Roland Okoń: »Ich schaffe ein Universum, das bis zum Horizont der Vorstellungskraft reicht«

Der polnische Künstler Roland Okoń fotografiert »gewöhnliche« Menschen im ungewöhnlichen Licht. Eine Auswahl seiner Aktfotografien ist noch bis zum 13. September 2015 in der Ausstellung unter dem Titel »Anywhere but here« im Projektraum art.endart in Berlin-Wedding zu sehen.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Obwohl der 1973 in Wrocław geborene Roland Okoń Architektur in seiner Heimatstadt und in Delft studierte, arbeitete er nie in dem erlernten Beruf. Nach dem Studium war er in der alternativen polnischen Musikszene aktiv und versuchte sich mit Erfolg als Grafikdesigner. Doch seine Berufung war die Fotografie, denn sie gab ihm die Möglichkeit, das Flüchtige, Vergängliche, Intime und Schöne festzuhalten. Nachdem er zuerst als Werbe- und Pressefotograf bekannt wurde, tritt er in letzter Zeit vermehrt als Fotokünstler in Erscheinung, der bevorzugt analoge und digitale schwarz-weiße, sorgfältig komponierte und raffiniert ausgeleuchtete Bilder fertigt. »Ich liebe Begegnungen mit anderen Menschen, die gemeinsam verbrachte Zeit, die gemeinsamen Erlebnisse. Die Fotografien frieren diese Momente für Jahre ein. Obwohl ihre Bedeutung und Interpretation sich verändern können, führt eine Fotografie seit dem Augenblick ihrer Entstehung ein Eigenleben – unabhängig von Menschen und Orten, die darauf zu sehen sind.«

Roland Okoń. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Roland Okoń. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Verletzlich und etwas verloren

Menschen und ihre Ortlosigkeit sind das Thema der sparsamen, aufs Wesentliche reduzierten Fotografien von Roland Okoń. Seine Akte sind subtil und unaufdringlich, sie knüpfen häufig an die Ästhetik der 1950er Jahre an, vor allem da, wo er Frauen in »altmodischen« Badeanzügen abbildet. Das Auffallende an diesen »Badenden« ist die Umgebung, in der sie aufgenommen wurden: am Boden eines leeren Schwimmbeckens stehend oder auf den vom Wasser nicht mehr verdeckten Stufen sitzend, wirken sie etwas verloren in diesem Ambiente, dessen Bestimmung früher eine andere war. Überhaupt haben die Aktmodelle, die Roland Okoń auf seinen Fotografien verewigt, etwas Verletzliches, denn eine unbeschwerte Freude an ihren mehr oder weniger vollkommenen Bodies scheinen sie nicht zu haben. Das trifft auch auf die weiblichen und männlichen Porträts zu, auf denen Menschen zu erkennen sind, die trotz ihrer starken Körperpräsenz seltsam abwesend wirken.

Roland Okoń. Fotografien. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Roland Okoń. Fotografien. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Unerbittlich ehrliches Spiegelbild

Roland Okoń ist ein Künstler, der die von ihm Fotografierten zwar inszeniert, dem es aber gelingt, möglichst nah an der Wirklichkeit zu bleiben. Er zeigt Frauen und Männer, die uns ähneln, denn sie sind verletzlich, verwundbar, manchmal in sich gekehrt oder in sich versunken. Sie können sich in der Welt nicht immer zu Recht finden und fühlen sich häufig fremd und einsam darin. »Ich bemühe mich, dass die Menschen ihr unerbittlich ehrliches Spiegelbild auf den Fotografien sehen. Ich freue mich, wenn ich höre, dass meine Bilder >gewöhnliche< Menschen im ungewöhnlichen Licht zeigen«, so Okoń, der Anregung für seine Arbeiten sowohl in der Popkultur als auch bei den großen alten Meistern wie Brassaï, Helmut Newton und Richard Avedon, vor allem in dessen bewegenden Porträts aus der Serie »In the American West« findet.

Lucyna Viale, Galeristin art.endart Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Lucyna Viale, Galeristin art.endart Berlin. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Eingefroren im Bild

Obwohl seine Inspirationsquellen unverkennbar sind, bleibt Roland Okoń ein eigenständiger Künstler. Seine Bilder scheinen zeitlos und ortlos zu sein, denn die Porträtierten befinden sich in Räumen, die nur fragmentarisch angedeutet werden und weltweit gleich aussehen: ein ausgetrocknetes Feld, ein Strand, eine Musikbar, ein Bett, ein Fenster, ein Bechstein-Flügel, ein Büro, eine gepflasterte nasse Straße, ein Dachboden, eine Hängematte, ein Bahngleis, ein Auto. Während sich das Irgendwo vom Nirgendwo und das Hier von dem Dort nicht unterscheiden, haben die Menschen zum Glück ein individuelles Gesicht und einen Körper, dessen vergängliche Schönheit es wenigstens auf einer Fotografie zu bewahren gilt. »Fotografieren ist für mich ein außergewöhnlicher ästhetischer Genuss«, sagt Roland Okoń. »Ich fotografiere, denn auf diese Weise schaffe ich ein neues Universum, das im Bild eingefroren ist und bis zum Horizont der Vorstellungskraft reicht.«

Text © Urszula Usakowska-Wolff


Roland Okoń
Anywhere but here

28.08. – 13.09. 2015

Projektraum art.endart

Drontheimer Straße 22/23
13359 Berlin

Ausstellungseröffnung am Freitag, den 28. August 2015 ab 19 Uhr.

Roland Okoń ist anwesend.

DJ SIWY aus Polen sorgt für die richtige Musik.

DJ SIWY. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
DJ SIWY. Foto © Urszula Usakowska-Wolff