Gerda Schimpf & ihre aufregenden Porträts

Gerda Schimpf am 9.10.2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

An der Wand über dem Kamin hängen dutzende Bilder: Zeichnungen und Aquarelle, expressive Frauenporträts und Frauenakte. Neben dem Kamin steht ein imposanter Holzstuhl. Er hat eine hohe geflochtene Rückenlehne mit gewundenen Säulen und feinen Reliefschnitzereien. Dieses alte Möbelstück, einem Thron ähnlich, sieht wie neu und recht unbenutzt aus. Nur die hellen Stellen auf dem Holz der Armlehnen deuten darauf hin, dass es häufig in Gebrauch genommen wurde. »Das ist ein Renaissance-Sessel«, erklärt Gerda Schimpf. »Hier in diesem Raum habe ich viele Leute aufgenommen. Wie viele es waren, weiß ich nicht. Ich habe sie nicht gezählt. Es gefiel mir einfach, sie zu fotografieren. Sowjetische Soldaten habe ich auch hier fotografiert. Sie setzten sich hin, ganz gerade, und hielten einen Wecker in den Händen. Ihre Epauletten und der Wecker mussten genau zu sehen sein. Dann kamen die Engländer, sie wollten auf den Porträts eine ganz zarte Haut haben und schön retuschiert sein. Das habe ich alles durchgemacht. Es war die Zeit nach dem Krieg, wo es nichts zu essen gab. Sie brachten mir manchmal ein Stück Brot, dann war ich darüber glücklich. Aber es musste immer alles, das war schlimm, sofort oder ganz schnell gehen, also heute Aufnahmen und am liebsten in ein paar Stunden schon die Bilder. Na gut. Ich versuchte es und es klappte. Ich habe auch viele Kinder fotografiert. Ein kleines Wesen in so einem großen Renaissance-Sessel, das ist doch sehr bildhaft.« „Gerda Schimpf & ihre aufregenden Porträts“ weiterlesen

Gerda Schimpf & ihre pure Lebensfreude

Gerda Schimpf, 9.10.2013. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Der Brief ist 75 Jahre alt. Er wurde am 20. Oktober 1937 in Leipzig mit dunkelblauer Tinte an »meine allerliebste Gerdine« geschrieben und vom Absender mit der Zeichnung einer jungen, spärlich bekleideten Dame, die in einer Kommode wühlt, verziert. Er liegt jetzt in einer Vitrine und zieht die Aufmerksamkeit von Besuchern und Besucherinnen der Ausstellung »Arte Postale« in der Akademie der Künste am Pariser Platz 4 auf sich. »Ich liebe Dich, nur Dich, Du meine wunderbare süße kleine Braut. Unveränderlich und umwandelbar, durch nichts auch nur berührbar ist meine Liebe zu Dir, zu Dir, meine Engelsgerdine. Ich küsse und umarme Dich immer und ewig – Dein Max.« Eine Frau um die 50, die lange vor der Vitrine verweilt und von dem Gelesenen offensichtlich aufgewühlt ist, kann ihre Gefühle nicht verbergen: »Hätte ich nur einen einzigen solchen Brief in meinem Leben bekommen, könnte ich ein für alle Mal glücklich sein«, seufzt sie.

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