Sigmar Polke, Schieferpinselrassel, 1994. Ausstellung Sigmar Polke - Editionen, me Collectors Room Berlin, Eröffnung am 28.04.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Sigmar Polke: Stilpluralist, Chamäleon und Alchemist

Am 28. April 2017 startet im me Collectors Room die Ausstellung »Sigmar Polke – die Editionen«, in der 200 Druckgrafiken, Objekte, Mappen und Bücher, also das gesamte Editionswerk des Künstlers aus der Sammlung Kunstraum am Limes in Hillscheid (Rheinland-Pfalz) zum ersten Mal in Berlin gezeigt wird. Aus diesem Anlass ein Porträt von Sigmar Polke sowie eine Übersicht seiner Soloschauen in Berlin seit 1997.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Er gehört zu den bekanntesten, innovativsten und am höchsten gehandelten Künstlern der Gegenwart, obwohl er sich selten in der Öffentlichkeit zeigte und nie um die Gunst der Medien, Museen, Galerien oder Kuratoren warb. Der am 6. Juni 2010 im Alter von 69 Jahren in Köln verstorbene Maler, Zeichner, Grafiker, Objektkünstler und Fotograf Sigmar Polke drückte der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen Stempel auf. Er war immer auf der Suche nach neuen Materialien und Ausdrucksformen, bedruckte synthetische Flauschdecken und Plastikfolie mit Motiven aus Werbung, Film und Popkultur, benutzte Dekorationsstoffe als Bildträger, integrierte ganze Kleidungsstücke in seine Leinwände, baute Kartoffelpyramiden und malte wärmeempfindliche Wandbilder, die unter dem Einfluss der Temperatur ihre Farben veränderten. Für die letzteren wurde er 1986 auf der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen, dem Großen Preis für Malerei ausgezeichnet. Wegen seiner Vielseitigkeit und Experimentierfreudigkeit bezeichnete ihn die Kritik als »Meister des Stilpluralismus«, »Chamäleon unter den deutschen Malerstars« oder als »Großen Alchemisten«. Sein Atelier in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Köln-Zollstock glich einem Chemielabor, in dem er mit Lacken, Pigmenten, Kunstharz, Kopiergeräten und Computertechniken experimentierte, um sie in seiner Kunst einzusetzen. Sein umfangreiches und vielschichtiges Werk ist ein kritisches und oft ironisches Panorama der Alltagskultur und der Ereignisse, die den Künstler und die Gesellschaft in den letzten fünfzig Jahren bewegten: angefangen von der Konsumbegeisterung und der Reiselust der bundesdeutschen Kleinbürger, über ihre verdrängte Mitschuld am Nationalsozialismus bis zum »Aufschwung Ost« und der ewigen Angst vor dem Fremden.

Sigmar Polke, Editionen, Presse-Preview, me Collectors Room Berlin, 20.04.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Sigmar Polke, Die Editionen, Presse-Preview, me Collectors Room Berlin, 20.04.2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Höhere Inspirationsquellen

