Slow is trendy

Viele schreiben und reden seit langem über die Beschleunigung und Entschleunigung der Zeit, das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt sie in einer großen Ausstellung, die von der Romantik bis zur Gegenwart reicht. 

Dass die Zeit seit eh und je als ein kontrapunktisches Phänomen wahrgenommen wird, dürfte keine neue Erkenntnis sein. Schon die alten Römer waren sich uneinig, ob sie sich nach der Maxime »Eile mit Weile« oder »Je schneller, desto besser« richten sollen. Der Nachwelt erging es nicht anders. In dem 1603 erschienen Theaterstück »Die Tragödie von Hamlet, Prinz von Dänemark« lässt William Shakespeare seinen Helden sagen: »Die Zeit ist aus den Fugen.« An einer anderen Stelle fragt er: »Was ist der Mensch, wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut, nur Schlaf und Essen ist?« 1778 klagte Johann Wolfgang von Goethe in einem Brief an den preußischen Ministerialbeamtem Nicolovius: »Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt´s von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch.« Das Wort »veloziferisch« ist Goethes Eigenschöpfung, eine Verbindung von »velocitas« (Lateinisch für Eile) und Luzifer: Der Teufel steckt in der Eile. So ruft sein Mephistopheles im »Faust. Der Tragödie I. Teil« (1808) die Menschen auf: »Gebraucht die Zeit, sie geht so schell von hinnen, doch Ordnung lehrt Euch Zeit gewinnen!«

Hussein Chalayan, "Place to Passage", 2003, und Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, "Goethe in der Campagna", 1787. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Hussein Chalayan, „Place to Passage“, 2003, und Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, „Goethe in der Campagna“, 1787. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Überfluss und Mangel an Zeit

Heute scheint die Zeit mehr denn je aus den Fugen geraten zu sein. Obwohl der Tag noch immer 24 Stunden hat, rast die »gefühlte« Zeit wie in Lichtgeschwindigkeit davon. Die Menschen gönnen sich keine Ruhepause mehr, sind dank der digitalen Revolution immer erreichbar, twittern, skypen, simsen, zappen und zappeln im weltweiten Netz, springen auf ihren Monitoren im Bruchteil einer Sekunde von Kontinent zu Kontinent, ertrinken in der Informationsflut, können das Wichtige vom Unwichtigen nicht unterscheiden. Während sich der Raum ins Unermessliche ausdehnt, ohne dass man die eigene Wohnung verlassen muss, schrumpft die Zeit. Maschinen, die das Leben erleichtern, für mehr Muße und Freizeit sorgen sollten, sind zu Zeitvernichtungsmaschinen mutiert. »Durch die Maschine ist die Zeit zur Beherrscherin des Menschen geworden«, schrieb Erich Fromm im »Haben oder Sein« prophetisch vor 35 Jahren. Doch, was heute gern vergessen wird, nehmen nicht alle am Segen oder Fluch des digitalen Zeitvertreibs teil. Abgesehen davon, dass weltweit über 900 Millionen Menschen hungern oder in Armut leben, haben die Arbeitslosen in den wohlhabenden Ländern ein Überangebot an Zeit.

Mario Merz, "Tavolo a Spirale in Tubolare", 1976. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Mario Merz, „Tavolo a Spirale in Tubolare“, 1976. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Überfluss und Mangel gehören halt zu unserer Zeit.

Slow Is Beautiful

Doch das ist ein altbekanntes Thema, welches für wenig Aufmerksamkeit sorgt. Die Gegenwart braucht neue Begriffe, um Schlagzeilen zu machen. Nachdem das Modewort »Nachhaltigkeit« etwas aus der Mode gekommen ist, setzt sich ein neues durch. Es heißt »Entschleunigung« und soll dem von Informationsflut, Konsum, Stress, Hektik und entfesselter Mobilität geplagten Teil der Menschheit zu einer Verschnaufpause verhelfen. Der geistige Vater dieser neuen Langsamkeit ist Keibo Oiwa, ein japanischer Kulturanthropologe und Umweltschützer, dessen 2001 erschienenes Buch »Slow Is Beautifull« den Zeitgeist traf. Seidem ist »slow« trendy. Es gibt »slow food«, »slow fashion«, »slow travel«, »slow economy« und sogar ein »Slow-Media-Manifest«. Auch die Kunst darf wieder etwas langsamer genossen werden. Seit 2009 gibt es den »slow art day«, einen Tag, an dem sich weltweit Menschen in Museen treffen, um jedes Werk länger als zehn Minuten zu betrachten und danach gemeinsam essen zu gehen. Der nächste »langsame Kunsttag« ist am 28. April 2012.

Bruce Nauman, "Marching Man", 1985. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Bruce Nauman, „Marching Man“, 1985. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 Der Direktor trifft den Nerv der Zeit

Verlangsamung und Beschleunigung sind auch das Thema einer großen und Aufsehen erregenden Ausstellung in Wolfsburg. Das seit fünf Jahren vom Markus Brüderlin geleitete Kunstmuseum in der automobilen VW-Stadt realisiert ein ehrgeiziges Projekt: Es bemüht sich, die »Zukunft der Moderne« zu erforschen. »Wir sind das erste Museum in Deutschland, das sein Programm unter einen thematischen Überbau stellt«, sagt Direktor Brüderlin. Er ist zugleich Kurator der trendigen Gruppenschau »Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei«, die seiner Meinung nach »den Nerv der Zeit und einer ganzen Gesellschaft trifft.« Im Zentrum dieses großen Ausstellungsprojekts mit 160 Werken von 85 Künstlern »steht das kontrapunktische Phänomen von Bewegung und Ruhe in der Kunst von der Romantik über die Klassische Moderne bis zur Gegenwart. Mit der Faszination für die entfesselte Bewegung war von Anfang an stets auch die Suche nach einer Ästhetik der Langsamkeit verbunden.«

