Eine Schau, die zeigt, dass Kunst alles möglich macht

Die Ausstellung „Sigmar Polke. Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck“ in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 ist ein Publikumserfolg.

Von Urszula Usakowska-Wolff 

Die letzte große Werkschau Sigmar Polkes wurde in Berlin vor dreizehn Jahren gezeigt. Seine von der Bundeskunsthalle in Bonn zusammengestellte und dort zuerst präsentierte Retrospektive »Drei Lügen der Malerei« wanderte Ende 1997 für drei Monate in den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart. Danach ist es um den international gefeierten Künstler in Berlin still geworden. Dass seit Mitte Januar eine ungewöhnliche Ausstellung des Wahlkölners, der die deutsche Variante der Pop Art schuf und mit Rasterbildern für Aufsehen sorgte, lange bevor Pixel entdeckt wurden, endlich nun auch in der Bundeshauptstadt, und das sogar in ihrer repräsentativen Mitte, besichtigt werden kann, ist dem Präsidenten des Akademie der Künste Klaus Staeck zu verdanken. Seit über vierzig Jahren setzt sich der gelernte Jurist und autodidaktische Künstler in seinen Plakaten, Karikaturen und Objekten mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik kritisch auseinander. In seiner Edition Staeck in Heidelberg veröffentlichte er ferner einen Großteil des grafischen Werks von Polke. Als dieser am 6. Juni 2010 im Alter von 69 Jahren starb, »haben wir uns kurzfristig für diese Ausstellung entschieden. Kurz vor seinem Tod ist er zum Mitglied der AdK gewählt worden, konnte seine Wahl aber nicht mehr annehmen. Diese Ausstellung ist nicht nur eine Verneigung der Akademie vor einem großen deutschen zeitgenössischen Künstler, sondern eine persönliche Referenz an meinen Freund Polke«, sagt Klaus Staeck.

Klaus Staeck, Fax an Sigmar Polke, 1999. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Klaus Staeck, Fax an Sigmar Polke, 1999. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Faxe und Schnipsel

Tatsächlich ist »Sigmar Polke. Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck« in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 eine außergewöhnliche Schau, die nicht nur in den Medien ein breites Echo findet. Sie zeigt neben den Papierarbeiten des Erfinders des Kapitalistischen Realismus auch andere Papiere, die den Alltag, die Höhen, Tiefen und Probleme dieser über 40 Jahre dauernden Freundschaft dokumentieren. Der Verleger Staeck hat sie akribisch gesammelt: all die Rechnungen, Briefe und Faxe, Einladungen, Kataloge, Bücher und Fotos. Sie füllen den ersten Ausstellungsraum der Akademie, der nicht zufällig einem Künstleratelier gleicht, liegen in Vitrinen und hängen an den Wänden, sodass es dort viel zu sehen und häufig Amüsantes zu lesen gibt. Klaus Staeck erklärt, warum für ihn diese Schau so wichtig ist:

»Es ist keine Retrospektive, es ist eine recht persönliche, private bis intime Ausstellung, in der Dinge gezeigt werden, die man normalerweise in Ausstellungen nicht zeigt. Ich habe jeden Schnipsel aufgehoben, denn ich glaube, dass der Kunstfreund auch mal gern hinter die Kulissen blickt, um den Entstehungsprozess und die einzelnen Schritte kennen zu lernen, die zu den Bildern führen.«

Die Ausstellung "Sigmar Polke. Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck" in der Akademie der Künste ist ein Publikumserfolg. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Die Ausstellung „Sigmar Polke. Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck“ in der Akademie der Künste ist ein Publikumserfolg. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ein menschliches Maß

Der Akademiepräsident scheint den Nerv des Publikums getroffen zu haben. Wöchentlich wird seine »Hommage an Sigmar Polke« von zweitausend Menschen besucht, worunter sich auffallend viele junge Leute sowie Vertreter der Generation 50 + befinden. In der Ausstellung können sie sich ein Bild davon machen, dass es viel Zeit, Anstrengung und gemeinsamer Arbeit bedarf, bevor ein Kunstwerk an die Wand gehängt werden kann. Und das nicht nur in einem Museum oder einer Galerie, denn Polkes 90 Editionen, die Staeck druckte und in Umlauf brachte, waren mit einem Stückpreis von 150-200 DM für viele erschwinglich, sodass etliche Kunstfreunde damit ihre Wohnungen schmückten. Diese Grafiken hatten ein normales, ein menschliches Maß.

