Gruppenbild mit Damen und Dad

In der Ausstellung »Qeensize« im me Collectors Room werden zum ersten Mal ausschließlich Werke von Künstlerinnen aus der Sammlung Olbricht gezeigt. 

Eine Ausstellung, die Erinnerungen weckt: Anfang Juni 2000 sah ich im Neuen Museum Weserburg in Bremen die Gruppenschau »Ohne Zögern«, die einen Einblick in die Sammlung Olbricht gewährte. Besonders prägte sich mir damals ein kleines schwarz-weißes Ölbild unter dem Titel »(Like a) chambermaid« von Marlene Dumas ein.
Auf der Vorlage eines Fotos aus einem Pornomagazin gefertigt, stellt es eine dunkelhäutige, nur mit Strapsen bekleidete Frau dar, die ihren Hintern dem Betrachter entgegenstreckt.

Marlene Dumas, (Like a) chambermaid, 1999. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Marlene Dumas, (Like a) chambermaid, 1999. Foto © U. Usakowska-Wolff

Doch ihre Pose ist alles andere als aufreizend: ein düsteres, mitnichten lüsternes Objekt der Begierde, das, auf die Genitalien reduziert, in einer unbequemen Haltung verharrt, um die männlichen Fantasien zu befriedigen. Das von der rechten Schulter teilweise verdeckte Gesicht des »Zimmermädchens« ist zu einer Fratze erstarrt. Es wirkt verkrampft, gequält, aber auch ein bisschen herausfordernd, zornig und trotzig.

Das Bett als Sinnbild

Diesem Bild begegnete ich Anfang Dezember 2014 im me Collectors Room in Berlin-Mitte, in der Ausstellung »Queensize«, die einen neuen Ausschnitt aus der umfangreichen Sammlung Olbricht präsentiert. Diesmal ist der weibliche Blick auf das Leben, auf das Werden und die Vergänglichkeit, auf die Wahrnehmung und Darstellung des weiblichen Körpers angesagt. Zu sehen sind 150 Arbeiten aus den Jahren 1983 – 2010, darunter Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Plastiken, Installationen und Videos von 60 Künstlerinnen, die bereits einen festen Platz in der zeitgenössischen Kunst haben oder dabei sind, ihn einzunehmen. Der Ausstellungstitel »Queensize« bezieht sich auf das diesen englischen Namen tragende Doppelbett, denn »das Bett dient«, so die Kuratoren Nicola Graef und Wolfgang Schoppmann, »als Chiffre für den existenziellen Ort menschlicher Erfahrungen, als Sinnbild für Leben und Tod, Träume und Albträume, Geburt und Verfall: Erfahrungen, die unsere Identität prägen.« Doch »queen« bedeutet wörtlich übersetzt »Königin«, also ist diese Schau königinaffin: Künstlerinnen-Königinnen demonstrieren überzeugend ihre unbestrittene Größe.

Geschehen und Vergehen

Thomas Olbricht, 1948 in Wernesgrün im sächsischen Voigtland geboren, Endokrinologe, Doktor der Naturwissenschaften, Professor für innere Medizin in Essen und ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender der Wella AG, hat einen ganz einfachen Geschmack: Er ist immer mit dem Besten zufrieden. Seit fast 30 Jahren sammelt er Kunstwerke, die sich vor allem durch Unmittelbarkeit, Schonungslosigkeit und Kompromisslosigkeit auszeichnen. Unabhängig davon, ob sie aus weiblicher oder männlicher Hand stammen, befassen sie sich mit der Lust und dem Frust des Seins, dem Scherz und Schmerz der Existenz, dem Geschehen und Vergehen. Diese Kunst stellt Menschen dar, die in ihrer Körpern gefangen, unter tradierten Vorstellungen, Rollenbildern, gesellschaftlichen Zwängen, Erwartungen und Klischees leiden und deshalb häufig anders erscheinen wollen als sie wirklich sind. Nachdem die Sammlung Olbricht am 1. Mai 2010 in dem eigens dafür auf der Kunstmeile Auguststraße in Berlin-Mitte gebauten Haus me Collectors Room Quartier bezogen hatte, können dort ein bis zwei Mal im Jahr ihre Teile besichtigt werden. Nun fiel die Wahl auf die Damen, denn ihre Werke bilden fast die Hälfte der Kollektion. Ein Drittel davon hängt, steht, flimmert, rauscht und berauscht das Publikum der Ausstellung »Queensize«, die eine Menge zeigt und enthüllt, ohne erdrückend zu wirken. Dafür sorgt die übersichtliche Anordnung der Exponate, die in den hohen und lichtdurchfluteten Sälen perfekt orchestriert wurden, sodass der Eindruck entsteht, da ist ein »Chorus Mysticus« zugange, der die Schlussworte aus Goethes »Faust. Der Tragödie zweiter Teil« mit neuen Inhalten füllt: »Alles Vergängliche // Ist nur ein Gleichnis; // Das Unzulängliche, // Hier wird’s Ereignis; // Das Unbeschreibliche, // Hier ist’s getan; // Das Ewig-Weibliche // zieht uns hinan.«

