Eden im Erdgeschoss, Hölle im Himmel

Die Ausstellung »Making Eden« in der Galerie Blain|Southern zeigt die Werke von Yinka Shonibare, der sich mit Charme, Ironie, einer Prise schwarzen Humors und sehr viel Esprit mit Klischees, Konstruktion und Dekonstruktion von Geschichte, Kolonialismus, Postkolonialismus und Identität auseinander setzt. Diese schwierigen Themen stellt er mit einer unübertroffenen Leichtigkeit und bewundernswerter Konsequenz dar.

Von Urszula Usakowska-Wolff

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Die Nachbarschaftsgalerie im Kunger Kiez

Hinter drei großen Schaufenstern erstreckt sich ein hell beleuchteter Saal. An den Wänden hängen Bilder, auf dem weiß gekachelten Fußboden stehen zwei kleine Tische und fünf Stühle, ein Büchertauschregal, eine mit Flokati-Brücken bedeckte Holzkiste, daneben kräuselt sich ein Geldbaum auf einem Blumenständer.

Von Urszula Usakowska-Wolff

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Dorothy Iannone oder die Kunst der Liebe

Sie ist eine Meisterin der erotischen Kunst. Die Zeichnungen, Gemälde, Objekte, Bild-Schrift-Klang- und Filminstallationen der Dorothy Iannone sind eine Hommage an Dieter Roth; ein Lobgesang auf die Erotik als Ausdruck göttlicher Vereinigung von Körper und Geist. Trotz aller Verehrung des Geliebten ist Dorothy Iannone die handelnde Person und die Hauptprotagonistin ihrer Kunst.

Von Urszula Usakowska-Wolff

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Hanna Schygullas filmgewordene Träume

Hanna Schygulla wird mit vielen Namen geschmückt: Ikone und Legende des Neuen Deutschen Films, Diva, Diseuse und die einzige deutsche Schauspielerin ihrer Generation, die Weltruhm erlangte. Dabei wird immer wieder darauf hingewiesen, sie sei Muse und Weggefährtin von Rainer Werner Fassbinder gewesen, der sie entdeckte und dem sie ihren internationalen Erfolg verdankt. Das ist alles zur Genüge bekannt, beschrieben, dokumentiert. Das wird jetzt alles in Erinnerung gebracht, weil die Mimin und Sängerin am ersten Weihnachtstag 2013 Jahres 70 geworden ist.

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Rolando Villazón: »Popularität kann sehr hilfreich dabei sein, den Menschen etwas zu geben«

Das Exklusivinterview mit Rolando Villazón führte für den strassen|feger Urszula Usakowska-Wolff

Señor Villazón, seit Ende der 1990er Jahre sind Sie einer der gefragtesten und beliebtesten Tenöre weltweit. Sie singen, tanzen und schauspielern, darüber hinaus führen Sie selbst Regie, treten in abendfüllenden Filmen, Dokumentationen und in Talkshows auf, moderieren eigene Fernsehsendungen, fördern junge Talente, nehmen CDs auf. Sie sind stets auf Reisen und in Bewegung. Damit nicht genug, denn Sie betätigen sich auch als Zeichner, und Sie haben vor kurzem Ihren ersten Roman »Malabares« in Spanien veröffentlicht, der 2014 auf Deutsch erscheinen wird. Wann finden Sie für das alles Zeit? Haben Sie überhaupt noch Zeit zum Schlafen, geschweige denn für ein Privatleben?

Ich habe das große Glück, dass alles, was ich tue, mir wirklich viel Spaß macht. Dadurch, dass meine Aktivitäten so unterschiedlich sind, ist mein Leben auch sehr abwechslungsreich. Meine Freizeit, und das ist besonders die Zeit, die ich mit meiner Familie verbringe, hat aber natürlich einen großen Stellenwert und bringt mir ebenso viel Freude und auch den nötigen Ausgleich. Ich denke, es gibt immer mehr Zeit, als wir denken, um die Dinge zu tun, die wir lieben. Wir müssen uns diese Zeit aber auch bewusst nehmen.

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Thomas Schütte: Schöne Grüße vom Meister großer und kleiner Geister im me Collectors Room Berlin

Er gehört zu den international bekanntesten und begehrtesten deutschen Künstlern – und ist einer, der (fast) alles kann. Der am 16. November 1954 in Oldenburg geborene und in Düsseldorf lebende Thomas Schütte zeichnet, aquarelliert, fotografiert, ätzt, knetet, modelliert, töpfert, hobelt und meißelt.

Von Urszula Usakowska-Wolff

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Schmuckstücke der Macht

»Fly To Baku« im me Collectors Room Berlin wird als »die bisher umfassendste Ausstellung aserbaidschanischer Kunst in Deutschland« gepriesen.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Es gibt Länder, in denen glückliche Künstler leben. Sie werden in ihrer Themenwahl und Ausdrucksweise von niemand eingeschränkt, können sich frei entfalten, denn dank der Großzügigkeit ihrer Regierung und der Nichtregierungsorganisationen müssen sie um ihre Existenz nicht bangen.