Klaus Staeck in der Ausstellung "Sigmar Polke – Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck", Akademie der Künste, 2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Klaus Staeck in der Ausstellung „Sigmar Polke – Eine Hommage.
Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck“, Akademie der Künste, 2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Spannende Schichten

Die Meinungen über die Ausstellung sind geteilt und hängen vom Alter ab. Keine Einwände haben Besucher aus Köln, die vorwiegend zur Generation 50 + gehören und die »Hommage« in organisierten Gruppen besichtigen. In Sigmar Polke sehen sie den Mann, auf den sie stolz sind, denn er hat den Namen ihrer Stadt in der Welt, nun auch in Berlin, weltberühmt gemacht. Für die Jüngeren ist er zwar ein Kunstrebell, aber aus einer anderen, ihnen recht fremden Zeit. »Ich glaube schon, dass er ein politischer Künstler war«, sagt eine Berliner Kommunikationsdesign-Studentin über die Serie »Bizarre«, für die Sigmar Polke 1972 beschmierte Bundeswahlplakate fotografierte. »Die Art, wie er sich mit Politik und Gesellschaft auseinander setzte, hat jedoch mit der Gegenwart wenig zu tun. Heute stelle ich mir politische Kunst anders vor.«

Sigmar Polke, Bizarre (1972) in der Akademie der Künste, 2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Sigmar Polke, Bizarre (1972) in der Akademie der Künste, 2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ihr Freund, Informatikstudent an der FU, mag überhaupt keine zeitgenössische Kunst, er ist ein Fan von Caspar David Friedrich. Polkes Arbeiten findet er trotzdem interessant: »Er zeigt, dass die Leute früher mit verschiedenen Mitteln kämpfen mussten, damit wir heute so frei leben können.« Eine andere junge Frau, die russische Literatur an der Humboldtuniversität studiert, ist von der zehnteiligen Werkgruppe »Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen«, die der Künstler in seiner wilden Phase in den 1970er Jahren malte, begeistert:

»Die Bilder sind fesselnd und spannend, man kann immer wieder etwas Neues entdecken unter den vielen Schichten, aus denen sie bestehen. Sie kämen aber besser zur Geltung, wenn die Wände statt weiß dunkelblau oder schwarz gestrichen worden wären.«

Und der Informatikstudent merkt an: »Ich habe in einer Zeitung gelesen, dass zwei dieser Bilder in der Dunkelheit leuchten. Warum dunkeln sie den Raum für einige Minuten nicht ab, damit wir das sehen können?« Neben den »Kleinbürgern« sowie den dokumentarischen Zeugnissen der Künstler- und Geschäftsfreundschaft zwischen Klaus Staeck und Sigmar Polke gehört der »Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann« zu den Publikumsrennern der Ausstellung. Die nach einer Skizze Polkes 1969 gebaute Dada-Maschine, ein Holzhocker mit zwei darunter hängenden Kartoffeln, von denen eine auf Knopfdruck tatsächlich um die andere zu kreisen beginnt, zeigt nämlich, dass Kunst alles möglich macht. Auch die verrückteste Idee eines charismatischen Künstlers kann, wie man sieht, Wirklichkeit werden.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im 
strassen|feger 5, Februar / März 2011


Sigmar Polke – Eine Hommage
Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck
14.01- 13.03.2011
Akademie der Künste
Pariser Platz 4
10117 Berlin
Di-So 11-20 Uhr
Eintritt  6 / 4 Euro
Bis 18 Jahre und am 1. Sonntag im Monat Eintritt frei

Begleitprogramm
Mittwoch, 23.02.2011, ab 19 Uhr 
Lange Polke-Nacht
Filme, Berichte, Gespräche von und mit Weggefährten, Sammlern und Kollegen
Akademie der Künste
Pariser Platz 4
10117 Berlin 
Eintritt 8 / 5 Euro

Publikation
Sigmar Polke, Rasterfandung, Steidl, 2011