Erwin Wurm in Wolfsburg: Tannen, Würsteln und Gurkeln

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt die Ausstellung »Fichte« von Erwin Wurm, in der 45 seiner Werke, darunter Skulpturen, Filme und Fotos präsentiert werden.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Aus der Form geraten ist diese Welt: ein in die Länge gezogenes, extrem enges Bett, das Klo ebenso. Schöner Wohnen für Zwerge. Ein Schneewittchen gibt es nicht, dafür einige winzige Häuschen und einen Wald, der auf dem Kopf steht, das heißt, er hängt verkehrt herum von der Decke, flankiert von zwei riesigen Spiegeleiern, einem seltsamen Kamin, einem Stuhl, der schräg zwischen zwei Brocken steckt, einer Limousine mit dem guten Stern, auf deren Dach offensichtlich ein Meteorit gelandet ist. Die Objekte, mit denen jetzt die gigantische Halle des Kunstmuseums Wolfsburg bestückt ist, sind entweder viel zu klein oder riesig – wie der fünf Meter hohe »Big Kastenmann«, eine kopflose männliche Figur, die auf beschuhten, besockten und unbehosten Beinen steht und einen kastenänlichen Mantel mit Hemd und Krawatte trägt. Das Ganze heißt zwar »Fichte«, wirkt aber wie Kulisse und Bühne für eine eigentümliche Aufführung von »Gullivers Reisen«.

Meister der Deformation

Die beschert uns Erwin Wurm, der Jonathan Swift unter den Bildhauern. Er ist ein Meister der Verfremdung, Verformung und Umformung, einer, der nicht nur mit den Dimensionen, sondern auch mit den Konventionen, der Funktionalität der Dinge, mit der Dualität von Kultur, den Zitaten aus der Kunstgeschichte und mit den Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur spielt. Die Tücke des Objekts und Subjekts sind seine Sujets. Er verwandelt das Erdgeschoss des Kunstmuseums Wolfsburg in das Land der Riesen und Zwerge und nimmt uns mit auf die Reise durch die große und die kleine Welt. Ihr Mittelpunkt sind keine fremden Inseln, sondern der heimische, o so schöne grüne Wald, der Deutschen Lieblingsort seit der Romantik, eine Metapher und Sehnsuchtslandschaft, oft besungen, gemalt, überhöht, idealisiert und zum Nationalmythos stilisiert, der als Nährboden für die braune Ideologie diente. Der Titel der Ausstellung »Fichte« ist, wie alles bei Erwin Wurm, etwas irreführend, denn es sind 50 Normannentannen, aus denen sein Wald besteht. Wobei es dem Künstler, der in der Ausstellung 45 Arbeiten, die Hälfte davon extra für Wolfsburg geschaffen, zeigt, nicht um die Nadelbäume, sondern um die Auseinandersetzung mit dem einst bedeutenden Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814), dem Autor der »Reden an die deutsche Nation« (1808) geht.

Erwin Wurm. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Erwin Wurm. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Bildhauerische Grundfragen

»Fichtes Buch kann man heute sehr schwer lesen, weil es in einem romantischen, fast barocken Deutsch geschrieben wurde«, sagt Erwin Wurm. »Doch es ist ein Ausdruck einer sehr intensiven Deutschtümelei, die von den Nationalsozialisten oft verwendet wurde.« Dass die Tannen kopfüber von der Decke hängen, hat dagegen nichts mit der Ideologie, sondern mit der Bildhauerei zu tun. »Ich wollte einen skulpturalen Block mit den Bäumen schaffen und deshalb habe ich mich für diese Lösung entschieden, denn normal würden sie nicht zylindrisch, sondern wie ein Kegel wirken. Sie könnten nicht diese Dichte erzielen. Womit ich mich in allen meinen Arbeiten beschäftige, sind bildhauerische Grundfragen: Volumen, Masse, Oberfläche und Fülle. Und in der Kunst kommen solche Themen wie der Wald, der Himmel und das Meer oft vor. Es sind Naturdarstellungen, die das Mächtige, das Bedrohliche inkludieren und eine Möglichkeit bieten, Gewalten zu zeigen.« Diese »Gewalten« zieht der Künstler auf seine unverkennbare Art ins Lächerliche, wovon die Objekte und ihre Titel zeugen. So heißt der schräge Stuhl »Angst / Lache / Hochgebirge«, und der Meteorit auf dem Mercedes entpuppt sich beim genauen Hinschauen als die Beine einer übergewichtigen und offensichtlich männlichen Halbfigur, welche, in einer herunterfallenden Hose gefangen, etwas ratlos und umso komischer zu zappeln scheinen. Das ist »Big Psycho«, ein Symbol unserer Welt.