Ai Weiwei, "Bowl of Pearls", 2006. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Ai Weiwei, „Bowl of Pearls“, 2006. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ungezählte Perlen und Worte

Obwohl das Kunstmuseum Wolfsburg und sein Direktor behaupten, »erstmals dieser Dialektik in einer Ausstellung nachzugehen«, muss die Kunstgeschichte nicht neu geschrieben werden. In »15 thematischen Kontexten« zeigt die Schau – kontrapunktisch – wie sich, vor allem durch den technischen Fortschritt, die »gefühlte« Zeit beschleunigt hat. Eigentlich handelt es sich um »Die Kunst der (B)en(t)schleunigung«, denn »entschleunigte« Werke werden »beschleunigten« Werken gegenüber gestellt. Sehenswert ist das auf jeden Fall, weil an einem Ort fast alles versammelt ist, was in der westlichen Kunstgeschichte Rang und Namen hat: Friedrich und Turner, Maillol und Rodin, die italienische Futuristen und de Chirico, Degas und Duchamp, Kupka und Calder, Malewitsch, Rodtschenko, Panamarenko, Tinguely, Beuys, Opałka, Gursky, Araki und viele andere: Alle vom Feinsten. Auch der obligatorische Ai Weiwei, von dem zwei Schalen mit 625 125 Süßwasserperlen präsentiert werden. Sein Werk ist selbstverständlich »entschleunigt«, denn das Museumspersonal achtet darauf, dass die Besucher nicht in die Versuchung kommen, die Perlen zu zählen. Ungezählt sind auch die Informationen, die täglich durch das globale Netz geistern. Das führt auf beeidruckende und überzeugende Weise Julius Popp in seiner Installation »bit.fall« vor. Es ist ein über zwei Etagen reichender Wasserfall, auf dem sich für die Dauer einer Sekunde Wörter bilden, die in den online-Nachrichten am häufigsten gebraucht werden. Kaum hat man ein Wort erkannt, schön löst es sich auf: Eine gelungene Metapher der heutigen Zeit, in der eine Information die andere jagt und die Wortflut die Menschen sprachlos macht.

Blick in die Ausstellung "Entschleunigung" mit der Plastik "La Méditerranée" (1905-1907) von Aristide Maillol. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Blick in die Ausstellung „Entschleunigung“ mit der Plastik „La Méditerranée“ (1905-1907) von Aristide Maillol. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

James Watt und Andy Warhol

Ja, diese Schau ist wirklich groß und an vielen Stellen großartig. Sie schlägt auch neue Wege ein. Wo sonst, außer vor dem Kunstmuseum in Wolfsburg, kann man gegenwärtig die Installation »The Slow Inevitable Death of American Muscle« von Jonathan Schipper sehen, in der sich zwei Autos so langsam und unsichtbar aufeinander zu bewegen, dass sie erst am letzten Ausstellungstag frontal zusammenstoßen werden? Wo sonst, außer im Kunstmuseum Wolfsburg, kann man eine nachgebaute Dampfmaschine von James Watt aus dem Jahr 1769 im Kontrapunkt zur Replik des berühmten Gemäldes von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein »Goethe in der Campagna« (1787) und des Dichters »Stein des guten Glücks« (1777), eine Kugel auf einem Quader, bewundern? Beindruckend sind auch die 20 Siebdrucke von Andy Warhols »Campbells´s Soup I und II«, denen »Stock« von Nam June Paik gegenüber steht. Es ist eine drei Jahre nach dem Mauerfall entstandene riesige Videoinstallation (550 x 700 x 190 cm) des Medienkunstpioniers, der das »Brandenburger Tor« aus 217 Monitoren nachbaute. Während darauf die Bilder flimmern und rauschen, ist die Quadriga aus vier alten Grammophonen und Radioempfängern unbeweglich. Beschleunigung und Entschleunigung in einem Kunstwerk vereint: Das ist tatsächlich ein kontrapunktische Leistung!

Nam June Paik, "Stock (Brandenburger Tor)", 1992. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Nam June Paik, „Stock (Brandenburger Tor)“, 1992. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ach, die Zeit, sie reicht nicht aus, um sich »Die Kunst der Entschleunigung« in aller Ruhe und Ausführlichkeit anzusehen. Um jedes der dort versammelten 160 Kunstwerke mindestens zehn Minuten zu betrachten, müssten die Fans der »slow art« fast 25 Stunden im Kunstmuseum verweilen. Für »24 Hour Psycho« von Douglas Gordon, eine 24-stündige stumme Version der Horrorfilms »Psycho« von Alfred Hitchcock, müssten sie einen zusätzlichen Tag und eine zusätzliche Nacht im Museum verbringen. Doch das Kunstmuseum Wolfsburg hat es bisher versäumt, in der Nacht seine Pforten zu öffnen. Es ist höchste Zeit, das zu ändern.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 1, Dezember 2011 / Januar 2012 

Blick in die Ausstellung "Entschleunigung". Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Blick in die Ausstellung „Entschleunigung“. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei

31.10.2011 – 9.04.2012

Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg
Mi – So 11.00 – 18.00 Uhr
Di 11.00 – 20.00 Uhr

Blick in die Ausstellung "Entschleunigung" mit der Plastik "La Méditerranée" (1905-1907) von Aristide Maillol. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Blick in die Ausstellung „Entschleunigung“ mit der Plastik „La Méditerranée“ (1905-1907) von Aristide Maillol. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

 "Die Kunst der Entschleunigung", Katalog, Hatje Cantz, 2011