Premiere von Rossinis "Reise nach Reims", Deutsche Oper Berlin, 15.06.2018. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Rossinis Dramma giocoso »Il viaggio a Reims«: Eine grandiose Symbiose zwischen tanto Belcanto und geflaggter Unterhose

Deutsche Oper Berlin in Höchstform: am 28. und 31. Mai die fulminante konzertante Aufführung der lyrischen Tragödie »Maria Stuarda« von Gaetano Donizetti, ein rundum gelungenes Bühnenwerk, zu dessen Gelingen alle daran Beteiligten gleichermaßen beigetragen haben: das von Francesco Ivan Ciampa dirigierte Orchester, der Chor unter der bewährten Leitung von Jeremy Bines und die sechs wunderbaren Solistinnen und Solisten (Diana Damrau, Jana Kurucová, Amira Elmadfa, Javier Camarena, Nicolas Testé und Dong-Hwan Lee ), deren stimmliche, charakterliche und darstellerische Performance hinreißend, bewegend und sehr überzeugend war, und nun am vorigen Freitag die Premiere des selten aufgeführten Dramma giocoso in einem Akt »Il viaggio a Reims« von Giacchino Rossini, vom Publikum frenetisch bejubelt und am Ende mit langanhaltenden Standing Ovations belohnt.

 Von Urszula Usakowska-Wolff

»Die Reise nach Reims«, wie der Titel des »lustigen Dramas« auf Deutsch lautet, ist ein sonderbares Werk, das, obwohl vor mehr als 190 Jahren entstanden, sehr modernistisch, ja fast schon dadaistisch erscheint und als Vorläufer des absurden Theaters bezeichnet werden kann. Das fängt schon damit an, dass die Reise keine ist, denn eine, wie wir heute sagen würden, multikulturelle Gesellschaft, bestehend aus meist adeligen Vertreterinnen und Vertretern verschiedener europäischer Länder (obwohl der Begriff etwas irreführend ist, denn Europa sah damals geopolitisch anders aus als jetzt) wie Frankreich, Italien, England, Russland, Spanien, Portugal, Polen und Deutschland in einem französischen Sanatorium festsitzt und darauf wartet, mit Kutschen nach Reims zur Krönung des Königs Karl X. befördert zu werden. Doch die Pferde sind ausgegangen, und die illustre Runde ist in ihrem Ambiente gefangen, sodass sie versucht, die Monotonie und Langeweile durch amouröse Abenteuer, Soloauftritte und andere mehr oder weniger lustige Spielchen zu vertreiben. Am Ende veranstalten sie vor Ort ein eigenes Krönungsfest und stimmen ein Loblied auf den Herrscher an, der im unerreichbaren Reims zum König gesalbt wird. Es mutet auch sehr zeitgemäß an, dass dieser fast drei Stunden dauernde Einakter keine Handlung hat: Die 16 Solistinnen und Solisten, darunter eine Flötistin und eine Harfenistin, treten einfach solo oder in Gruppen auf und erfreuen das Publikum mit bunten und lustigen Kostümen und Gags sowie mit sehr, sehr schönen Tönen.

Verschwunden und nach 155 Jahren wiedergefunden

Die Geschichte und Nachgeschichte dieses »lustigen Dramas« von Rossini ist viel handlungsreicher und turbulenter als es selbst. Als Direktor des Théâtre-Italien de Paris musste der erfolgreiche Komponist eine Krönungsoper liefern. Das tat er auf seine Art, indem er das Publikum mit einer im Hotel Die Goldene Lilie (eine Anspielung auf die bourbonischen Lilien) im Thermalbad Plombières in den Vogesen spielenden Opera buffa erfreute. »Karl X., der die Premiere von ‘Il viaggio a Reims’ am 19. Juni 1825 sah, scheint nicht erbaut gewesen zu sein«, schreibt Joachim Campe in der vor kurzem erschienenen Biographie »Rossini. Die hellen und die dunklen Jahre« (WFB, 2018). »Ein Kritiker berichtet, Karl habe die Augen verdreht, ‘nach oben geschaut, den Gasleuchter gesucht und geseufzt, wenn er ihn entdeckt hatte. Seine sprechende Pantomime bezeugte die Langeweile des Königs’. (…) Obwohl die Pariser Premiere ein Publikumserfolg war, zog er die Partitur nach zwei Aufführungen zurück und verhinderte, dass ’Il viaggio a Reims‘ an einem anderen Theater nachgespielt wurde; sogar die Partitur verschwand für mehr als ein Jahrhundert.« Sie tauchte erst Anfang der 1980er Jahre in dem nicht katalogisierten Bestand der Bibliothek des Conservatorio di Santa Cecilia in Rom auf und wurde eindeutig als Rossinis Originalmanuskript identifiziert. 1984 nahm Claudio Abbado den Einakter ins Programm der Rossini-Festspiele in Pesaro auf. Das war die zweite Premiere dieser zum langen Stillstand verurteilten »Viaggio«. Seitdem fand sie Einzug ins internationale Opernrepertoire – und wurde zuletzt im Juli 2017 an der UdK Berlin aufgeführt.

