Gerda Schimpf & ihre pure Lebensfreude

Der Brief ist 75 Jahre alt. Er wurde am 20. Oktober 1937 in Leipzig mit dunkelblauer Tinte an »meine allerliebste Gerdine« geschrieben und vom Absender mit der Zeichnung einer jungen, spärlich bekleideten Dame, die in einer Kommode wühlt, verziert. Er liegt jetzt in einer Vitrine und zieht die Aufmerksamkeit von Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung »Arte Postale« in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 auf sich. »Ich liebe Dich, nur Dich, Du meine wunderbare süße kleine Braut. Unveränderlich und umwandelbar, durch nichts auch nur berührbar ist meine Liebe zu Dir, zu Dir, meine Engelsgerdine. Ich küsse und umarme Dich immer und ewig – Dein Max.« Eine Frau um die 50, die lange vor der Vitrine verweilt und von dem Gelesenen offensichtlich aufgewühlt ist, kann ihre Gefühle nicht verbergen: »Hätte ich nur einen einzigen solchen Brief in meinem Leben bekommen, könnte ich ein für alle Mal glücklich sein«, seufzt sie.

Nichts Ungewöhnliches

Anfang Oktober 2013. Eine ruhige Straße in Westend. Ein auf den ersten Blick gewöhnlicher Altbau. Drinnen ein gepflegtes Treppenhaus mit einem braunen glänzenden Geländer. Kein Aufzug. Im zweiten Stock eine kleine Wohnung, in der man sich auf Anhieb willkommen und geborgen fühlt. Viele schöne Gegenstände, alte Möbel, Lampen, Wände mit Bildern voll behängt, Bücher im Regal und auf den Tischen: Das Museum der Dinge, die ein langes Leben begleiten, bereichern und prägen. Hier wohnt seit 72 Jahren die »Engelsgerdine« Gerda Schimpf, der Max Schwimmer von 1937 bis 1940 über 500 »solcher« Briefe geschrieben hat. »Das ist nichts Ungewöhnliches, denn Max hat tausende Briefe, die er immer mit einem Aquarell illustrierte, auch an andere Leute geschickt«, sagt sie. »Das ging ihm ganz schnell von der Hand. Ich weiß nicht, ob das, was mich mit Max verband, eine große Liebe war. Wir waren eng verbunden, denn ich war in seinem Kreis in Leipzig, aber dann hatte ich das Bedürfnis, da rauszukommen, und wollte woanders hin.«

strassen|feger, Titel "Lebenskunst", Augabe 22/2013 mit Gerda Schimpf

Fotografin von Anfang an

Gerdine Schimpf hat eine Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen kann. Ihre weißen kurzen Haare glänzen, ihre blauen Augen funkeln schelmisch, ihre Hände sind stets in Bewegung. Sie ist die pure Lebensfreude, obwohl sie alle Tiefen und Höhen eines ganzen Jahrhunderts persönlich erlebt hat. Über sich spricht sie nicht gern, denn sie meint, »nichts Wichtiges« zu sein. Ein Glücksfall, dass die Ausstellung »Arte Postale« diese großartige Frau und Fotografin aus dem Schatten der Vergessenheit herausholt, sodass sie endlich, trotz ihrer Bescheidenheit, in gebührender Weise gewürdigt werden kann. Denn Gerdine Schimpf ist nicht nur eine Person, die durch einen schreibwütigen und liebeshungrigen Künstler Aufmerksamkeit gefunden hat. Nein, sie ist vor allem eine faszinierende Persönlichkeit, ein freier Mensch, der immer seinen eigenen Weg suchte. Das in einer bürgerlichen Familie am 14. März 1913 in Dresden geborene Einzelkind wollte von Anfang an Fotografin werden. Nach dem Umzug ihrer Familie nach Leipzig besuchte sie das dortige Goethe-Gymnasium. Danach hatte sie vor, am Bauhaus in Dessau Fotografie zu studieren, »doch als die Nazis 1933 an die Macht kamen, wurde das Bauhaus geschlossen. Also suchte ich mir in Leipzig eine sehr gute Fotografin, nämlich Dore Barthky, in deren Studio am Floßplatz 6 ich ausgebildet wurde. In dieser Zeit durfte ich Porträts vieler berühmter Leipziger machen, und ich glaube, dass Dore mit mir zufrieden war.«