Für Aufsehen sorgte Polke, der am 13. Februar 1941 im niederschlesischen Oels (heute Oleśnica in Polen) zur Welt kam und dessen Familie 1945 zuerst nach Thüringen flüchtete und von dort 1953 über Westberlin nach Nordrhein-Westfallen zog, bereits als Student der Kunstakademie in Düsseldorf: 1963 rief er zusammen mit seinen Künstlerkollegen Gerhard Richter, Manfred Kuttner und Konrad Lueg den Kapitalistischen Realismus aus, der einerseits eine ironische Anspielung auf den Sozialistischen Realismus und die US-amerikanische Pop Art war, sich andererseits mit der bundesdeutschen Gesellschaft kritisch auseinandersetzte. Die ersten Ausstellungen dieser neuen Kunstrichtung fanden in einem Düsseldorfer Metzgerladen und einem Möbelhaus statt. Sie waren Persiflagen des ritualisierten Museumsbetriebs und des Kults um die anerkannten, damals vor allem informellen Künstler. Die jungen Kunstrebellen kamen in die Schlagzeilen und stiegen in kurzer Zeit zu museumswürdigen und international gefeierten Kunstikonen auf. Bekannt wurde Polke zuerst vor allem durch seine charakteristischen Rasterbilder mit großen Punkten, die er auf der Grundlage von Werbung sowie Zeitungs- und Illustriertenfotos fertigte und in denen er sich über das Konsumverhalten, die Alltagsklischees, die in der Boulevardpresse artikulierten Wünsche und Träume der Deutschen lustig machte. Er stellte auch anerkannte Autoritäten in Frage. Ein ironischer Seitenhieb auf Joseph Beuys ist das mit Filz überzogene Bild von 1966, worauf sein damaliger Student schrieb: »Ich stand vor der Leinwand und wollte einen Blumenstrauß malen. Da erhielt ich von höheren Wesen den Befehl: Keinen Blumenstrauß! Flamingos malen! Erst wollte ich weitermalen, doch dann wusste ich, dass sie es ernst meinten.« Drei Jahre später entstand das Gemälde »Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!«, welches immer wieder genannt wird als Inbegriff der Polkeschen Haltung zur Kunst und zu den angeblich »höheren« künstlerischen Inspirationsquellen. Spätestens mit diesem schwarzen Dreieck auf weißem Hintergrund schaffte er den dauerhaften Einstieg in die von ihm belächelte Kunstwelt.

Blick in die Ausstellung "Sigmar Polke - Die Editionen", me Collectors Room Berlin, 20.04.2017. Foto Urszula Usakowska-Wolff
Blick in die Ausstellung „Sigmar Polke – Die Editionen“, me Collectors Room Berlin, 20.04.2017. Foto Urszula Usakowska-Wolff

Kultfenster im Großmünster

Die Kunstwelt liebte Sigmar Polke, obwohl er dieses Gefühl nicht immer erwiderte. Nachdem er an der 5., 6. und 7. documenta in Kassel teilgenommen hatte, blieb er später, trotz wiederholter Einladungen, diesem renommierten Kunst-Event fern und bezeichnete es als »Möbelmesse«. Er erhielt mehrere angesehene und hochdotierte Auszeichnungen, darunter 2000 den japanischen Praemium Imperiale Award, 2007 den Rubenspreis der Stadt Siegen und 2010 den Schweizer Roswitha-Haftmann-Preis. Sein letztes, zugleich größtes Werk vollendete Sigmar Polke, der vor seinem Kunststudium ein Jahr lang Glasmalerei lernte, in Zürich. 2006 gewann er den Wettbewerb zur Erneuerung des dortigen Großmünsters und konnte im November 2009 die von ihm gestalteten fünf Glas- und sieben Achatfenster der Öffentlichkeit präsentieren. Sie beweisen, sagte Polke, »dass die Furcht vor falscher Bilderverehrung nunmehr unbegründet ist und unsinnig.« Gegen Ende seines Lebens akzeptierte er, dass Kunst, wenn sie denn richtig ist, zum Kultobjekt werden darf.

Klaus Staeck, Ausstellung "Sigmar Polke - Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck", AdK Berlin, 2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Klaus Staeck, Ausstellung „Sigmar Polke – Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck“, AdK Berlin, 2011. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Sigmar Polke und Klaus Staeck