Eine berauschende Reise nach Reims

Als Auftakt zum diesjährigen Opera Weekend, das das Ende der laufenden Opernsaison in Berlin einleitet, fand am 15. Juni im Haus an der Bismarckstraße eine ganz und gar professionelle Premiere von Rossinis Meisterwerk statt. Das farbenfrohe, ausgefallene und geistreiche Spektakel, das die Bühne in ein funkelndes Spiegelkabinett verwandelt, begeisterte von Anfang an das Publikum, wohl deshalb, weil die Szenografie von Stéphane Laimé mit den auf den Leib der einzelnen Nationalitäten mit viel Humor geschneiderten Kostümen von Kathrin Plath, den Lichtzaubereien von Kevin Sock und den kaleidoskopartigen Videosequenzen, filmischen Verdoppelungen und Vervielfältigungen von Meika Dresenkamp mit den schauspielerischen und gesanglichen Darbietungen der Solistinnen und Solisten und dem Orchester unter der Leitung Giacomo Sangripanti korrespondiert und ein schillerndes multimediales Gesamtkunstwerk bildet. Die berauschende Inszenierung der »Reise nach Reims«, für die Jan Bosse nicht genug gelobt werden kann, verbreitet gute Laune und man merkt, dass es dem Ensemble Spaß macht, an diesem erfreulich absurden Musiktheater teilzunehmen. Der Funke springt ganz schnell aufs Publikum über: Das ist eine bemerkenswerte Leistung, denn, obwohl auf der Bühne eigentlich nichts geschieht, ist dort die ganze Zeit sehr viel los. Die Spiegelwände des Hotels sind eher ein Irrenhaus, in dem freundliche Verrückte agieren: Sie liegen auf den Betten, bekommen Infusionen oder werden mit Elektroschocks traktiert, tragen haarsträubende Morgenmäntel und Latschen, springen herum oder auf die Betten, schütteln Kissen und Decken aus: Stillstand ist auch eine Art Fortbewegung. Das provisorisch-dauerhafte Domizil ist ein Sinnbild der Welt, die, wie der (deutsche) Barone di Trombonok (Philipp Jekal) singt, »una gran gabbia ben si può chiamare il mondo – ein großer Käfig genannt werden kann.« Ein Käfig voller Irren, die Boxershorts und Unterhosen in den jeweiligen Nationalfarben tragen, die dann den Dessous mit EU-Sternen weichen.

»Die Reise nach Reims« ist beste Unterhaltung auf höchstem Niveau. Das mit Solisten und Solistinnen mehr als reich bestückte Werk ist mit den eigenen Ensemble-Mitgliedern oder mit begabten jungen Stipendiatinnen und Stipendiaten besetzt, die alle durch die Bank sehens- und hörenswert sind. Eine besondere Augenweide ist die Rolle der italienischen Poetessa Corinna, in welche die in ein goldenes Kostüm gekleidete Elena Tsallagova schlüpft. Die Liebe des englischen Lords Sidney, der, vom Mikheil Kiria verkörpert, fast wie ein Doppelgänger Rossinis wirkt, erwidert sie zwar nicht, doch am Ende vertragen sich alle, singen ihre Hymnen und ihre Lobpreisungen auf den neuen König, zu dessen Krönung sie nicht aufbrechen können. Diese Huldigungen sind zwar ganz und gar unkritisch und peinlich, klingen aber sehr aktuell. So werden auch heute in Deutschland und in manchen anderen europäischen Ländern mehr oder weniger charismatische Politikerinnen und Politiker gepriesen.

Text & Foto © Urszula Usakowska-Wolff


Il viaggio a Reims
Gioacchino Rossini (1792 – 1868)
Dramma giocoso in einem Akt
Libretto von Giuseppe Luigi Baloch
Uraufführung am 19. Juni 1825 am Théâtre-Italien in Paris

Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 15. Juni 2018
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
2 Stunden 45 Minuten / Eine Pause

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