Sirene, Suppenkelle & Sensenmann: »Die halluzinierte Welt. Malerei am Rand der Wirklichkeit« im Haus aus Lützowplatz

Das Bild wirkt luzid, wie durch eine Fensterscheibe gesehen. An einen mit Sternen gemusterten Schirm klammert sich ein menschliches Wesen. Ist die mit einem weißen T-Shirt, einer etwas dunkleren Badehose bekleidete und nur mit einem Flip-Flop beschuhte Gestalt ein Junge oder ein Mädchen? Fliegt sie der Sonne oder dem Mond entgegen? Ist sie gerade dabei, ins Wasser zu fallen, wo sich ihre Beine spiegeln und vier Schirme treiben? Ist es die Stunde der Dämmerung oder ein nebliger Tag, der alles in ein diffuses graues Lila taucht? Und warum heißt das fast monochrome Gemälde »Sirene«?

Von Urszula Usakowska-Wolff

»Sirene«, ein großformatiges Werk des 1974 in München geborenen und in Berlin lebenden Malers Ruppert von Kaufmann, hängt am Anfang der Ausstellung »Die halluzinierte Welt. Malerei am Rand der Wirklichkeit« im Haus am Lützowplatz, an der sich drei Künstlerinnen und acht Künstler mit 20 Arbeiten beteiligen. Das, was sie alle unabhängig vom Alter und Geschlecht verbindet, ist ihre Beschäftigung mit Themen, die rätselhaft und beunruhigend sind. Bei der Besichtigung der Gruppenschau entfaltet sich ein Kosmos, der manchmal schaudern, manchmal schmunzeln lässt, mal cool und krass, mal finster und entrückt, häufig albtraumhaft gruselig ist. Wie ein Bühnenbild erscheint diese Welt, mit Requisiten bestückt, die nicht zueinander passen und kein Ganzes ergeben, mit Zitaten aus der Kunstgeschichte, Mythologie und Popkultur garniert, mit Titeln versehen, die häufig in die Irre führen. Doch das macht die Sache noch interessanter, denn außer dem optischen Genuss, den diese Schau reichlich bietet, fordert sie zum Nachdenken heraus: über Ängste und Träume, über abgründige Fantasien, gewöhnliche Grenzüberschreitungen und Dämonen, die im Alltag lauern.

Süßes Gift

Es ist keine Halluzination, dass sich die schon so oft totgesagte Malerei bester Gesundheit erfreut. Inhaltlich mögen die im Haus am Lützowplatz ausgestellten Bilder ausgefallen und verblüffend sein, handwerklich sind sie durchaus klassisch und wohltuend konventionell. Ausgewählt wurden sie von Marc Wellmann, Fachmann für Skulptur und seit einem Jahr Direktor des Hauses, der damit beweist, dass er auch ein gutes Gespür für das Gemalte hat. Es sind in der Regel perfekt und minutiös ausgeführte Kompositionen nach Art der alten Meister, mit Öl- oder Acrylfarbe auf Leinwand gemalt. Diese mehr oder weniger theatralischen Inszenierungen positionieren sich nicht so sehr am Rand der Wirklichkeit, sondern eher am Rand des – auch ganz normalen – Wahnsinns. Die von diesen Bildern ausgehende Spannung resultiert daraus, dass ihre Malweise und Farbigkeit häufig im krassen Gegensatz zu den Sujets steht. Was die Künstlerinnen und Künstler zeigen, ist der Mensch in einer kalten und sinnentleerten Welt, die ihnen offensichtlich Unbehagen bereitet. Es ist zum Teil eine infantile Welt, mit Figuren bevölkert, die wie Kinderdarstellungen auf alten Märchenillustrationen oder wie menschenähnliche Puppen wirken. Sie symbolisieren eine vom Kitsch geprägte Zeit, deren süßes Gift den Verstand zersetzt.

