»Ich war immer meine eigene Droge, Chérie«

Juwelia, am 14. Januar 1963 als Stefan Stricker im hessischen Korbach geboren, mag Pop und Trash und Travestie, singt, textet, tanzt, malt, ist »ein komischer Vogel«, und führt das alles jedes Wochenende in der Galerie Studio St. St. im Reuterkiez vor. 

Interview und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff 

Urszula Usakowska-Wolff: Dein Künstlername ist Juwelia Soraya. Weil du so kostbar bist wie ein Juwel und so schillernd wie die einstige persische Märchenprinzessin?

Juwelia: Den Namen hat mir mal ein Freund gegeben, als ich mich zum ersten Mal als Frau angezogen habe. Da habe ich mir ein Channel-Kostüm genäht mit einem lila Glitzerrock und einer grauen Jacke. Ich habe dazu ganz viele große goldene Ketten und ein lila Stirnband im langen schwarzen Haar getragen. Ich habe sogar meinen Einkaufskorb lila angesprayt, damit alles passte. Wir haben uns am Wittenbergplatz getroffen, und mein Freund sagte: »Du bist jetzt Juwelia«. Ach ja, ausgerechnet Juwelia! Obwohl mir der Name eigentlich gar nicht gefallen hat, habe ich ihn beibehalten und schreibe ihn seit ein paar Jahren unter meine Bilder.

Hast du dir das Nähen selber beigebracht?

Ja, als ich nach Berlin kam vor 30 Jahren, habe ich überall in den Stoffabteilungen schöne Stoffe gesehen, da musste ich einfach nähen lernen. Ich bin am KaDeWe in eine Nähschule gegangen, die dann aber Pleite gegangen ist. Ich habe denen eine Nähmaschine aus den Sechzigern abgekauft, die unkaputtbar ist und ewig hält. Ich habe alles genäht, Mäntel, Jacken, wenn das ein Schneider gesehen hätte, hätte er natürlich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, aber es sah immer total gut aus. Ich habe Kleider in Second Hand Shops gekauft, ich habe immer alles verändert, an meine Figur angepasst, angezogen, ausgezogen.

Liegenden Juwelia. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Liegende Juwelia. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Juwelia, was ist mit Soraya geschehen?

Nichts, so sagt man auch zu mir. Aber ich signiere meine Bilder immer mit Juwelia St. St.

St. St. ist die Abkürzung von Stefan Stricker, wie du in Wirklichkeit heißt. Wer bist du: Stefan oder Juwelia?

Ich bin eigentlich immer gleich. Ich bin so, wie ich bin. Es ist so, wie es ist. Ich mache mir auch keine Gedanken darum, es ist einfach so.

Aber unter der Woche läufst du doch nicht so herum wie hier in der Galerie. Kann man dich da als Juwelia erkennen?

Ja, ja, ja. Ich habe ein schönes Gesicht und dieses Gesichtchen erkennt man schon.

1991 warst du auf dem Cover des Zeit-Magazins als schönster weiblicher Mann in Berlin. Wie kam es dazu?

Dahinter steckt ein Fotograf aus Dortmund, den ich in Frankreich kennen gelernt habe. Er hat mich immer in Berlin besucht und fotografiert, in allen Positionen. Er hat zig Tausend Fotos von mir gemacht, die er dann ans Zeit-Magazin verkaufte, er hat gutes Geld dafür gekriegt. Mir war das damals gar nicht so recht, ich fand das auch nicht so toll. Das ist aber alles schon Vergangenheit, die Fotos sind aus einer ganz anderen Zeit. Als sie entstanden, war noch die Mauer, da lag ich vor der Mauer auf einem alten Sofa mit einer Sektflasche: Das Cover sah so aus, als wäre ich sehr betrunken, was gar nicht der Fall war.

In der Galerie Studio St. St. zeigst du jeden Freitag und Samstag ab 20 Uhr deine eigene Show. Was gibt es da zu sehen und zu hören?

Es ist eine Show mit Schönheitstanz, Chansons, auch mit Liedern, die ich selber getextet habe: »Ich bin die Diva, du kannst mein Hausschwein sein«, »Ein Mann nach meinem Geschmack« oder »Ich brauch mehr Chi Chi Chi«. Jetzt habe ich ein neues Lied geschrieben: »Hey, kleiner Murat«, aber ich singe auch viel aus den Zwanzigern: »Schatz, hast du mir was mitgebracht?«, »Ein Spielzeug für die lange Nacht«, »Miezekatze«. Die führe ich im hinteren Raum vor, wenn ich den Pianisten Piotr Walewski habe, dann blüht alles so richtig auf. Diese alten Lieder passen wunderschön zu den Räumen. Es ist eine sehr kleine Galerie, wenn 20 Leute kommen, ist sie brechend voll.

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Improvisierst du oder bereitest du dich jedes Mal auf die Show vor? Wie lange dauert sie?

