Hanna Schygullas filmgewordene Träume

Hanna Schygulla wird mit vielen Namen geschmückt: Ikone und Legende des Neuen Deutschen Films, Diva, Diseuse und die einzige deutsche Schauspielerin ihrer Generation, die Weltruhm erlangte. Dabei wird immer wieder darauf hingewiesen, sie sei Muse und Weggefährtin von Rainer Werner Fassbinder gewesen, der sie entdeckte und dem sie ihren internationalen Erfolg verdankt. Das ist alles zur Genüge bekannt, beschrieben, dokumentiert. Das wird jetzt alles in Erinnerung gebracht, weil die Mimin und Sängerin am ersten Weihnachtstag 2013 Jahres 70 geworden ist.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Der runde Geburtstag einer illustren Persönlichkeit ist ein willkommener Anlass für eine Ausstellung, die ihr Lebenswerk Revue passieren lässt. So gesehen könnte man sich Hanna Schygullas schon lange überfällige Retrospektive in einem Film- oder historischen Museum vorstellen: mit Plakaten, Filmstils und Fotos an den Wänden, mit Filmen auf den Bildschirmen, Manuskripten, Einladungen und Zeitungsausschnitten sowie anderen wichtigen Papieren in den Vitrinen. Das wäre die herkömmliche Form, um der Grande Dame der darstellenden Kunst eine museale Gunst zu erweisen. Doch Hanna Schygulla hatte anderes im Sinn und fand eine Partnerin, die bereit war, ihr Ausstellungskonzept zu verwirklichen.

Hanna Schygulla und Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, 31.03.2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Hanna Schygulla und Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, 31.03.2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Vier laufende Meter

2006 wurde in der Akademie der Künste Berlin das Hanna-Schygulla-Archiv eingerichtet, dem die Schauspielerin einen Großteil der Zeugnisse ihres langen Berufslebens übergab: ein riesiger Fundus mit mehr als eintausend Fotografien, darunter viele Porträts und Fotoserien, gemacht von solchen Berühmtheiten wie Helmut Newton, Peter Lindbergh, Gisèle Freud und Alice Springs, mit 120 AV-Medien und hunderten von Büchern, mit persönlichen und dienstlichen Briefen. Diese Sammlung ist ein Schriftgut mit einer Länge von – man kann es kaum glauben – vier Metern, sodass es die Quelle einer umfangreichen Ausstellung werden könnte. Doch Hanna Schygulla hat sich für etwas anderes entschieden. Von der Idee einer Personale in der AdK war sie zwar begeistert, lehnte aber eine Archivschau ihres Oeuvres ab. »Es gibt so einen Drang in mir, das zu tun, was gegen den Strich geht«, sagt sie. »Das, was einen Tabubruch hat, wirkt mehr als das, was nur brav ausgeführt wird. Wenn es gewisse Regeln gibt, die vorschreiben, dass in einem Archiv etwas Vergangenes gezeigt werden muss, habe ich sofort den Antrieb, etwas zu machen, was ins Zukünftige geht.«

Hanna Schygulla, Ausstellungsansicht "Traumprotokolle", AdK, 2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Hanna Schygulla, Ausstellungsansicht „Traumprotokolle“, AdK, 2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Räume für Träume