Masken und Monster

Ob Doppelbett oder Faust II: Diese Kunst ist keine leichte Kost und vielleicht deshalb so bekömmlich. Die »Queensize«-Teilnehmerinnen setzten sich mit der Kindheit und Jugend, mit dem Erwachsenenwerden, dem Schönheits- und Jugendwahn, dem Segen und Fluch der Popularität und des Reichtums, mit der Sexualität, dem Alter und dem Tod häufig viel drastischer und radikaler als Künstler auseinander. Die Kindheit ist unbekümmert und bejahend: 16 mal »Yes« steht auf der Zeichnung von Louise Bourgeois geschrieben. Ein maskenhafter Mädchenkopf schwebt körperlos auf dem Bild »Ohne Titel« von Monika Baer. In unmittelbarer Nähe befindet sich die dreiteilige Assemblage »Balasana« von Patricia Piccinini, bestehend aus einem Teppichläufer, auf dem eine mädchenhafte Figur aus Silikon in der titelgebenden Yoga-Stellung des Kindes schläft. Auf ihrem Rücken liegt bauchoben ein ausgestopftes junges Albino-Rotnackenwallaby. Das Ganze wirkt friedlich, doch recht unheimlich: Die Personifikation eines Albtraums? Eine Verschmelzung von Mensch und Tier? Oder einfach nur eines jener »netten Monster«, die zum Markenzeichen der in Melbourne lebenden Künstlerin geworden sind?

Galerie der Weiblichkeit

Der Kindheit, die nicht immer so unberührt und sorglos zu sein scheint, folgen die Blüte und der Ernst des Lebens. Im zweiten Saal des me Collectors Room befindet sich jetzt eine Galerie der Weiblichkeit. Die an der rechten Wand hängenden Einzel- oder Gruppenporträts fügen sich zu einem 30-teiligen Tableau zusammen: Das Werk von elf Fotografinnen. Darunter sind Bildnisse von Frauen, die keine Scheu davor hatten, ihr »Chambre Close« (Geschlossenes Zimmer) für die Französin Bettina Rheims zu öffnen, um sich von ihr ganz unverhüllt oder halbnackt in Hurenposen ablichten zu lassen: Inszenierungen, die natürlich wirken. Ihren Reichtum zelebrieren und inszenieren dagegen recht künstlich die Damen der mexikanischen Oberschicht, welche auf den Bildern von Daniella Rossell im teuren Kitsch schwelgen. Es gibt noch viel mehr in diesem Raum zu entdecken: Dawn Mellors Konterfeis von Filmstars wie Julia Roberts und Mia Farrow, deren Gesichter nach den zahlreichen Schönheitsoperationen gespenstisch aussehen; acht Zeichnungen und Gemälde von Marlene Dumas, mit Liebesdienerinnen und Girls aus den Pornomagazinen, deren Köpfe Totenschädeln gleichen. Auf dem Boden schlängelt sich die 100-teilige Installation aus geblasenem Muranoglas »Bloodline« von Kiki Smith. Das alles guckt sich der nette »Dad« an, das Porträt von Elisabeth Peytons Vater als junger Mann, der in dieser Damengesellschaft eine privilegierte Position innehat: eine ganze Wand für sich allein.

Sukran Moral Found Guilty. Foto © Usakowska-Wolff
Şükran Moral vor ihrem Pigmentdruck »Found Guilty« (2009). Foto © U. Usakowska-Wolff

Opfer von Religion und Tradition

Hinter der Wand mit dem »Dad« sind die radikalsten Arbeiten dieser Schau vertreten. Sie stammen von Künstlerinnen, die sich mit dem Tod, mit den Folgen der religiösen Heuchelei und mit den katastrophalen Auswirkungen des Patriarchats beschäftigen. Die Düsseldorfer Bildhauerin Paloma Varga Weisz zeigt in ihrer Installation die Religion als ein »Galgenfeld« für Frauen. Die in Berlin lebende Schwedin Nathalie Djurberg ist für ihre Animationsvideos mit Plastilinfiguren bekannt. In der Ausstellung »Queensize« kann man ihren Kurzfilm »The Experiment (Greed)« sehen: Frauen werden von den Kirchenfürsten begehrt, begattet, verteufelt und vernichtet, um die eigene Sündhaftigkeit zu vertuschen. Şükran Moral wählt meistens drastische Ausdrucksformen, um auf die Situation der Mädchen und Frauen in der Türkei hinzuweisen, die unter dem Deckmantel der Religion und Tradition zwangsverheiratet, erniedrigt und sexuell missbraucht werden. Für ihre mutigen Aktionen, Performances, Videos und Fotoarbeiten, darunter den im me Collectors Room gezeigten Pigmentdruck »Found Guilty«, wurde sie in der Türkei schon oft verunglimpft, sogar mit dem Tod bedroht. »Trotzdem muss ich kämpfen, solange ich kann«, sagt die Künstlerin. Damit Frauen sich endlich dagegen wehren, die ihnen von den Herren der Schöpfung aufgezwungene Opferrolle lebenslang gehorsam und demütig erdulden zu müssen.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 26/2014


Queensize
Female Artists From The Olbricht Collection
Noch bis zum 30. August 2015

Me Collectors Room
Stiftung Olbricht
Auguststraße 68
10117 Berlin

Öffnungszeiten Di – So 12 bis 18 Uhr

Eintritt Wunderkammer und Ausstellung: 7 / 4 Euro

Website: 

www.me-berlin.com