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Boris Mikhailov: »Ich wollte die Schönheit fotografieren, aber die Zeit, in der ich lebte, erzwang andere Prioritäten«

Ein Großteil der Ausstellung »Time ist out of joint« von Boris Mikhailov in der Berlinischen Galerie ist seinen in der Sowjetunion entstandenen Fotoserien gewidmet.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Als der Ingenieur Boris Mikhailov Mitte der 1960er Jahre den unansehnlichen Alltag seiner Heimatstadt Charkiw zu fotografieren begann, deutete nichts darauf hin, dass er in einer nicht so weit entfernten Zukunft zu einem Aufsehen erregenden und international gefeierten Fotokünstler aufsteigen wird. Die Welt, in der er über die Hälfte seines Lebens verbrachte, war die Sowjetunion, das scheinbar unverwüstliche und ewig bestehende rote Imperium, dessen ideologische und territoriale Grenzen nicht überschritten werden durften. Der allgegenwärtige Staat war bemüht, jeden Schritt und jede Aktivität seiner Bürger zu kontrollieren. Er bestimmte auch über die Form und die Inhalte der Kunst. Kunst – das bedeutete Sozialistischer Realismus in der Malerei und der Skulptur, also figürliche Darstellungen von Werktätigen und Kolchosniki mit großen Händen und kleinen Köpfen. Das war der Neue Mensch, ein Malocher, der sich keine Gedanken über den Sinn seiner Arbeit und seines Lebens in einer Mangelgesellschaft machen sollte. Denn in der sowjetischen Planwirtschaft fehlte es an allem, an Wohnungen und Waren des täglichen Bedarfs, dagegen gab es einen Überfluss an beschönigenden Worten und Bildern. Je länger die Schlangen vor den Geschäften wurden, desto größer wurde der propagandistische Aufwand, um die Wirklichkeit schön zu reden und schön zu zeigen. Dass die Wirklichkeit hässlich, grau und ein Kampf um die Befriedigung der einfachsten Bedürfnisse war, spielte keine Rolle. Die an der Propagandafront kämpfenden Fotojournalisten lieferten ja die richtigen Bilder.

Boris Mikhailov, aus der Serie "Dämmerung". Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Boris Mikhailov, aus der Serie „Dämmerung“. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Illegal von hinten

Fotografen, die unverfälschte Bilder des sowjetischen Alltags im real existierenden Sozialismus knipsen wollten, waren unerwünscht. Fotografieren auf der Straße war nur mit einer amtlichen Genehmigung erlaubt, die Boris Mikhailov nicht beantragte, sonst könnte er verdächtig erscheinen. Weil er sich trotzdem nicht davon abhalten ließ, die Wirklichkeit seiner Stadt festzuhalten, waren seine Aufnahmen illegal. Es ist auffallend, dass er bis in die 1980er Jahre die Menschen im öffentlichen Raum von hinten fotografierte. Sie wirken auf ihren Gängen durch die schneebedeckten Brachen, die zwischen den einzelnen, neu errichteten Hochhäusern liegen, seltsam verloren und abwesend. Sie nehmen die Verwahrlosung und die Tristesse der Umgebung, in der sie leben, nicht wahr, denn sie kennen nichts anderes. Obwohl die öffentlichen Bilder aus Mikhailovs erster Serie »Black Archiv« klein, unscheinbar, geradezu minimalistisch sind, weisen sie auf große Unterschiede innerhalb der sowjetischen Gesellschaft hin, die sich in der Kleidung bemerkbar machen. Während die meisten der von ihm fotografierten Menschen ärmliche, schlichte und abgenutzte Kleidungsstücke und Kopfbedeckungen tragen, kann man Parteifunktionäre und Geheimdienstleute, die auf den Straßen von Charkiw dienstlich oder privat unterwegs sind, an ihren Ledermänteln und Hüten erkennen. »Wenn man die vor einem gehenden Leute überholt, möchte man ihnen meistens nicht ins Gesicht schauen«, schrieb der Fotograf in seiner »Unvollendeter Dissertation«, einem Tagebuch, das er von 1984 bis 1985 führte.

