Eric Pawlitzky Miazgasümpfe © Eric Pawlicky

Eric Pawlitzky möchte moderne Gedenksteine schaffen, die eine schöne Form haben

Landschaften wie aus dem Bilderbuch: malerische Sümpfe, Seen und Flüsse, über den Feldern, Wiesen und Wäldern schwebende Nebelschwaden, Hügel und Berge im Morgenrot oder Mondschein: eine Naturkulisse, die auf den ersten Blick friedlich und beruhigend wirkt. Doch der Augenschein trügt, wovon die neben den Bildern stehenden Texte zeugen. Die zweisprachige Ausstellung »Und alles ist weg – Miejsca, których nie ma«, die zuletzt vom 15. Januar bis zum 27. Februar 2015 in der Fotogalerie Friedrichshain gezeigt wurde, ist leise, unaufdringlich und ergreifend: ein einzigartiges Projekt des Künstlers Eric Pawlitzky, 55, der »Orte, die es nicht gibt«, Schauplätze des Ersten Kriegs in Polen, fotografierte.

Interview © Urszula Usakowska-Wolff

Urszula Usakowska-Wolff: Was hat Sie zu diesem Projekt bewogen? Ihr polnisch klingender Familienname?

Eric Pawlitzky: Meine familiären Wurzeln in Polen liegen so weit zurück, dass ich sie nicht mehr verfolgen kann. Mein Name ist in der deutschen Schreibweise überliefert, und den gibt es seit etwa zweihundert Jahren, aber statt einer polnischen Familie habe ich jetzt viele polnische Freunde. Das ist wertvoller (lacht).

Eric Pawlitzky. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Eric Pawlitzky. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Was war also der Auslöser für dieses Projekt?

Die Idee zum Projekt »Und alles ist weg« kam mir zunächst deshalb, weil es in Berlin einen Hindenburgdamm gibt, und ich bedaure es sehr, dass diese große Straße noch so heißt. Um mir zu diesem Mann eine fundierte Meinung bilden zu können, habe ich eine Biografie von ihm gelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich nicht nur relativ wenig über die Kriegsereignisse im Osten weiß, sondern dass ich darüber hinaus viele erwähnte Orte geografisch nicht zuordnen kann. Da ist die Idee entstanden, sich damit zu beschäftigen. Einen weiteren Impuls gab es, als ich 2012 mit meiner Frau und meinem jüngsten Sohn eine Reise gemacht habe, bei der wir versucht haben, entlang der EU-Ostgrenze von Tallin bis nach Thessaloniki zu fahren. Wir sind aber nur bis Constanza in Rumänien gekommen. Dann sind wir erneut durch die Region gefahren, wo die Ereignisse des Ersten Weltkriegs stattgefunden haben, also durch Masuren und die Beskiden; wir waren auch in der Gegend um Białystok und Łódź, in Lublin und Tarnów. Schon damals hatte ich festgestellt, dass sich ein fotografisches Projekt lohnt, weil die Landschaften sehr schön und durchaus abwechslungsreich sind. Dann habe ich ein Stipendium von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit bekommen, was mich sozusagen geradezu verpflichtet hat, das Projekt zu realisieren. Ich habe zunächst damit begonnen, historische Quellen zu lesen. Ich wollte mir ein fundiertes Wissen aneignen, aber das Ziel war auch, Landmarken zu finden, wo ich nachweisen kann, dass genau dort Kämpfe stattgefunden haben.

Eric Pawlitzky, Alte Brücke, Foto © Eric Pawlitzky
Eric Pawlitzky, Alte Brücke, Foto © Eric Pawlitzky

Wie sind sie bei Ihren Recherchen in Polen vorgegangen? Haben Sie alles selber gemanagt oder gab es dort Leute, die Ihnen geholfen haben?

Bevor ich nach Polen fuhr, habe ich zunächst auf die Google Maps geguckt, ob es sich lohnt, an den einen oder anderen Ort zu fahren, und mit dem Google Street View kann man sogar einen Blick in die Landschaft werfen, dann hatte ich eine Karte vorbereitet, wo ich die Orte eingezeichnet habe, und die Quellentexte mitgenommen, um vor Ort darin nachlesen zu können. Ich habe 2013 und 2014 insgesamt vier Reisen nach Polen gemacht, die eine Woche bis zwei Wochen dauerten. Doch schon vorher, während ich in Berlin an dem Projekt arbeitete, habe ich Kontakte nach Polen gesucht. Ich hatte großes Glück, Menschen kennen zu lernen, die mir nicht nur Ausstellungsmöglichkeiten offeriert haben, weil sie das Projekt interessant fanden, sondern mich auch bei den Recherchen unterstützten.

Eric Pawlitzky, Viadukt. Foto © Eric Pawlitzky
Eric Pawlitzky, Viadukt. Foto © Eric Pawlitzky

Wie hat man in Polen darauf reagiert, dass Sie sich gerade für den Ersten Krieg interessieren? Ist das Gedenken an diesen Krieg dort noch immer präsent?