Es gibt ein Gerüst, aber manchmal schweife ich ab und manchmal verheddere ich mich dann in allem. Die Lieder sind so ein Gerüst, auf ein ruhigeres Lied folgt ein etwas schnelleres, und ich weiß, was ich ungefähr sage und wann ich tanze. Das hängt auch vom Thema ab: mal geht´s um Liebe, mal um die Männer, dann wieder um Sexualität, Schönheit, Beautyfarm. Manchmal höre ich nach dem vierten Lied abrupt auf, obwohl ich schon merke, dass die Leute mehr hören wollen. Aber ich habe manchmal so etwas wie einen Krampf und bin sehr erschöpft.

Trittst du nur in deiner Galerie auf, oder auch woanders, wie früher?

Nur hier, das andere ist mir zu anstrengend. Ich bin jetzt auch älter, das Nightlife ist nichts für mich, ich habe nachts nie gerne rumgehockt. So hatte ich 2006 diese Räume gemietet, damals war es noch billig hier, und mein Stück »Die Las-Vegas-Furie«, das kein Theater nehmen wollte, aufgeführt. Es handelte ja von Las Vegas, weil ich als Schönheitstänzerin in Las Vegas war.

Oh lá lá! In Las Vegas?

Ich sage immer, dass ich in Las Vegas war, aber das war bei Las Vegas, in der Wüste, eine Art Pizzabude für Cowboys. (lacht) Es war eigentlich mehr so ein Striplokal, Chérie. Mit richtigen Frauen, die an der Stange getanzt haben.

Du auch?

Ja, am Anfang in einer Schulmädchenuniform. (lacht) Der Chef wollte mal so eine Transe haben. Damals war mein Haar rot mit einer Außenrolle, und da haben mir manchmal Leute 100 Dollar eingesteckt, nur weil ich so gut aussehe. Einmal bin ich sogar als Spielchip rumgelaufen, da konnte man meine Schönheit gar nicht sehen.

Wie lange hast du als Schönheitstänzerin in der Wüste gearbeitet?

Acht Jahre. Nach vier Jahren wollte ich ganz aufhören, aber da hat mich das Geld wieder gelockt. Dann war ich dort noch mal vier Jahre. Es hat schon Spaß gemacht, doch es war sehr anstrengend und schweißtreibend. An sechs Tagen hatte ich sechs Shows. Es war eigentlich wie Sklaverei, du konntest gar nichts anderes machen, du hast da nur in der Garderobe gesessen.

In Saint Tropez warst du auch.

Ja, aber das war nur ein Gastspiel, eines von vielen Gastspielen an der französischen Riviera.

Warum bist du immer ein Geheimtipp geblieben, die ewige Underground-Artistin?

Man sagt immer von mir »Underground«, obwohl ich mich nicht als Underground sehe. Underground heißt ja »im Keller« spielen. Ich habe ja früher auch im Keller gespielt, im Heizungskeller oder überall dort, wo es möglich war. Um aufzutreten, muss man aus einer Szene kommen, und das ist nicht mein Fall. Ich komme nicht aus der Schwulenszene, ich komme nicht aus der schickeren Szene, es gibt keinen Laden für mich, deshalb habe ich diesen aufgemacht. Ich bin irgendwie ein Einzelgänger, der unter einer Glasglocke lebt, so ein bisschen autistisch. Ich habe das früher nicht gemerkt. Ich habe früher gesagt, dass ich schwul bin, und heute kann ich sagen, ich bin es nicht. Ich bin wahrscheinlich so ein Gendertyp, Chérie.

Was bedeutet das?

Na ja, da stimmt irgendwas mit dem Geschlecht nicht. Wenn ich eine richtige Frau geworden wäre, würde ich mich als Mann anziehen. Ich kann mich nicht mit Männern identifizieren und auch nicht mir Frauen, ich kann mich darin nicht widerspiegeln. Ich bin eigentlich mehr so ein komischer Vogel.

Lebst du allein?

Nein, ich habe schon 26 Jahre einen Freund, einen Partner, wo ich auch Glück hatte, weil solche Menschen wie ich meistens Singles sind.

Du führst ja ein ganz geordnetes Leben!

Ja, ich nehme keine Drogen, wenn du das meinst. Ich war immer meine eigene Droge, Chérie. Geraucht habe ich auch nie. Ich brauchte auch nie Alkohol, um aus dem Quark zu kommen. Viele Leute nehmen es nur, um lustig zu sein. Ich kann auch so lustig sein. Ich kann mich anknipsen und habe meinen Spaß. Ich kann mich aber auch ausknipsen. Ich mach´s so, wie´s kommt.

Sprechen wir jetzt über deine Bilder.  Seit wann malst du?

Ich habe schon immer kleine Bilder gemalt. Meine Mutter hat sie verschenkt, wenn Hochzeiten oder Geburtstage waren. Als ich 17 war, habe ich eine Bürokaufmannslehre angefangen, da hat man mir gesagt, das ist nicht dein Ding, du müsstest etwas Künstlerisches machen. Dann habe ich Grafik und Design in Dortmund gelernt, da hat man mir gesagt, das passt nicht zu Ihnen. Ich habe auch Frisör gelernt, was aber auch nicht das Richtige für mich war. Ich bin ein Mensch, der immer abgelehnt wurde und der Schwierigkeiten hatte mit dem Beruf, obwohl ich singen, tanzen, schauspielern, malen und Haare machen kann. Ja, ich hätte vielleicht freie Kunst studieren müssen.