Alles ist rot

Boris Mikhailov, Berlinische Galerie, 25.02.2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Boris Mikhailov, Berlinische Galerie, 25.02.2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Boris Mikhailovs Leben ist von unverhofften Wendungen und Paradoxien geprägt, die jedoch immer einen glücklichen Fortgang und ein happy end hatten. Auf die Idee, dass Fotografie seine Berufung sei, brachte ihn der KGB, dessen Mitarbeiter im Labor einer Fabrik für Raketenbau, wo er als Ingenieur arbeitete, die von ihm gemachten Aktfotos seiner zukünftigen Frau fanden. Er wurde gefeuert, fand dann später eine Anstellung als Fotograf im Haus der Politischen Bildung in Charkiw, so dass er von nun an die Menschen frontal ablichten durfte. Vom Ende der 1960er bis zum Ende der 1980er Jahre nahm er eine Serie von Fotoreportagen auf, in denen er den privaten und öffentlichen Alltag in der Sowjetunion dokumentierte: Freizeitvergnügen beim Tanz und am Strand, Straßenszenen, Militärparaden und Massenaufläufe aus Anlass nationaler Feiertage. In der »Roten Serie« (1968-1975) zeigt er eine Gesellschaft, die offensichtlich durch und durch rot geworden ist: Die Menschen tragen rote Fahnen, rote Socken, rote Hemden, rote Kopftücher, rote Taschen, rote Scharfen, rote Kleider, rote Nelken (die einzigen Schnittblumen, die man in der UdSSR kaufen konnte), rote Rosen und roten Mohn aus Krepppapier. Die Tribünen, Teppiche, Tischdecken, Trams, Traktoren, die Lippen der Frauen, das aus einer Wunde fließende Blut, die Pickel im Gesicht eines Soldaten und ein Papagei sind rot. »Alles ist eine Frage der Zeit, in der man lebt«, sagt Boris Mikhailov.

»Als ich zu fotografieren anfing, wollte ich eigentlich die Schönheit und ihren Sinn einfangen, aber dann erzwang die Zeit andere Prioritäten. So bin ich zum Chronisten meiner Zeit geworden.«

Zum Chronisten des Sozialistischen Realismus, wie er wirklich war.

Unvorstellbarer Untergang

In der Sowjetunion blieb das Werk des Künstlers, der nach ihrem Zerfall zu einem der international wichtigsten Fotografen der Gegenwart gekürt wurde, im Verborgenen, denn es durfte nicht ausgestellt werden. Dass das rot geschmückte Imperium untergehen wird, war selbst für diesen so wachen und aufmerksamen Beobachter und Dokumentaristen der sowjetischen Wirklichkeit unvorstellbar. Doch seine zwei letzten, in Charkiw und seiner Umgebung in den 1980er Jahren entstandenen Serien »Viscidity« (Klebrigkeit, 1982) und »Salt Lake« (Salzsee, 1986/87) sind eine unbewusste Chronik des unaufhaltsamen Untergangs. Die Farbe Rot kann nicht mehr davon ablenken, dass die Häuser, Straßen und die zwischenmenschlichen Beziehungen zerfallen. Die menschliche- und die Bausubstanz lösen sich immer sichtbarer auf. »Jetzt helfen auch keine Buntstifte mehr – der Sommer soll kommen«, schrieb Boris Mihkailov unter dem Foto einer heruntergekommenen Gartenlaube, vor der sich Bauschutt türmt. Es besteht aus einigen Ziegeln, Rohren und angenagten Spanplatten. Zu wenig, um daraus eine feste Bleibe zu bauen.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 7, März 2012


Boris Mikhailov
Time is out of joint. Fotografien 1966–2011
noch bis zum 28. Mai
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin-Kreuzberg

Mittwoch-Montag 10:00-18:00 Uhr
Dienstag geschlossen
Tageskarte 8/5 Euro
jeden ersten Montag im Monat 4 Euro
Freier Eintritt bis 18 Jahre

Ausstellungskatalog, Preis 24,80 Euro

Boris Mikhailov, Katalog

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 05.04.2012, 18:00 Uhr: 

Boris Mikhailov im Gespräch mit Inka Schube, Kuratorin für Fotografie am Sprengel-Museum in Hannover

Eintritt 8/5 Euro

Boris Mikhailov: »Ich habe mich entschieden, das zu zeigen, was wirklich ist«

Die Ausstellung »Time is out of joint« in der Berlinischen Galerie mit über 300 Fotoarbeiten aus 45 Jahren ist die größte und umfangreichste Werkschau des ukrainischen Künstlers Boris Mikhailov in Deutschland.

Von Urszula Usakowska-Wolff

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Gerhard Richter oder was die Malerei überhaupt noch kann und darf

Zum 80. Geburtstag des Künstlers zeigt die Neue Nationalgalerie seine große Retrospektive mit über 140 Werken aus 50 Jahren

Seine Ölbilder sind unscharf, entrückt und neblig, als hätte er sie mit einem Weichzeichner bearbeitet. Sie wirken so ephemer, als könnten sie sich jeden Augenblick in Luft auflösen. Häufig muten sie wie Landschaften an, die man durch eine verregnete Glasscheibe oder eine beschlagene Brille betrachtet: Sie zerfließen, ihre Formen und Konturen verschwinden, flimmern irritierend und irreführend vor den Augen. Die abgebildete Welt ist nur ein kleiner fotografischer Ausschnitt dessen, was uns umgibt, Fragment eines unfassbaren Ganzen.

Von Urszula Usakowska-Wolff

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