verweilt auf einem weißen runden Sockel so schön. Aus ihrem Hals ragt ein glänzender Globus, in dem sich Licht bricht. Sie trägt eine hochgeschlossene puffärmlige Robe im viktorianischen Stil, die jedoch aus unterschiedlich gemusterten Stoffbahnen genäht wurde. Purpurrote Pumps mit schwarzen Absätzen auf grünlichem Hintergrund sind darauf zu erkennen und schwarz-weiße Serpentinen, die sich auf einem blau-schwarzen, stellenweise orangenen Netz schlängeln. Nicht zu übersehen ist auch die eng anliegende, bis zu den Oberschenkeln reichende Weste, mit Glasperlen in den Farben des Kleides bestickt. Aus der bodenlangen Kluft lugt etwas verschämt der rechte Fuß hervor, mit einem plumpen Sneaker in Lila und Gelb beschuht. Täuschend echt und prächtig ist der Blumenstrauß, den Miss Utopia in ihrer rechten Hand hält: eine köstliche Komposition aus kornblumenblauen und dunkelgelben Stoffanemonen. Mit ihrer Linken macht die Lady winke winke.

Yinka Shonibare MBE, Ms Utopia, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Yinka Shonibare MBE, Ms Utopia, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Unverkennbar bizarr

Miss Utopia ist das weibliche Pendant zu Petrus, dem Wächter der Himmelspforte. Sie lädt ein ins Paradies, das der Künstler Yinka Shonibare MBE auf seine unverkennbare ornamentale und bizarre Art in der Berliner Dependance von Blain|Southern kreiert hat. »Making Eden« heißt seine erste, scheinbar recht kleine Einzelausstellung in den riesigen Galerieräumen, in denen bis vor kurzem Der Tagesspiegel gedruckt wurde. Der 52-jährige Nigerianer, ein »postkolonialer Hybrid« aus London und seit 2005 Träger des »The Most Excellent Order of the British Empire«, mit dessen Kürzel MBE er seinen Namen schmückt, ist ein subversiver Artist, der Geschichte, Gepflogenheiten und tradierte Vorstellungen kritisch mustert und sie gern auf den Kopf stellt. Deshalb hat er seinen »Eden« im Erdgeschoss erschaffen: ebenerdig, aber ansonsten mit all dem bestückt, was zu unserem Wunsch- und Trugbild vom Paradies gehört. Adam und Eva stehen dort unter einem Apfelbäumchen, beide ohne Kopf und ohne Feigenblatt, denn von Hals bis Fuß mit schmucken Gewändern garniert. Mit seinem wild gemusterten Gehrock und einer krassen Hose wirkt der Urvater der Menschheit wie ein Hipster, während die Urmutter in einem recht konventionellen tief dekolletierten und ärmellosen Rüschchenkleid steckt. Die Schlange guckt gebannt auf den verhängnisvollen Apfel in deren Hand. Die Skulptur ist dem Gemälde »Adam und Eva« von Lucas Cranach d. Ä. nachempfunden. Wo sind aber die anderen Tiere?

Yinka Shonibare MBE, Adam and Eve, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Yinka Shonibare MBE, Adam and Eve, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Genüsslich süßlich

Keine Bange: Die niedlichen kleinen Plastiktierchen säumen 75 runde, mit buntem Stoff überzogene Panels. Sie hängen auf einem himmelblauen Fries an der Wand: Katzen und Spatzen, Giraffen und Affen, Käfer und Kläffer, Eidechsen und Füchse, Elefanten und andere Giganten wie Kamele und Gazellen, geschweige denn Schweine, Pferde, Mäuse, Insekten mit und ohne Gehäuse. Es macht Spaß, dass dazwischen Strass funkelt. Das Relief mit dem Titel »Eden Painting« erinnert an einen Tisch, auf dem viele lustige Geburtstagstörtchen stehen. Oder an ein Firmament, an dem viele Sterne aus dem Playmobile-Sortiment strahlen. Es ist niedlich und friedlich, genüsslich und süßlich, eine heile und harmonische Welt, wie mit Zuckerguss überzogen. Kitsch ist der Stoff, aus dem die Träume vom Garten Eden sind. »Ich habe mich für Adam und Eva und das ganze Drum und Dran entschieden, weil ich Metaphern brauche, die im Westen allgemein verständlich sind. Dazu gehört die christliche Ikonographie. Ich persönlich glaube nicht daran, dass Gott Eva aus Adams Rippe schuf. Es geht mir nicht um Religion, ich möchte zeigen, wie Mythen konstruiert werden und wie sie funktionieren«, sagt Yinka Shonibare MBE. Warum sind alle drei Figuren bekleidet? »Weil ich tolle Kostüme machen lassen wollte.« Und dass »Miss Utopia« statt eines Kopfes einen Himmelsglobus trägt, ist ein Symbol der endlosen Möglichkeiten des Denkens und Träumens in Zeiten der Globalisierung.

