Imi Knoebel oder die Liebe zur Geometrie ohne Symmetrie

Das Kunstmuseum Wolfsburg würdigt den Düsseldorfer Künstler und führenden Vertreter der Minimal Art in Deutschland mit einer umfassenden Werkschau, die er selbst inszenierte. 

Von Urszula Usakowska-Wolff

Leichtigkeit und Opulenz, Stringenz und Sinnlichkeit, Einfachheit und Raffinesse, eine von der Geometrie beflügelte Fantasie, pulsierendes Schwarz-Weiß und entspannender Farbrausch, Sperriges, das elegant wirkt: Imi Knoebel ist ein Künstler, dem es gelingt, unüberbrückbare Gegensätze zu vereinen. Seine Kunst ist auf eine wohltuende Art ambivalent und konsequent, denn seit fast einem halben Jahrhundert geht er der Frage nach, was Malerei noch bedeuten kann, nachdem sie Kasimir Malewitsch mit seinem kleinen und scheinbar unscheinbaren Bild »Das schwarze Quadrat auf weißem Grund« 1915 auf den Nullpunkt brachte und die Kunst revolutionierte. Die Beschäftigung mit Malewitsch, auch mit dessen Abhandlung »Die gegenstandslose Welt« von 1927, war der Ausgangspunkt von Imi Knoebels künstlerischem Werdegang. Das Werk des russischen Suprematisten hat den Studenten der Düsseldorfer Kunstakademie Mitte der 1960er Jahre so erschüttert, dass er nichts anderes malen konnte als schwarze Linien und schwarze Streifen auf weißem Papier und weißer Leinwand.

Imi Knoebel, Werke 1966-2014, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Imi Knoebel, Werke 1966-2014, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Aus jeder Ecke ein anderer Blick

Das ist schon recht lange her, doch der abstrakten Malerei, wozu sowohl die mehr oder weniger traditionellen Tafelbilder als auch Rauminstallationen gehören, ist Imi Knoebel treu geblieben. Dass seine Bilder Räume schaffen, die sich zu einem Gesamtbild zusammenfügen, kann man gegenwärtig im Kunstmuseum Wolfsburg sehen. Aus Anlass des 75. Geburtstags des Großmeisters der Minimal Art werden dort über 100 seiner Werke aus den Jahren 1966 – 2014 gezeigt: eine imposante Schau, die der Künstler selbst inszenieren durfte. In der riesigen, lichtdurchfluteten Halle im Erdgeschoß ließ er drei diagonal aufeinander zulaufende, doch sich nicht berührende Wände aufstellen, die einerseits den Raum strukturieren und in der Mitte aufteilen, andererseits bewirken, dass aus jeder Ecke der Halle ein anderer Blick auf die hängenden und stehenden Exponate möglich ist. Weil alle Flächen außer dem Fußboden weiß gestrichen wurden, scheinen die Objekte zu schweben: Ihre Plastizität bleibt den Besuchern nicht verborgen. Imi Knoebel ist der Schöpfer einer Kunst, die das Auge erfreut und ästhetische Bedürfnisse befriedigt, obwohl sie wegen der Machart und Beschaffenheit einen kühlen Eindruck hinterlassen müsste. Es ist auch ein intellektuelles Vergnügen, sich auf sein Spiel mit den Ikonen der Moderne einzulassen, wozu, neben Malewitsch, vor allem Piet Mondrian und Barnett Newman gehören.

Imi Knoebel, Werke 1966-2014, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Imi Knoebel, Werke 1966-2014, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Ellipsen, Kreise, Ecken und Zacken

Imi Knobels Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg ist keine Retrospektive, obwohl an ihrem Anfang zwei »Linienbilder« hängen. Abgesehen von den beiden Frühwerken, deren Dynamik und Rhythmik ein wenig an die Op Art erinnern, führt sie vor, dass der Künstler nicht selten seiner Zeit voraus war: Bereits als Kunststudent in Düsseldorf schuf er im legendären Raum 19 eine Objektgruppe aus im Baumarkt erhältlichen Hartfaserplatten und bezog den Raum, wo sie standen, als Bildträger ein. Indem er leere Keilrahmen an die Wand hängte oder Lichtrechtecke auf weiße Flächen projizierte, wurden sie zur Leinwand. So interpretierte der Schüler von Joseph Beuys dessen erweiterten Kunstbegriff auf seine eigene Weise: Er sah die Schönheit der einfachen Dinge, die sich durch zum Teil minimale Eingriffe in Kunstwerke verwandeln. Er merkte, welches Potenzial in der Geometrie steckt, was man aus geometrischen Figuren alles zaubern kann. Nachdem Imi Knoebel in den eckigen, kantigen, zackigen oder elliptischen Formen seine Ausdrucksform gefunden hatte, begann er seit Mitte der 1970er Jahre sich auch mit Farben anzufreunden: zuerst mit den Primärfarben, mit Mennige, mit fluoreszierenden Farben, dann auch mit anderen wie Rosa, Türkis, Orange. Nur ein Grün, das seinen Erwartungen und Vorstellungen entspricht, hat er bis heute nicht gefunden.