  • Erwin Wurm, Fichte, Kunstmuseum Wolfsburg 2015. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
    Erwin Wurm, Fichte, Kunstmuseum Wolfsburg 2015. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Kehrseite der Tragik

Der am 27. Juli 1954 in Bruck an der Mur als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau geborene Erwin Wurm hat einen Sinn für das Skurrile, für das Abgründige, für die Tragikomik des Seins. Er stellt tradierte Vorstellungen von der Natur und Kultur auf den Kopf und zeigt die Unvollkommenheit, die Unzulänglichkeit der Menschheit, vor allem ihres männlichen Teils sowie der Dinge, mit denen sie sich schmückt. Das Scheitern, das Versagen, die Sucht nach Ruhm und Anerkennung, der die Menschen dazu bringt, alle Peinlichkeiten in Kauf zu nehmen, um für einige Sekunden im Scheinwerferlicht zu stehen, sind seine Themen. Der Bildhauer, Aktionskünstler, Filmer, Fotograf und Autor erfreut sich seit über 20 Jahren einer großen Popularität, die er zuerst mit seiner bis heute fortgesetzten Werkgruppe der »One Minute Sculptures« erreichte. So brachte und bringt er die Menschen dazu, unter seiner schriftlichen Anweisung unbequeme oder lächerliche Posen anzunehmen, um sich für eine Minute, die auf einem Foto festgehalten wird, in ein Kunstwerk zu verwandeln: Nicht jeder Mensch ist ein Künstler, aber jeder Mensch kann ein Kunstwerk sein. Dass er einen Sinn für Humor hat, bestreitet Erwin Wurm nicht, doch der Humor ist die Kehrseite der Tragik. »Mir sind einige tragische Momente in meinem Leben passiert, da hat es mir geholfen zu sagen: Nimm dich nicht jetzt nicht so wichtig, es ist so lächerlich, denn du bist in Wirklichkeit ein kleines Würstel, umgeben von sieben Milliarden kleinen Würsteln, die denken, dass sie alle der Mittelpunkt der Welt sind. Da ist ein gewisser Relativismus hinsichtlich der eigenen Bedürfnisse und Gefühle ganz interessant. Letztendlich scheitern wir ja alle, das ist ein wesentlicher Teil von uns. Wer sich damit zu Recht findet, hat das große Los gezogen«, sagt Erwin Wurm.

  • Erwin Wurm, Curry Bus, 2015 Foto © Urszula Usakowska-Wolff
    Erwin Wurm, Curry Bus, 2015 Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Symbole der Männlichkeit

Die Ausstellung »Fichte« im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt einen Künstler, der auf seine Art mit dem Scheitern umgeht. Viele seiner Werke trotzen dem guten Geschmack und machen sich über den Schönheits- und Männlichkeitswahn der heutigen von Medien, Werbung und Geltungssucht geprägten Zeit lustig. Einer Zeit, in der alles unter Kontrolle zu sein scheint, außer den physiologischen Bedürfnissen. So hat ein kopfloser, mit einem Rosapullover und einer hellen Hose bekleideter Mann eine Erektion, halt eine »Ärgerliche Beule«, bei einem anderen beult sich die Hose am Hintern auf. Seine Skulpturen sind entweder sehr dünn oder sehr dick, wie der vor dem Museum stehende fette »Curry Bus«, den er extra für die Wolfsburger Schau entworfen hat, und wo Würsteln verkauft werden. »Am Fett interessiert mich, dass es die Form verändern kann. Als klassisch ausgebildeter Bildhauer modelliere ich mit Ton, nehme Volumen weg, füge Volumen hinzu. Das ist beim Ab- und Zunehmen das Gleiche, man könnte sagen, das ist Bildhauerei.« Es gibt auch Objekte, die mit Fett nichts zu tun haben, so banal und gegenwärtig sind, dass wir sie oft keines Blicks würdigen. Dazu gehören Kartoffeln und Gurken, die eine »Unform« haben. Aus 17 Gurken besteht Erwin Wurms dreidimensionales Porträt. Die Gurke ist einerseits ein Symbol der Männlichkeit, andererseits, ist der Künstler, ein Kind der 1950er Jahre, »quasi mit Essiggurkerln aufgewachsen. Und man wird langsam das, was man isst.«

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 15/2015


Erwin Wurm: "Fichte" . Kunstmuseum Wolfsburg, 22.03-13.09.2015

Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr

Eintritt 8 / 5 Euro

www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Erwin Wurms Website