Aus diesem Antrieb entstand Hanna Schygullas Ausstellung »Traumprotokolle« in den Sälen der Akademie der Künste am Pariser Platz. Ihre filmgewordenen Träume flimmern in vier Räumen und zeigen, dass die bekannte Schauspielerin eine hierzulande noch recht unbekannte Videokünstlerin der ersten Stunde ist. Dass sie bereits 1979 selbst zur Kamera griff, war die Folge eines gescheiterten Projekts. Im Mai 1978, nach der Premiere des Films »Despair«, den Fassbinder Antonin Artaud, Unica Zürn und Vincent van Gogh widmete, sagte ihr Rainer Werner: »Diesmal machen wir etwas ganz anderes. Den nächsten Film machen wir wirklich zusammen, du wirst nicht nur Darstellerin sein. Lies zur Vorbereitung das Buch >Der Mann im Jasmin< von Unica Zürn.« So entdeckte Hanna Schygulla die 1916 in Berlin geborene Lyrikerin und Malerin, eine Frau, die ihre Träume aufschrieb und seltsame Geschöpfe und Gesichter zeichnete. 1953 lernte sie Hans Bellmer kennen und zog zu ihm nach Paris. Die an Schizophrenie erkrankte Künstlerin wurde immer wieder in psychiatrischen Kliniken behandelt. 1970 nahm sie sich das Leben. »Für Fassbinder war der >Mann im Jasmin< so interessant, weil es sich dabei um einen Text handelte, den Unica Zürn in einem schizophrenen Schub aufgeschrieben hat. Bei diesem Schub hat sie gespürt, dass sie schwanger wird, und zwar nicht mit einem Kind, sondern mit dem wiedervereinigten Berlin. Das war auch deshalb außergewöhnlich, weil sie es so lange vor dem Mauerfall schrieb. Das war also die Metapher, um die es in diesem Film ging.«

Befreit von fremden Blicken

Doch aus dem Filmprojekt »Der Mann im Jasmin« wurde nichts, denn am 31. Mai 1978 beging der Schauspieler Armin Meier, Fassbinders Geliebter, Selbstmord, und der Regisseur »musste den Film >In einem Jahr mit 13 Monden< machen, um diese Katastrophe zu verarbeiten.« Als Hanna Schygulla, die damals in der Künstlerkolonie im Alten Pfarrhof in Peterskirchen bei München lebte, davon erfuhr, fiel sie »in ein schwarzes Loch.« Das merkten ihre Nachbarn und empfahlen ihr, eine Videokamera zu kaufen. Die löste bei ihr einen enormen Kreativitätsschub aus, denn sie konnte jetzt zugleich Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin sein. Weil sie schon vorher oft ihre Träume notierte, entschied sie sich, einige davon zu drehen. So entstanden binnen »vier bis fünf Wochen wie im Fieber« sieben Filme über sieben Träume. »Ich habe diese sieben Träume ausgewählt, weil ich dachte, dass es Schlüsselbotschaften an mich selbst sind. Ich habe sie mit offenen Augen vor meiner laufenden Kamera noch einmal erlebt, und zwar ganz allein. Ich habe mich von fremden Blicken ganz befreit; ich wollte keinen, der mir dabei zuguckt, der mich beobachtet, der mir sagt, was ich tun soll. Ich habe es nicht gemacht, um es hier zu zeigen, obwohl ich es schon im Gefühl hatte, dass das später sicher interessant sein wird. Dann habe ich auch diese Videoarbeiten in die Kisten gepackt und bin damit 20 Jahre oder sogar noch etwas länger von Wohnung zu Wohnung umgezogen.« Erst als das Museum of Modern Art in New York ihr 2005 eine Retrospektive ausrichten wollte und ihr sagte, sie könne etwas Unbekanntes zeigen, ließ sie das Material zu Kurzfilmen schneiden. Fertig waren die »Traumprotokolle«.

Hanna Schygulla, Filmstil aus "Traumtunnel". Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Hanna Schygulla, Filmstil aus „Traumtunnel“. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Neuanfang mit siebzig

