»Moby-Dick« von Michael Beutler: Ein Potpourri aus Papier, Bambus, Holz und Pecafil

Die Ausstellung »Moby-Dick« von Michael Beutler in der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs wirkt wie eine gelungene Mischung aus Baumarkt, Baustelle, Manufaktur, Volksfest, Lager und Recyclinghof.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Das Karussell dreht sich, doch es rührt sich in Wirklichkeit nicht vom Fleck. Was sich dreht, ist die Rotunde, in der sich das Karussell befindet. Eine Wahrnehmungstäuschung also, die aber erst nach einer längeren Zeit auffällt und den Spaß, auf dem Karussell auch dann zu fahren, wenn es steht, nicht mindert – oder vielleicht sogar noch steigert. Das Karussell ist jetzt in einem Museum aufgestellt, und man fühlt sich darin so, als säße man in einem stehenden Zug, während der auf dem Nachbargleis sich in Bewegung setzt. Doch das Karussell, das in einer runden Hülle ein bisschen wie unter einer milchigen Käseglocke in der Mitte der historischen Halle des Hamburger Bahnhofs steckt, ist kein Zug. Nein, es stellt ein Schiff dar, das Literaturgeschichte geschrieben hat und nun vielleicht Kunstgeschichte schreiben wird. Es ist die spielerische und verblüffende Nachbildung des Schiffs »Pequod«, mit dem Kapitän Ahab in Herman Melvilles Roman »Moby-Dick« (1851) den weißen Pottwal jagte, diesmal aus der Hand des vielseitig begabten, gefragten, experimentierfreudigen und umweltbewussten Künstlers Michael Beutler, Jahrgang 1976.

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Mit Gugelhupf im Bauch

Die Ausstellung »Moby-Dick«, die an allen Ecken und Enden der Riesenhalle wuchert und immer üppiger gedeiht, ist ein Work in Progress, welches das Herzstück des Musentempels in Moabit in eine Mischung aus Baumarkt, Baustelle, Manufaktur, Lager, Volksfest und Recyclinghof verwandelt. Überall liegt oder steht etwas herum: weißgestrichene Bögen und Säulen, Paravents und Pavillons aus dem Universal-Schalmaterial Pecafil, Papierrollen, Papierballen, Matten, mit Fäden umwickelte Bambusrohre, mit buntem Papier beklebte Maschenzaunlatten, Schnitthölzer aller Arten und Größen, Holzplatten, Kabeltrommeln, Maschinen, die wie Spinngeräte oder Mangel aussehen, selbst gebaute Bänke, Müllsäcke und Fernseher. Ein Horror Vacui auf Schritt und Tritt, die Bühne und das Bühnenbild für ein Spektakel, mit dem der aus Oldenburg stammende und in Berlin lebende Michael Beutler, gelernter Bildhauer, ferner Tüftler und Selfmade-Ingenieur, die historische Halle des Hamburger Bahnhofs, 2000 Quadratmeter groß und 80 Meter hoch, auf »ein menschliches Maß« reduzieren, mit Leben füllen und sinnlich erfahrbar machen möchte. Deshalb greifen seine Installationen die Architektur dieser Halle auf, sodass jetzt eine Halle in der Halle steckt wie eine Matrjoschka in einer anderen Matrjoschka. Diese Halle mutet für gewöhnlich wie eine Kathedrale an, ihre Monumentalität stellt die dort gezeigten Werke auf eine harte Probe. Um sie zu bestehen und sich in dieser Umgebung zu behaupten, müssen sie der Monumentalität trotzen, also eine starke Präsenz entfalten, sonst werden sie von der Architektur erdrückt. Die historische Halle ist für Michael Beutler die Verkörperung des »Moby-Dick«, eines Ungeheuers und Ungetüms, das es zu bändigen und ständig zu füttern gilt, damit es satt, träge und kampfunfähig bleibt. Der Bauch des weißen Riesen muss immer voll sein, damit »Pequod« (in diesem Fall aus Pecafil) nicht zum Sinken gebracht werden und das Karussell-Schiff (Schiffs-Karussell?) sich drehen oder einfach nur still stehen kann. So ist verständlich, warum der Künstler sein »Pequod« scherzhaft und doch sehr nahe an der tatsächlichen Form dran als »Gugelhupf« bezeichnet. Abgesehen davon sieht »Moby-Dick« auch ein bisschen wie eine XXL-Version des »Merzbaus« von Kurt Schwitters aus.