Augenzwinkernd und todernst

Wie Kitsch unser Leben beeinflusst, ohne dass es uns bewusst wird, wie er sich breitmacht und den Alltag, die Medien und das Denken unterwandert, ist auch ein Thema der Ausstellung »Die halluzinierte Welt«. Halluzinationen sind bunt und kitschig, viele Bilder »am Rand der Wirklichkeit« sind es auch, obwohl sie mit der so genannten Psychedelic Art, die unter dem Einfluss der bewusstseinserweiternden Drogen entsteht, nichts zu tun haben. Die im Haus am Lützowplatz zur Schau gestellten Werke sind streng konzipiert und mit einer sicheren Hand ausgeführt. Obwohl die Malerinnen und Maler sich augenzwinkernd, spielerisch oder manchmal todernst mit dem Kitsch auseinandersetzen, gelingt es ihnen, die Grenze zum Kitsch nicht zu überschreiten. Das zeugt vom Fingerspitzengefühl und von beachtlichen intellektuellen Fähigkeiten. Dabei bedienen sie sich aus dem reichen Fundus der Kunstgeschichte und demonstrieren somit, dass sie die Kontinuität der europäischen Malerei bewahren wollen. Und das gebildete Publikum freut sich, wenn es Motive entdeckt, die zum Beispiel von Arcimboldo, Bosch, Goya, Füssli, Böcklin, Magritte, Balthus, Dubuffet oder Klapheck entliehen und in einen neuen Kontext gesetzt wurden.

Raffinierte Naivität

»Die halluzinierte Welt« ist mit Bildern behängt, die sich in zwei Gruppen einteilen lassen. Obwohl alle, die an der Ausstellung teilnehmen, Kunst studiert hatten, wirken manche Arbeiten augenscheinlich recht naiv, wie das Werk von Autodidakten. Doch diese Naivität ist raffiniert, wie auf den Gemälden des 1986 in Toulouse geborenen Wahlberliners Emmanuel Bornstein, des Leipzigers Tilo Baumgärtel, Jahrgang 1972, oder seines Altersgenossen Philip Grözinger aus Braunschweig, auch er ein Berliner, zu sehen. Ihre lichtdurchfluteten Tableaus sind unheimlich und düster, denn die Welt ist eine bedrohliche Kulisse, in der Kinder mit übernatürlich langen Armen und Händen, Riesenhunde und andere Gespenster vor den Fenstern, auf der Decke oder am Himmel geistern. Gefahren und Nachtmahren lauern auf Schritt und Tritt, im Liegen, Stehen und Sitzen, doch die Menschheit scheint das nicht zur Kenntnis zu nehmen, mit Nichtigkeiten beschäftigt, welche den Blick trüben. Sie kann ja nichts merken, denn der Biedermann auf Grözingers Gemälde »Why are you so quiet« hat der Welt den Rücken gekehrt und ahnt nicht, dass am Horizont eine furchterregende Fratze thront, aus deren Backen zwei Krallen ragen. Sie greifen nach dem Haus, vor dem der so Ruhige wie für ein Foto posiert. Neben dem Mann befindet sich eine Stelle, die an ein Grab erinnert. Was aus der Entfernung süß, niedlich und harmlos wirkt, entpuppt sich beim genauen Hinschauen als das Bild einer heranziehenden Katastrophe.

Liederkranz und Treue in der Ehe

Skurrilität und kleinbürgerliche Perversität des Alltags, Magie der Mythologie, tödliche Langeweile oder politische Freundschaften sind Themen, die von den anderen Malerinnen und Malern der Gruppenschau mehr oder weniger »akademisch« in Szene gesetzt werden. Eine grandiose Inszenierung des Erwachsenwerdens in einem kleinbürgerlichen Ambiente ist das Gemälde »Gesangsverein Liederkranz« der 1974 in der polnischen Stadt Zabrze in Oberschlesien geborenen und in Hamburg lebenden Justine Otto. Als Vorlage für ihre Arbeiten benutzt sie Fundstücke, vor allem präparierte Tiere, Hirschgeweihe und Möbel. Zu ihren Lieblingsfiguren gehören ferner Mädchen und junge Frauen, die ihr Modell stehen. Alles, was sie malt, ist wirklich und echt: das Schild vom »Liederkranz«, wie sich unzählige Gesangsvereine in Deutschland nennen, die Jagdtrophäen an den Wänden, die Pappkameraden, der Hocker, auf dem das Mädchen kauert und das Schild umklammert, die umgeworfene Ricke auf den Dielen. Es ist eine beengte und mit morbiden Requisiten vollgestopfte Welt, in der Erwachsene, die ihren seltsamen Hobbys und Leidenschaften frönen, viel infantiler als Kinder und Jugendliche sind. Ungegenständlich sind dagegen die organischen und scheinbar gegenstandslosen Gebilde der in London lebenden 50-jährigen Malerin GL Brierley. Sie sind einfach üppige und wuchernde Formen, mit op-artigen Mustern und Blumen kombiniert, die wie Spitzenstoff aussehen. Wirklich? Hat ihre »Manturna«, etruskische Göttin der weiblichen Treue in der Ehe, nicht etwa den Kopf eines Vogels oder eines schreienden Babys? Hat sie einen Busen aus Kürbissen? Ist das die zeitgenössische Neuauflage des Manierismus, eine magische Mischung aus Arcimboldo, Mythologie und Halloween?