Yinka Shonibare MBE, Impaled Aristocrat, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Yinka Shonibare MBE, Impaled Aristocrat, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Gewalt ohne Halt

Kitsch und Utopie liegen eng beieinander: Die meisten Menschen wünschen sich eine ideale und heile Welt, deren Aufgabe es ist, ihre Rechte, Bedürfnisse und Würde unabhängig von der Hauptfarbe, Herkunft, religiöser oder staatlicher Zugehörigkeit zu respektieren. Das Bild einer gerechten, friedfertigen und demokratischen Welt, in der alle glücklich, satt und zufrieden sind, wird herbeigesehnt und häufig verklärt: Utopien, die verwirklicht werden, beginnen und enden häufig gewaltsam. Aus Utopien entstehen nämlich Revolutionen, die oft in Blut und Flammen zu ersticken drohen. »Ich bin kein Pazifist, aber als zeitgenössischer Künstler mache ich mir Gedanken über den Zeitgeist, über Conditio humana und Konditionierung«, sagt Shonibare. »Ich merke, dass es noch nie so viele News und Berichte über Gewalt und Tote gab. Es ist eine Gewalt ohne Halt, denn die blutigen Bilder werden rund um die Uhr in die Wohnzimmer getragen. Was wollen die Leute damit erreichen? Revolution kann einen Neuanfang bedeuten, doch wenn die Revolutionäre an die Macht kommen, werden sie noch schlimmere Despoten als jene, die sie entmachtet haben. Robert Mugabe war Freiheitskämpfer, der sich als Diktator entpuppte: gestern verehrt, heute ein Bastard.«

Yinka Shonibare MBE, Eden Painting (Detail), 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Yinka Shonibare MBE, Eden Painting (Detail), 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Idealisten und Terroristen

Während Yinka Shonibare das Paradies in der Parterre platziert hat, liegt seine Unterwelt hoch hinaus, in der obersten Etage der einstigen Rotation, wo er die »Revolution« schalten und walten lässt. Dort geht der nachdenkliche Künstler der Frage nach, warum aus Idealisten Terroristen werden. Sind alle Freiheitskämpfer Terroristen oder umgekehrt, je nachdem, wer über ihre Haltung urteilt? Die Revolutionen sind grundsätzlich in Ordnung, doch sie können sich ins Gegenteil verkehren, denn die Menschen sind dummdreist, hasserfühlt und verblendet. Sie folgen nicht dem Verstand, sondern den niedrigsten Instinkten, sodass sie leicht verführt und manipuliert werden können. Wenn man die Treppe zur Hölle der Revolutionäre erklommen hat, begegnet man schaurig-schönen Figuren und Bildern, die Glanz und Elend unserer Spezies symbolisieren. Zuerst scheint dort ein kalbsköpfiger Knabe namens »Revolution Kid (Calf)« über dem Boden zu schweben. Tatsächlich balanciert er auf einem Seil und hält eine goldene Pistole in der rechten sowie ein BlackBerry in der linken Hand. Die hochkarätige Knarre ist nicht zufällig jener Browning ähnlich, die Oberst Gaddafi bis zu seinem gewaltsamen Tod bei sich trug. Auch das Smartphone ist heute eine Waffe, mit der sich Jugendliche blitzschnell zu Flashmobs zusammenfinden, wo sie ihren Frust brachial entladen können.