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Wie Kunst entsteht

Diese Ausstellung ist außergewöhnlich, und das an einem Ort, wo das Publikum nicht selten darüber staunen durfte, was heute alles Kunst bedeutet: ein in Formaldehyd eingelegter Tigerhai, lebende Rentiere, Mäuse und Fliegenpilze, frei schwebende Blasen, in denen die Leute mitschweben konnten. Doch das waren bisher immer mehr oder weniger vollendete und konventionelle oder unkonventionelle Werke, fertige Ausstellungsstücke, die in jedem Museum stehen oder hängen könnten. Michael Beutler geht einen anderen Weg: Er zeigt, wie Kunst entsteht, und dass es ein langer Prozess ist, wenn sich eine Idee in ein Kunstwerk verwandelt. Es ist ein Prozess, in dem der Künstler zwar der Ideengeber ist, doch er kann und will es nicht, seine Vorhaben allein zu verwirklichen. Er befürwortet und praktiziert eine Kunst, die sehr viel Arbeit macht, weshalb sie nur unter Beteiligung und Mitwirkung anderer Menschen gefertigt werden kann. Deshalb arbeitet Michael Beutler immer mit einem Team zusammen, mit Volontären, Freunden und Fachleuten, die seine selbst gebastelten Maschinen aus Holz bedienen und damit Bambusrohre mit Fäden umwickeln, Papierballen in Plastiknetze pressen oder in buntes Papier Wellen prägen. Des Künstlers Werkstatt, der jetzt die historische Halle des Hamburger Bahnhofs an mehreren Stellen gleicht, ist eine mittelalterliche Manufaktur, wo, in vorindustrieller Arbeitsweise und mit einfachsten Mitteln und Maschinen, fast ohne Strom und Wasser, Elemente der Kunstwerke hergestellt werden. Das ist keine anonyme und automatisierte Massenproduktion am Fließband, obwohl hier in Handarbeit industrielle Stoffe wie Packpapier, Pappe, Maschendraht und das erwähnte Pecafil zu individuellen Kunstwerken verarbeitet werden. Die aus sprödem, billigem und sperrigem Material gefertigten Artefakte wirken luftig und leicht wie japanische Pavillons oder Paravents. Die Maschinen, die Beutler erfindet, baut oder umbaut, sind einfach, denn ihre Aufgabe ist es, dem Menschen bei der Arbeit zu helfen und nicht, ihn zu ersetzen. Sie werden mit einem Pedal oder mit Kurbeln in Bewegung gebracht und produzieren Dinge, die sinnlos erscheinen und keinen anderen Zweck haben, als einfach nur Kunst zu sein. Sie sind zugleich Produzenten und Bestandteile der Installationen und Einzelwerke von Michael Beutler, die so schöne Titel haben wie »Pump Up The Volume – Herrmann«, »Zustand mit Loops und Kringeln«, »Faltfrösche und Guillotine der Aluminiumpagode« oder »Sandwichpressen von Sandwiches, Dobbels and Burgers«, dass sie schon fast wie Poesie klingen. Poesie aus Pecafil ist wie Kunst aus demselben Schalmaterial: umweltfreundlich, grundwasserneutral, recycelbar und biologisch abbaubar. Einfach ideal.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 11/2015 


Michael Beutler. Moby-Dick
Noch bis zum 6. September 2015 
Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin
Invalidenstraße 50-51
10557 Berlin

Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Freitag von 10 – 18 Uhr
Donnerstag von 10 – 20 Uhr
Samstag und Sonntag von 11 – 18 Uhr

Eintritt: 14 / 7 Euro