Jetzt können die »Traumprotokolle«, die um zwei neuere Arbeiten – »Traumtunnel« und »Hanna Hannah« ergänzt und von der für die AdK-Ausstellungstechnik verantwortlichen Simone Schmaus zu einer beeindruckenden Bild- und Soundinstallation angeordnet wurden, gesehen und gehört werden. Es lohnt sich, eine Reise in das Ich und das Unterbewusstsein der Hanna Schygulla zu unternehmen. Nicht nur deshalb, weil sie uns an ihren Sehnsüchten, »Angstfreuden« und Zweifeln teilhaben lässt. Man merkt: Morpheus war gestern, die heutige Göttin des Traumes heißt Morphhanna. Abgesehen von den Traumlandschaften, von denen die meisten im Kopf der Künstlerin entstanden und eine Mischung aus Surreal-Realem sind, protokollieren sie auch ihr Gesicht und ihren Körper im Wandel der Zeit. Vor dem Fluss der Zeit scheint Hanna Schygulla auch im wahren Leben keine Bange zu haben. Sie hat viele Koffer in ihrer neuen Wohnung am Savignyplatz und ist schon fast eine Berlinerin. »Manche denken, dass ich eine Wahnsinnige bin, denn ich will mit 70 ein neues Leben anfangen«, schmunzelt sie. »In Berlin gibt es diese etwas aufgeraute Art von Herzlichkeit und eine Offenheit, die mir gefällt.« Nach 35 in Paris verbrachten Jahren fühlt sie sich reif für einen Ortswechsel, sie möchte nach Berlin ziehen, denn von hier ist es näher in den Osten, »und die Polen meinen immer, ich bin eine der ihren.«

Hanna Schygulla mit Andres Veiel, Akademie der Künste, 25.02.2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Hanna Schygulla mit Andres Veiel, Akademie der Künste, 25.02.2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Selbstironisch und poetisch

Hanna Schygulla, geboren 1943 in Königshütte (heute Chorzów) unweit von Auschwitz, Flüchtlingskind, Münchnerin aus Oberschlesien und Wahlpariserin, ist in Berlin bereits gut angekommen. Davon zeugen die Massen, die zu ihren Veranstaltungen strömen. Zuletzt am 7. Februar zur Lesung aus ihrer Autobiographie »Wach auf und träume« im Kulturhaus Dussmann. Den Menschen, die seit 17 Uhr in einer langen Schlange ausharrten, um kurz vor 19 Uhr in die KulturBühne eingelassen zu werden und die berühmte Diva zu sehen und zu hören, sagte sie, dass sie dieses Buch selbst schreiben musste, sonst hätten das aus Anlass ihres 70. Geburtstag andere getan. Das mit Fotos reich bestückte und knapp 200 Seiten zählende Buch lässt uns ungeschminkte Einblicke in das Leben einer außergewöhnlichen Frau gewähren, für die Karriere und Erfolg nie ein Selbstzweck waren. Nüchtern, häufig selbstironisch und meistens sehr poetisch beschreibt sie ihr Bedürfnis, anders zu sein, die angespannte Situation in ihrem Elternhaus und den daraus resultierenden Entschluss, nie heiraten zu wollen, ihren unerfüllten Kinderwunsch und den Weg »von Glamour zur Altenpflege« ihrer Eltern, die ihr und ihnen am Ende doch noch viele unverhoffte Glücksmomente bescherte. Wenn das eine Diva ist, dann bitte mehr davon. Hoch lebe Hanna! Sto lat dla pani Hani! Viva Diva!

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 4, Februar – März 2014


Hanna Schygulla
Traumprotokolle
1.02-30.03 2014 
Akademie der Künste
Pariser Platz 4
10117 Berlin

Dienstag bis Sonntag 11 – 19 Uhr
Eintritt frei: Dienstag 15 – 19 Uhr
und für Besucher bis 18 Jahre an allen Tagen

Veranstaltung
Donnerstag, 6. März 2014, 19 Uhr
Von Fassbinders Muse zum Star des europäischen Films
Max Moor im Gespräch mit Hanna Schygulla
Eintritt 5/3 Euro

Hanna Schygulla, Wach auf und träume, Schirmer/Mosel, München, 2013

 

Buchtipp: 

Hanna Schygulla
Wach auf und träume
Die Autobiographie

Schirmer/Mosel
München

Preis 19,80 Euro