Marwan Kassab-Bachi (1934 – 2016)

Marwan Kassab-Bachi ist am 22. Oktober 2016 in Berlin verstorben. Der aus Damaskus stammende Maler wurde 82 Jahre alt.

Anfang 2014 richtete die Villa Grisebach in der Fasanenstraße 24 in Berlin-Charlottenburg Marwan Kassab-Bachi  eine große Einzelausstellung zu seinem 80. Geburtstag aus. Ich habe damals darüber eine Rezession geschrieben, die Sie hier lesen können.

MARWAN ODER EIN KÜNSTLERISCHES DAMASKUS IN BERLIN 

von Urszula Usakowska-Wolff

Am 24. Januar 2014 erlebte das Auktionshaus Villa Grisebach in der Fasanenstraße 25 in Berlin-Charlottenburg eine Belagerung. Hunderte Menschen drängten sich in den nicht gerade kleinen Räumen. In der Garderobe gab es keinen Platz mehr für Mäntel. Es war schwierig, sich den Weg durch die freudig erregte Menge zu bahnen. Etwas verloren wirkte da der Held jenes Abends: Der Maler Marwan, dessen Ausstellung aus Anlass seines 80. Geburtstags eröffnet wurde, ein sanft lächelnder Mann mit einem fast faltenfreien rosigen Teint, einer runden Brille und einem silberfarbenen Schal, schüttete unzählige Hände, erwiderte Küsschen und ließ sich sogar sein Haupt mit einem Lorbeerkranz schmücken. Er schien sich ein wenig zu wundern, dass so viele gekommen sind, um einen repräsentativen Ausschnitt aus seinem Werk zu sehen, das er, gebürtiger Syrer, Anfang der 1960er Jahre in West-Berlin begonnen hat. Die leider nur zwei Wochen dauernde und am 8. Februar 2014 zu Ende gegangene Ausstellung, eine Kooperation der Villa Grisebach in Berlin mit der Galerie Michael Hasenclever in München, war Marwans erste Personale in Berlin seit 2009 und deshalb längst überfällig: Sie brachte den etwas in Vergessenheit geratenen Maler und Zeichner wieder in Erinnerung.

Im Gefängnis des Körpers

Marwans Figuren auf den Aquarellen, Zeichnungen und Ölbildern aus seiner ersten Schaffenszeit haben überdimensional große Köpfe und seltsam verrenkte Glieder. Manchmal wächst ihnen eine dritte Hand aus dem Rücken, manchmal haben sie nur ein Bein, dann wiederum wird ein Kopf von mehreren Füssen eingeklemmt und festgehalten. Sie verharren in unbequemen Posen. Viele dieser Figuren haben keine eindeutige geschlechtliche Identität: Solche, die wie Männer aussehen, tragen Pumps, andere fassen sich in den Schritt, als ob sie sich ihrer Männlichkeit vergewissern wollten. Man spürt, dass sie sich in ihrer Haut nicht wohl fühlen, eingezwängt in einen Körper, der ihnen wie ein Gefängnis vorkommt und aus dem sie sich nicht befreien können. Meistens treten auf seinen damaligen Bildern androgyne Einzelfiguren in Erscheinung, die wie Selbstbildnisse des Künstlers anmuten. Wenn er Paare darstellt, auch solche, die sich an den Händen fassen oder umarmen, sind sie sich fremd, scheinen abwesend, entrückt und in sich gekehrt zu sein. Sie stehen zwar nebeneinander, haben aber miteinander nichts zu tun. Es sind Bilder der Einsamkeit und der Entfremdung, der Fremdheit des eigenen Körpers, der weder mit sich selbst noch mit den anderen, ihm nahen oder fernen Körpern in eine Beziehung treten kann. Es sind Bilder von den Bildern, die im Kopf entstehen, wenn man sich nach menschlicher Nähe, Liebe und Erotik sehnt. Und sie nur in den eigenen Gedanken ausleben kann.

Marwan, Ohne Titel, 1976. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Marwan, Ohne Titel, 1976. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Sensibler Spiegel der geteilten Stadt

Diese verstörenden Bilder, Porträts eines jungen Künstlers, der sich seiner Identität als Mann nicht sicher ist, sich in einer neuen Umgebung und in einer fremden Kultur zurechtfinden oder sogar neu erfinden muss, der sich von der ungewohnten sexuellen Freizügigkeit der westlichen Welt angezogen und abgestoßen fühlt, gehören zum Frühwerk von Marwan Kassab-Bachi. Am 31. Januar 1934 in Damaskus geboren, studierte er von 1955 bis 1957 arabische Literatur an der Universität seiner Heimatstadt. Dann kam er als 23-Jähriger nach Berlin, um an der Charlottenburger Kunsthochschule bei Hann Trier Malerei zu studieren. Am 10. September 1957 erreichte er »eine geteilte Stadt, sensibler Spiegel für die Welt und der Ort meiner Biographie, wo ich mein künstlerisches Damaskus gefunden habe«, schrieb er im Katalog seiner großen, 2006 in der Berlinischen Galerie gezeigten Einzelausstellung »Khaddousch«. Marwan ist, neben Georg Baselitz und Eugen Schönebeck, einer der führenden Vertreter der Pathetischen Figuration, die sich seit Anfang der 1960er Jahre der damals in Deutschland vorherrschenden abstrakten Kunst widersetzte. Marwans Frühwerk, das aus einer Fülle von Aquarellen und Zeichnungen und einer geringerer Anzahl von Ölgemälden besteht, markiert den Übergang des Künstlers von der Abstraktion zur Figuration. Seine Arbeiten, die zwischen 1962 und 1971 entstanden, haben einen skizzenhaften Charakter. Die darauf dargestellten Gebilde, aus denen sich allmählich Figuren entwickeln, sind ein integraler Bestandteil der Landschaft, also der Natur, die sich immer mehr aufzulösen scheint. An ihre Stelle treten leere Räume, in denen Marwans Figuren einsam, isoliert, verloren und deplatziert wirken, als hätte man sie ihrer natürlichen Umgebung beraubt und in eine fremde, kalte und desolate Welt verpflanzt.