Imi Knoebel, Werke 1966-2014, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Imi Knoebel, Werke 1966-2014, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Wie in einem Kaleidoskop

Imi Knoebels Ausstellung in Wolfsburg zeigt, welche Gestaltungsmöglichkeiten die Gegenstandslosigkeit bietet, wenn man sie, wie Malewitsch es wollte, als »Empfindung « definiert und daraus, mit einem sicheren Gespür für Formen, Farben und Räume, dekorative, doch von Wand- oder Raumschmuck weit entfernte Werke schafft. Das Kunstmuseum in der VW-Stadt ist die richtige Bühne für die Inszenierung dieser spektakulären Malerei auf Leinwand, auf und aus Aluminium, Glas, Sperrholz, Holz, Eisenblech, Kupfer, für die Objekte aus Fundstücken, Steinen, Leitern, Latten, Schläuchen, die man begehen, umkreisen, aus der Nähe und einer größeren Distanz sowie von oben bestaunen kann. Deshalb ist diese Schau ein bisschen wie ein Kaleidoskop, denn jedes Mal, wenn man seine Besichtigungsrunden dreht, entsteht ein neues Bild. Es ist Absicht, dass die Anordnung der Werke, mit einigen wenigen Ausnahmen, keiner Chronologie folgt. Die Kunst ist ein dynamischer Prozess, in dem sich Altes und Neues nebeneinander befindet, wobei das Neue, wie die »Batterie« (2005), das Alte – den »Raum 19« (1968/2006) mit Energie auflädt. Alle Arbeiten von Imi Knoebel sind Teile seines Gesamtwerks, können sowohl als Ganzes oder einzeln funktionieren. Am anschaulichsten wird das am Beispiel von Objekten demonstriert, die als »Tischlandschaften« bezeichnet werden können. Es sind acht große Tische in der oberen Galerie, die aus mehreren kleinen bestehen und an denen die Besucher Platz nehmen können. Als Einheit sind sie vielfarbig, einzeln monochrom. Und wie das bei Imi Knoebel so üblich ist, kommt die Geometrie meistens ohne Symmetrie ganz gut aus.

Imi Knoebel, Werke 1966-2014, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto: Urszula Usakowska-Wolff
Imi Knoebel, Werke 1966-2014, Kunstmuseum Wolfsburg. Foto: Urszula Usakowska-Wolff


Imi & Imi & IMI

Die Ausstellung ist eine große Werkschau des am 31. Dezember 1940 als Klaus Wolf Knoebel in Dessau geborenen Künstlers, der seit 1950 in Mainz lebte, von 1962 bis 1964 die Werkkunstschule in Darmstadt besuchte, dann an der Düsseldorfer Kunsthochschule Gebrauchsgrafik studierte und 1965 in die Beuys-Klasse aufgenommen wurde. In all den Jahren war sein Freund und Wegbegleiter der zwei Jahre jüngere Rainer Giese, der sich auch Imi nannte, Malewitsch verehrte, zusammen mit Imi Knoebel als Imi & Imi (= Ich mit ihm) auftrat und im Raum 19 arbeitete. So sind Knoebels Arbeiten aus der Serie »Eigentum Himmelreich« (1983), die in den Räumen mit Blick auf den Japanischen Garten präsentiert werden, auch eine Hommage an seinen Freund, der sich 1974 das Leben nahm. Was bleibt, ist ein »Zelt« aus fünf Blechen, drei Leitern und Eisen: Dinge, mit denen einst ein Mensch lebte. Und die viel länger leben als ein Mensch. Für Besucher und Kritiker, die nach versteckten Inhalten suchen, ist das Kunstwerk »VEB Kontor« (1990/97/98) zu empfehlen. Es besteht aus siebentausend Paketen des Starkreinigers IMI, dessen Produktion im VEB Waschmittelwerk in Genthin (DDR) nach der Wende eingestellt wurde. Ein Denkmal des Untergangs der DDR-Wirtschaft? Die Quelle des Künstlernamens Imi? Das Rätselraten um Imi & Imi & IMI ist ganz und gar im Sinne von Kasimir Malewitsch, der 1915 im Text zu seiner Ausstellung »0,10« schrieb:

»Erst, wenn die Gewohnheit und das Bewusstsein verschwunden sein werden, in Bildern die Darstellung kleiner Ecken der Natur, Madonnen oder Venusdarstellungen zu sehen, werden wir das malerische Werk erkennen…«

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen in strassen|feger 2/2015


Imi Knoebel. Werke 1966 – 2014
bis zum 15. Februar
Kunstmuseum Wolfsburg