Köchin und Kanzler

Die Bilder des 1971 in Freiburg/Breisgau geborenen und in Reutlingen lebenden Malers Eckart Hahn köcheln auf großer und kleiner Flamme. Sie sind eine Form der Kitchen Art. Eine Frau mit asiatischen Gesichtszügen rührt in einem Topf, aus dem Flammen aufsteigen. Die porzellanweiße Schönheit ist eine »Schwarze Köchin«, denn ihr rechter Arm ist schwarz. Am »Abend« hat der weiße Mann im weißen Hemd etwas Blaues statt Gesicht. Sein Antlitz ist auf die Nase gefallen und steht als blau ausgekleideter Suppenteller auf dem Tisch. »100 Grad« haben Elektroherdplatten, in denen ein altmodischer Wasserkocher versinkt und eine Suppenkelle gelbe Flüssigkeit schöpft. Die Dinge haben ein Eigenleben, die Menschen amüsieren sich zu Tode und nehmen es gelangweilt hin, dass, wie auf dem Bild »Gähnen und Applaudieren im Orchestergraben« des 1966 in Hannover geborenen und in Berlin lebenden Bernhard Martins, der Herr Gevatter in der Runde sitzt. Es gibt auch Gesichter, die Geschichte machten. Der 1954 geborene Berliner Herbert Volkmann porträtiert den einstigen Dauerkanzler Helmut Kohl und seinen Freund, den Medienmogul Leo Kirch in trauter Zweisamkeit als »Jambo Fisi (Brando Cohl)«. Beide sind täuschend echt, abgesehen von Brandos seltsam gewölbter Stirn (hat er einen Dachschaden?), der fremden, eine Zigarette haltenden, mit einem Doppelklebestreifen bedeckten Hand und dem wasserköpfigen Männchen im Hintergrund, das gerade in ein Telefongespräch vertieft ist.

Sezierung und Sex

»Am Rand der Wirklichkeit« ereignen sich Dinge, vor denen manche Menschen besser verschont werden sollten. Hinter dem Vorhang mit der Warnung: »Die ausgestellten Werke können moralische und religiöse Empfindungen verletzen und sind für Kinder ungeeignet. Wir bitten dies vor dem Betreten des Raumes zu berücksichtigen und Minderjährige ggf. von einem Erziehungsberechtigten begleiten zu lassen« liegt ein Gruselkabinett mit gigageilen Bildern, auf denen seziert und Sex getrieben wird. Es ist ein »Grausames (Anatomisches Theater)«, wie ihn sich die 1976 in Heilbronn geborene und in Berlin wohnende Alex Tennigkeit ausgemalt hat. Sie ist es, deren lebender Oberkörper von zwei Gehilfinnen des Sensenmannes ausgeweidet und gepikst wird. Auf dem Tableau des ebenfalls in Berlin ansässigen Briten Michael Kirkham, Jahrgang 1971, feiern »The Functionaries«, drei Frauen und zwei Männer, eine Orgie. Obwohl sie erigieren und urinieren, scheinen sie sich nicht sehr gut zu amüsieren. Sind es Puppen, die in einem Hardcore spielen? Bei diesen und anderen Schaustücken der spektakulären Schau kann man sich vieles Denken, aber sie sind vor allem für die Augen gemacht.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 8, April 2014


»Die halluzinierte Welt. Malerei am Rand der Wirklichkeit«
9.04.-29.06.2014
Haus am Lützowplatz
Lützowplatz 9
10785 Berlin
Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr
Eintritt frei