Eine große Werkschau Sigmar Polkes wurde in Berlin vor 20 Jahren gezeigt. Die von der Bundeskunsthalle in Bonn zusammengestellte und dort zuerst präsentierte Retrospektive »Drei Lügen der Malerei« wanderte Ende 1997 für drei Monate in den Hamburger Bahnhof. Danach ist es um den international gefeierten und mit hochdotierten Preisen überschütteten Künstler in Berlin still geworden. Das änderte sich erst Anfang 2011: Die in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 vom 14. Januar bis zum 13. März gezeigte Ausstellung » Sigmar Polke – Eine Hommage. Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck« war ein außergewöhnliches und in dieser Form wohl einmaliges Ereignis. Der Plakatkünstler, Verleger und damalige Akademie-Präsident Klaus Staeck öffnete zum ersten Mal in diesem Umfang sein Archiv, um die Öffentlichkeit an seiner nicht immer einfachen, aber fruchtbaren, über 40 Jahre lang dauernden Zusammenarbeit mit Polke teilhaben zu lassen. Neben Fotos, Briefen, Einladungen, Rechnungen und Faxen, die einen intimen Einblick in die private und Geschäftsfreundschaft der Beiden gewährten, waren Multiples und Druckgrafiken aus über 90 Editionen, die Polke von Staeck in dessen Heidelberger Edition drucken und vertreiben ließ. Die von Kirsten Klöckner mitkuratierte Ausstellung, in der sie acht der in ihrer Edition herausgegebenen Objekte und Siebdrucke von Sigmar Polke zur Schau stellte, war ein Publikumserfolg. Einer besonderen Popularität erfreute sich der »Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann«: Die nach einer Skizze Polkes 1969 gebaute und von der Edition Staeck in Umlauf gebrachte Dada-Kartoffelmaschine (Auflage 30 Stück), ein Holzhocker mit zwei darunter hängenden Kartoffeln, von denen eine auf Knopfdruck tatsächlich um die andere zu kreisen beginnt, fand lange Zeit so gut wie keine Abnehmer. Heute ist sie eine teure Rarität und Zierde einer jeden anspruchsvollen Polke-Kollektion.

Tereza de Arruda, Kuratorin, und Mike Karstens, Galerist und Verleger, Ausstellung "Sigmar Polke - Die Editionen", me Collectros Room Berlin, 2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Tereza de Arruda, Kuratorin, und Mike Karstens, Galerist und Verleger, Ausstellung „Sigmar Polke – Die Editionen“, me Collectors Room Berlin, 2017. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Sigmar Polkes gesammeltes Gesamteditionswerk

Dazu gehört ohne Zweifel die Sammlung Kunstraum am Limes, in deren Obhut sich ein Exemplar der »Kartoffelmaschine« und das gesamte Editionswerk des Künstlers befindet, zusammengetragen vom Unternehmer Axel Ciesielski mithilfe des langjährigen Galeristen von Sigmar Polke Erhard Klein und dessen Assistenten Christian Lethert, der, nachdem Klein sich in den Ruhestand verabschiedete und seine Kunsthandlung in Bad Münstereifel aufgegeben hatte, 2009 eine eigene Galerie in Köln gründete, um dort die erfolgreiche Arbeit seines Mentors fortzuführen. Nun werden die 200 Druckgrafiken, Multiples, Mappen und Bücher aus der Ciesielski-Sammlung am Niederrhein in Thomas Olbrichts me Collectors Room in Berlin-Mitte vier Monate lang gastieren. Da Thomas Olbricht die größte Sammlung des Editionswerks von Gerhard Richter besitzt, war es naheliegend, die beiden Kollektoren zusammen zu bringen. Das ist der Kunsthistorikerin Tereza de Arruda gelungen, die als Kuratorin der »Editionen« agiert. Eröffnet wird die Ausstellung am 28. April – pünktlich zum Beginn des Gallery Weekends Berlin. Beim Presse-Preview führte Tereza de Arruda zusammen mit Mike Karstens durch die Schau. Der Letztere, Galerist aus Münster und Polkes Weggefährte, druckte seit 2000 dessen Editionen in seiner Werkstatt. Es ist eine große Freude in Ausstellungen des »Stilpluralisten« zu gehen: nicht nur, um seine freche, subversive und nicht alternde Kunst zu genießen, sondern auch, weil man dort seinen neuen Förderern, Freunden, Kennern und Partnern begegnen kann. Ein Kultobjekt muss halt kultiviert werden.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff, VG Bild+Kunst, 2017


Beitragsbild: Sigmar Polke, Schieferpinselrassel, 1994. Ausstellung »Sigmar Polke - Die Editionen«, me Collectors Room Berlin, 2017. Foto ©  Usakowska-Wolff

»Sigmar Polke – Die Editionen«
28.04.-27.08.2017
me Collectors Room Berlin
Stiftung Olbricht
Auguststraße 68, 10117 Berlin
Di – So 12-18 Uhr
Eintritt 8 / 4 Euro 

Sigmar Polke, Editionen, Verlag der Buchhandlung Walther König

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