Yinka Shonibare MBE, Revolution Kid (Calf), 2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Yinka Shonibare MBE, Revolution Kid (Calf), 2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Décadence par exellence

Wenn die Kalbsköpfe erwachsene Revolutionäre werden, steht ihnen nicht immer Gutes bevor. Schön, dass sie wenigstens Aufsehen erregend und theatralisch streben, wie zum Beispiel der sterbende Adelige: mit erhobener Hand, von einem Schwert aufgespießt, kopflos. Kopflos ist ebenso die »Revolution Ballerina«, die sozusagen das lebende Gegenstück zum »Impaled Aristocrat« bildet. Sie steht auf Zehenspitzen und berührt mit zwei gekreuzten altmodischen Pistolen fast die Decke. »Es ist keine unschuldige Ballerina, doch sie hat einen aristokratischen Touch«, sagt Yinka Shonibare. »Ich liebe die Aristokratie und möchte sie zugleich töten. Rokoko – das ist für mich décadence par exellence.« Deshalb verpasst er seinen Mannequins und Puppen aus Fiberglas rokokoartige Kostüme, die sich häufig auf die spätere viktorianische Zeit beziehen. Doch der Stoff, aus dem sie genäht werden, ist weder Seidenbrokat noch Seidendamast, sondern Duch Wax, die niederländische bedruckte Wachsbaumwolle. Ursprünglich in Holland hergestellt, gelangte sie im 19. Jahrhundert nach Afrika und gilt seitdem als »typisch afrikanisch«. Eine typisch menschliche Version der »Revolution« sind 14 kleinformatige Arbeiten auf Papier, ein Mix aus Collagen, Zeichnungen und 22-karätigen Blattgold. Darauf sind Revolver, Blumen, Zeitungsausschnitte sowie berühmt-berüchtigte Köpfe zu sehen, darunter Lenin, Stalin, Trotzki, Franco, Zapata, Mugabe, Ted Bundy, Susan Smith oder Jonas Savimbi.

Yinka Shonibare MBE, Revolution Ballerina, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Yinka Shonibare MBE, Revolution Ballerina, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Mit Charme, Ironie und Esprit

Yinka Shonibare MBE. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Yinka Shonibare MBE. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Yinka Shonibare hat sich in letzter Zeit auch als auch Fotograf, Filmer und Zeichner einen Namen gemacht, ohne seine kopflosen Aristokratinnen und Aristokraten, die er seit über 15 Jahren bauen und kostümieren lässt, zu vernachlässigen. Die Kunstwelt reißt sich um ihn: Allein im vorigen Jahr reiste der an Transverser Myelitis erkrankte, einseitig gelähmte Mann nach Kopenhagen, San Diego, Danzig und Breslau sowie an viele Orte in Großbritannien, um an den Eröffnungen seiner Einzelausstellungen teilzunehmen. Yinka Shonibare ist ein gefragter und gefeierter Künstler, was nicht wundert. Mit Charme, Ironie, einer Prise schwarzen Humors und sehr viel Esprit setzt er sich mit Klischees, Konstruktion und Dekonstruktion von Geschichte, Kolonialismus, Postkolonialismus und Identität auseinander. Diese schwierigen Themen stellt er mit einer unübertroffenen Leichtigkeit und bewundernswerter Konsequenz dar. Er spielt mit Stereotypen und Vorurteilen, indem er zeigt, dass vieles, was als selbstverständlich empfunden wird, paradox, widersprüchlich und schädlich ist. Nicht jede Tradition verdient es, gepflegt zu werden. Sonst werden stets solche Menschen ihren Kopf durchsetzen, die offensichtlich keinen Kopf haben.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 7, April 2014


Yinka Shonibare MBE
»Making Eden«
15.02-19.04 2014
Blain|Southern
Potsdamer Straße 77-87
10785 Berlin
Montag bis Freitag: 10 – 18 Uhr, Samstag: 10 – 17 Uhr
Eintritt frei