Marwan, Ohne Titel (Marionette), 1979. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Marwan, Ohne Titel (Marionette), 1979. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Bildnisse des Männlich-Weiblichen

Das, was Marwans frühe Figuren noch mit der Landschaft verbindet, sind die erdigen Töne ihrer Haut, Kleidung, der Vor- und Hintergründe, von denen viele in der Farbigkeit an Gewürzstände in den orientalischen Basaren erinnern. Andererseits kann die Loslösung von der Natur die Figur vor ihrer eigenen Natur, das heißt vor den Trieben, nicht bewahren. In einer künstlichen Umgebung, in einer neuen, recht toleranten urbanen Welt, die den Sex nicht so restriktiv behandelt, lauert die Versuchung auf Schritt und Tritt – und vor allem im Schritt, denn die Figuren sind auf ihre Geschlechtsteile fixiert und ihren Trieben ausgeliefert. Männerköpfe werden von Damenbeinen in aufreizenden Strümpfen umschlossen, den männlichen Figuren wachsen Penisse auf der Brust, Männer tragen Pumps und Vaginen im Kopf. Marwan zeigt, dass es offensichtlich nicht leicht fällt, sich als Individuum zu definieren, vor allem dann, wenn man sich seiner eigenen Geschlechtsidentität nicht sicher sein kann. Zwischen dem Weiblichen und Männlichen hin und her gerissen stehen Marwans Figuren sich selbst und ihrem Glück im Weg. Von ihren Trieben getrieben und gelähmt, in fremden leeren Räumen gefangen, sind sie unfähig, ihre Träume, Fantasien und Bedürfnisse mit dem anderen oder demselben Geschlecht auszuleben oder zu teilen. Sie scheinen lebenslang zur Einsamkeit verdammt zu sein. Doch Marwans eigenartige Kunst blieb nicht unbemerkt und sorgte von Anfang an für Aufsehen, denn bereits 1966 wurde ihm der Karl-Hofer-Preis verliehen. 1973 bekam er das Stipendium Cité des Arts in Paris. Von 1977 bis 1979 war er zuerst Gastprofessor, dann von 1980 bis 2002 Ordentlicher Professor für Malerei an der Hochschule der Künste Berlin. 2002 wurde er mit dem Fred-Thieler-Preis für Malerei, 2005 mit dem Preis des Forum Culturel Libanais in Paris sowie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. 1994 wurde er in die Akademie der Künste aufgenommen.

Marwan, Villa Grisebach Berlin, 24. Januar 2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Marwan, Villa Grisebach Berlin, 24. Januar 2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Morbide Vitalität

Seit Ende der 1970er Jahre bewegt sich Marwans wie immer singuläre Kunst in zwei scheinbar entgegengesetzte Richtungen. Er malt figürliche »Marionetten« und abstrakte »Köpfe«, die er »Gesichtslandschaften« nennt. Seine »Marionetten« treten immer einzeln, niemals in Gruppen auf. Auf der Seite liegend oder kauernd sehen sie aus, als hätte ihnen der Auftritt im Puppentheater jede Kraft geraubt, als wollten sie nie wieder von Menschenhand zu neuem Leben erweckt werden. Während ihre Glieder schlaff, plump und leblos wirken, vermitteln ihre Antlitze, die durch weit aufgerissene Augen und rot geschminkte Lippen bestechen, einen höchst lebendigen Eindruck. Sie sind zugleich vital und morbid, denn sie scheinen zu wissen, dass ihre Performance im schnell vergänglichen Schauspiel des Seins nicht allzu lange währt. Das verbindet sie mit den Menschen, deren Hände sie formen, an den Strippen ziehen und von Zeit zu Zeit zum Tanzen bringen. Im Gegensatz zu den »Marionetten«, die auf den ersten Blick als gegenständlich zu erkennen sind, muten Marwans »Köpfe« wie abstrakte erdfarbene Landschaften oder Wandteppiche an. Doch das ist eine Täuschung, der man erliegt, wenn man den Bildern zu nahe tritt. Werden sie aus einer gewissen Distanz betrachtet, fügen sie sich zu einem menschlichen Gesicht zusammen. Bekanntlich beobachtet sich Marwan beim Malen in einem kleinen Spiegel. Er arbeitet sehr lange an den einzelnen Bildern, bringt darin seine Erinnerungen, seine Sehnsucht nach Syrien seiner Kindheit und Jugend, die Trauer über seine vom Krieg gebeutelte Heimat, seine Träume, Hoffnungen und Ängste zum Ausdruck. Das alles geht ihm durch den Kopf, wenn er einen »Kopf« auf Leinwand oder auf Papier bannt. Marwans »Köpfe« sind Geschöpfe, denen des Künstlers Gefühle nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Zuerst erschienen im strassen|feger 3/2014, Seite 16 und 17


Marwan Kassab-Bachis Werke werden gegenwärtig sowohl in der Ausstellung »Uncertain States. Künstlerische Strategien in Ausnahmezuständen« in der Akademie der Künste am Hanseatenweg in Berlin-Tiergarten als auch in der Ausstellung »Die Akademie der Künste, Berlin, zu Gast in den Kunstsammlungen Chemnitz«  gezeigt.


Die Akademie der Künste trauert um Marwan Kassab-Bachi >>>


www.marwan-art.com