Den Eindruck hatte ich. Natürlich kennt nicht jeder die konkreten Ereignisse, aber überall gibt es kleine Friedhöfe, die zum Teil auch landschaftsplanerisch und künstlerisch sehr aufwendig gestaltet und in einem sehr guten Zustand sind, also ist dieser Teil der Geschichte in Polen schon präsent.

 Das hängt sicher damit zusammen, dass Polen am Ende des Ersten Weltkriegs nach über hundert Jahren Teilung die Eigenstaatlichkeit wiedererlangt hat. Wie geht man damit um, dass in den Truppen der Teilungsmächte Russland, Preußen und Österreich polnische Soldaten kämpfen mussten?

Das ist ein schwieriges Kapitel in der Wahrnehmung dieses Krieges. Ich war zum Beispiel auf einem berühmten Soldatenfriedhof bei Łowczówek, einem Dorf in der Nähe von Tarnów. Dieser Friedhof liegt auf einem Hügel, den die I. Brigade der polnischen Division der österreichisch-ungarischen Armee vier Tage lang heldenhaft gegen eine große russische Übermacht verteidigte. Dass dieses Ereignis die Geburtsstunde der modernen polnischen Streitkräfte ist, informiert eine große Gedenktafel auf Polnisch, Deutsch und Englisch, erstaunlicherweise nicht auf Russisch. Was auf dieser Tafel nicht steht, kann ich aus anderen Quellen belegen: Am 25 Dezember 1914 haben die polnischen Soldaten auf beiden Seiten der Front gemeinsam Weihnachtslieder gesungen, denn auch in der russischen Armee kämpften Polen. Das zeigt, wie schwer es ist, mit der Geschichte umzugehen.

Eric Pawlitzky, Ropa. Foto  © Eric Pawlitzky
Eric Pawlitzky, Ropa. Foto © Eric Pawlitzky

Sie haben recherchiert, Quellentexte aus der damaligen Zeit gelesen und an den Orten des Ersten Weltkrieges in Polen fotografiert. Für die Ausstellung und das Begleitbuch haben Sie nur 30 beziehungsweise 26 Fotografien ausgewählt. Warum?

Ich habe an etwa hundert Orten fotografiert, aber schlussendlich habe ich mich für Bilder entschieden, die zum einen fotografisch interessant sind und die zum anderen mit spannenden Zitaten aus den Quellen, die ich gelesen habe, untermauert werden können.

In der Fotogalerie Friedrichshain stellen Sie neben den digitalen Farbfotografien auch solche aus, die Sie mit einer alten Kamera aufgenommen haben. War für Sie diese alte Technik neu?

Die alte Kamera habe ich extra für dieses Projekt nach einem langen Suchen für 300 Euro gekauft. Das war ein Schnäppchen! Man kann diese Kameras an sich schlecht datieren, es gibt keine Seriennummer auf dem Holz, aber das Objektiv ist 1895 in Dresden hergestellt worden. Um damit klar zu kommen, muss man schon einiges wissen, doch ich fotografiere, seit ich 14 bin und ich habe schon in den achtziger Jahren mit historischen Kameras gearbeitet. Ich hatte damals eine Dunkelkammer, ich wusste, wie man sowas bedient, aber es war schon ein Experiment. Meine Idee war, die Sicht eines damaligen Fotoamateurs auf diese Landschaften zu rekonstruieren, wozu mir diese Kamera diente. Die Negative sind 13 x 18 cm groß, und mir war klar, dass ich eigentlich keine Lust mehr habe, mir noch mal eine komplette Dunkelkammer einzurichten. Da habe ich nach alten Techniken des Bildermachens recherchiert und bin auf das Verfahren der Cyanotypie gestoßen, welches den Vorteil hat, dass man keine Dunkelkammer braucht, denn man kann alles bei gedämpftem Licht machen. Dadurch war es einfach, aber auch da hatte ich ein Aha-Erlebnis, weil diese Bilder sehr interessant, sehr aquarellartig aussehen. Das wiederum, fand ich, passt zu dem Thema oder zu der Aussage, die ich angestrebt hatte. Mir ging es ja um diesen Kontrast zwischen einer sehr schönen romantischen und malerischen Landschaft und dem, was dort passiert ist. Das kommt auf den Cyanotypien sehr drastisch rüber.

Arbeiten Sie immer projektbezogen?

Ja, weil sehr viele Menschen fotografieren können, aber mir kommt es schon darauf an, Geschichten zu erzählen, eine politische Aussage zu treffen, mich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Den malerischen Sonnenaufgang mag ich durchaus, aber er interessiert mich nicht (lacht). Ich möchte moderne Gedenksteine schaffen, die eine schöne Form haben. Meine Suche nach Schönheit in der Landschaft ist keine Verharmlosung des Krieges. Die Landschaften auf meinen Bildern sind friedlich. Wir müssen etwas tun, damit das so bleibt.

Interview © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 3/2015


Begleitbuch
Eric Pawlitzky
»Und alles ist weg – Miejsca, których nie ma«
Ins Polnische übersetzt von Mateusz J. Hartwich
Hörbildverlag, 2014
Preis: 27 Euro
www.hör-bild.de


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