Juwelia mit Bild. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Juwelia mit Bild. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Was und wann malst du?

Früher habe ich hauptsächlich Landschaften gemalt: Häuser am Meer, Fischteiche, Wiesen. Heute male ich Bilder über Liebe, Erotik, auch über Sex. Weil ich heute mehr ein Großstädter bin, male ich die U-Bahnhöfe in Berlin. Ich will auch die Müllabfuhr, die Müllmänner und die Müllautos malen. Ich male alles mit Acryl auf Papier, klebe es dann auf Pappe und lacke es. Ich habe manchmal Phasen, wo ich nicht male, dann male ich in acht Tagen acht Bilder. Diese Woche habe ich ein neues Bild vom Potsdamer Platz gemalt, mit einem Liebespaar. Ein Bild muss für mich immer wie ein Blumenstrauß sein. Dann ist er wie ein Weihnachtsbaum, deshalb brauche ich keinen Weihnachtsbaum zu Weihnachten. Ich mag ja mehr dieses Bunte. Gerade in den großen Bildern, da muss die Welt bunt und farbig sein wie in der Pop Art. Bei mir muss alles poppig und fröhlich sein.

 Die Rahmen machst du auch selber?

Nein, die lasse ich mir machen. Sie sind alle aus Holz, so schön, dass sie fast wie aus Plastik aussehen.

Warum lackierst du deine Bilder?

Ich mache einen Lackspray drauf, was man eigentlich nicht braucht, aber das ist für die Nachwelt gedacht. Meine Bilder werden irgendwann in der Flohmarktkiste liegen, wenn ich tot bin. Die Bilder sind so gemacht, dass sie 80 Jahre aus der Flohmarktkiste nicht rausfliegen können, Chérie. (lacht)

Wie ich die Leute so kenne, werden sie die Bilder rausnehmen und den schönen Rahmen behalten…

Das hast du gesagt! Das hast du gesagt, Chérie! (lacht) Auch andere haben schon gemeint, der Rahmen ist mehr wert, als das Bild. Aber das finde ich nicht so schlimm.

Ein Journalist hat geschrieben, dass du in der Zuckerdose lebst.

Ja, ich muss alles verschönern, dekorieren und designen, den Laden ja auch. Ich bin ein Old-Fashion-Typ, so habe ich hier alle Stile gemixt: die zwanziger, dreißiger, vierziger und sechziger Jahre.

Du magst, wie ich sehe, auch Löcher und Laufmaschen in den Strümpfen.

Ja, es muss nicht alles perfekt sein, deshalb mag ich Trash. Ich mag natürlich auch Luxus, wenn er sich mit Trash vermischt. Seitdem ich den Laden eröffnet habe, wird es hier immer schicker, eine Boutique nach der anderen macht auf. In zehn Jahren ist hier alles überdacht mit Glas und 15 Millionen Glühbirnen werden eingedreht, dann wird aus Neukölln Las Vegas.

Keine schlechten Aussichten für dich, denn du kennst dich ja in Las Vegas gut aus.

Na ja, die Zukunft in Berlin ist ungewiss und das macht mir ein bisschen Sorgen, Chérie. Der Stadtteil wird auch immer voller, vor 20 Jahren liefen morgens um elf drei Hausfrauen durch den Cottbusser Damm und heute strömen da die Massen. Die Mieten steigen, jetzt ist ja jeder Kartoffelkeller vermietet für teures Geld. Diese Preisspirale geht immer weiter rauf, was für Künstler eine große Gefahr ist. Ich habe Glück mit meiner Wohnung, die ist noch relativ billig, sodass ich drin bleiben kann. Wie es mit dem Laden weitergeht, weiß ich nicht, denn ich muss jetzt 50 Prozent mehr Miete zahlen.

Dein Laden ist ein Gesamtkunstwerk und sollte unter Denkmalschutz gestellt werden.

Ja, ja, unter Denkmalschutz. Das hast du jetzt gesagt, Chérie! Wenn ich jetzt den Laden zumachen würde, würde kein Mensch nach mir weinen. In Berlin ist alles sehr oberflächlich, da ist man ganz schnell weg vom Fenster. Wenn ich die Galerie aufgeben muss, nehme ich meine schönsten Bilder mit. Alle anderen kommen in die Müllpresse. Da mache ich mir keine Illusionen.

Interview und Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 1/2015


Info: 

Galerie Studio St. St. von Juwelia. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Galerie Studio St. St. von Juwelia. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Galerie Studio St. St.
Öffnungszeiten

Freitag & Samstag
20-24 Uhr,
Dienstag 16-19 Uhr
Sanderstraße 26
10247 Berlin

 

Buchtipp: 

umschlag_juwelia.indd»Zuckerpuppe. Stefan und Juwelia«
Fotografien geschossen und Texte gesammelt von Anja Teske.
Beiträge von Stefan Stricker & Wolfgang Müller
Martin Schmitz Verlag Berlin
Preis: 24,80 Euro

www.martin-schmitz-verlag.de