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Lebenslange Freundschaft

Im Spätsommer 1935 lernte Gerda Schimpf den damals schon recht bekannten Zeichner und Illustrator Max Schwimmer kennen. Er verliebte sich sofort in die achtzehn Jahre jüngere Frau. Doch die Angebetete und Muse wollte ihr berufliches Glück in Berlin suchen. »Ich zog 1937 nach Berlin«, erinnert sie sich. »Um in Berlin ansässig zu werden, musste man in einer Firma, die etwas mit Fotografie zu tun hatte, beschäftigt sein. Da habe ich einen Amateurbetrieb in Heiligensee gefunden. Dort habe ich 1943 meinen Fotomeister gemacht.« Während des Krieges arbeitete Gerda in verschiedenen Fotostudios und machte tausende von Porträts und Familienfotos; für die Städtischen Elektrizitätswerke, die Messegesellschaft und die AEG fertigte sie Werbeaufnahmen. 1941 zog sie in ihre Wohnung im Westend ein. Sie befindet sich, wie Single Gerda nicht ohne Stolz betont, »in dem ersten Haus, das Hans Scharoun 1928 für Junggesellen gebaut hat.« Dort lebte sie zwölf Jahre lang mit Eva Schwimmer, der ersten Frau von Max Schwimmer, zusammen, einer auch heute in Vergessenheit geratenen Künstlerin, mit der sie eine lebenslange Freundschaft und Zuneigung verband. »Meine Freundin Eva war sehr mutig, sie wollte während der Bombenalarme oben bleiben. Das habe ich nicht ertragen. Wenn ich mich wahnsinnig ängstige, dann lache ich. Da kriegte sie es auch mit der Angst, und wir sind doch immer in den Keller gegangen.«

Große Leidenschaft

1946 eröffnete Gerda Schimpf ein eigenes Fotostudio am Witzlebenplatz. »Dann kam aber 1948 die Währungsreform und es war zu teuer, hier eine Miete und dort eine Miete zu bezahlen. Also richtete ich mir ein Atelier in meiner Wohnung ein, wo ich viele Leute porträtierte.« Darunter waren auch bekannte Persönlichkeiten: die Künstler Karl Hofer und Bernhard Heiliger, der Psychoanalytiker und Arzt Alexander Mitscherlich, die Bildhauerin und Grafikerin Renée Sintenis. »Die Sintenis war sehr schwer zu fotografieren«, erinnert sich Gerdine. »Ich hatte eine bestimmte Vorstellung, wie ich sie aufnehmen sollte, damit sie wie eine bronzene Skulptur wirkt. Ich wollte ihre Falten fotografieren, doch sie sträubte sich dagegen. Das war so schlimm, dass ich Blut und Wasser geschwitzt habe.« Obwohl das Porträtieren ihre große Leidenschaft war, war Gerda in den 1950er und 1960er Jahren auch eine gefragte Architektur- und Industriefotografin. »Geschäftlich kam ich aber auf keinen grünen Zweig, denn ich hatte überhaupt keinen Geschäftssinn. So war es gut, dass ich dann eine Stellung im Lette-Verein kriegte, sonst wäre ich vielleicht heute schlecht dran.«

Gerda Schimpf in ihrer Wohnung, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Gerda Schimpf in ihrer Wohnung, 2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Eine Fotografin!

Als Fotografie-Lehrerin an einer Berufsfachschule des Lette-Vereins arbeitete Gerda Schimpf bis 1978. Für ihre eigene Kunst hatte sie keine Zeit mehr. »Wenn man lehrt, ist man ganz drin in den Arbeiten der Schüler, das nimmt einen ja völlig in Anspruch und die eigene Kreativität stirbt. Trotzdem war es eine schöne Zeit in Lette. Danach hätte ich weiter fotografieren und vielleicht Ausstellungen machen können, aber ich widmete mich ganz der Pflege meiner Freundin Eva Schwimmer, die in Dahlem wohnte. Sie konnte das Bett nicht verlassen, war aber im Kopf völlig klar – ein zartes Geschöpf.« Als Eva 1986 starb, war Gerda 73 Jahre alt: zu spät für die Pflege eine künstlerische Karriere. Und überhaupt hat sie sich nie als Künstlerin betrachtet. »Ich war eine Fotografin!«, sagt die hundertjährige mädchenhaft wirkende Frau selbstbewusst und zwinkert mit dem Auge. Kunst hin, Kunst her: Was zählt, ist es, immer ein freier Mensch zu bleiben, der nie in die Verlegenheit kommt, sein Tun, auch wenn es von den Anderen übersehen wird, bereuen zu müssen.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Ursprünglich erschienen im strassen|feger 22/2013


Briefe an Gerda Schimpf in der Galerie Leo.Coppi Berlin >>>