Tony Cragg und seine filigran-monumentalen Skulpturen

Der 1949 in Liverpool geborene und seit 1977 in Wuppertal lebende Tony Cragg gehört zu den international bekanntesten Bildhauern seiner Generation. 40 seiner Werke, darunter vor allem Plastiken, aber auch Zeichnungen und Aquarelle aus den letzten 30 Jahren können jetzt im Polnischen Skulpturenzentrum Orońsko (CPR) bewundert werden. Die dritte Ausstellung des britischen Starkünstlers in Polen ist zugleich seine größte und schönste, denn in der ehemaligen Sommerresidenz des polnischen Malers Józef Brandt (1841-1915), einem einzigartigen Park- und Gebäudekomplex, wo sich seit 1981 das CPR befindet, haben Tony Craggs Skulpturen sowohl unter Dach als auch im Freien genügend Platz, um ihre einzigartige Wirkung zu entfalten. Die beeindruckende Schau wird anschließend im MWW – Muzeum Współczesne Wrocław – gezeigt.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Die Ausstellung im Polnischen Skulpturenzentrum Orońsko unter dem schlichten Titel »Rzeźba / Sculpture« veranschaulicht, wie sich Tony Craggs bildhauerisches und zeichnerisches Werk in den letzten drei Jahrzehnten formal und inhaltlich veränderte: von Objekten aus Fundstücken, aus denen der Künstler raumgreifende Veduten schuf, bis zu mäandernden Formen, die statisch sind, doch kinetisch wirken, da sie die Bewegung verkörpern. Am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn stand Tony Cragg unter dem Einfluss des Dadaismus, der arte povera und der minimal art. Für seine Plastiken benutzte er vorgefundene, »arme« oder industrielle Materialien, also ready-mades, denen er eine neue Form und somit auch eine neue Bedeutung verlieh. So zum Beispiel stapelte der Bildhauer ausgemusterte Industriemaschinenteile übereinander und verwandelte sie in ein »Münster« (1988). In den 1990er und Anfang der 2000er Jahren baute er aus Knobelwürfeln schneckenartige Plastiken – »Secretions« – und zeigte, dass aus kleinen, seriell produzierten Kuben große, ovale und individuelle Formen entstehen können. Er perforierte seine Skulpturen oder bedeckte ihre Oberfläche mit Zeichnungen. Aus Gläsern, Vasen und Schalen baute er die Objektgruppe »Fields of Heaven« (1998), die an ein dreidimensionales Stillleben des italienischen Malers Giorgio Morandi erinnert, vor dem eine Wolke aus milchig weißen Ballons gelandet ist.

  • Tony Cragg, Münster, 1988, Stahl. Ausstellung "Sculpture", CRP Orońsko, 2016. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Myriaden von Wirkungen

Aus dem Jahr 1999 stammt Tony Craggs Skulptur »Congregation«: ein altes Fischerboot, das der Künstler mit tausenden Haken versah, wodurch der Eindruck entsteht, es ist mit einem Gewirr aus Spinnennetzen, auf denen Wassertropfen glänzen, umhüllt. So verwandelte Cragg ein alltägliches Ding in ein poetisches Objekt mit einer romantischen Aura. Vielleicht ist es der »Fliegende Holländer«, das sagenhafte Schiff, das endlich in einen Hafen eingelaufen ist, nicht mehr umherirren muss, sondern einfach nur bewundert werden darf. Dabei merkt der Betrachter, dass das Boot zwar auf dem Parkett verharrt, doch zugleich durch das Licht, das sich in den Haken bricht, leicht zu wippen scheint: Auch Skulptur kann ein Trompe-l’œil sein! »Sobald ich irgendein Material ansehe, verbinde ich meine Gedanken mit diesem Material, und verändere mich, denn ich werde von allem um mich herum beeinflusst. Das ist übrigens bei jedem Menschen so, selbst wenn uns unmöglich bewusst sein kann, wie sehr wir von jedem einzelnen Stück Material um uns herum beeinflusst werden. Ob es nun die Lufttemperatur ist, die Luftbewegung, das Licht in der Luft, ihre Farbe, der Stuhl, auf dem man sitzt usw. … Alles um uns herum hat Myriaden von Wirkungen und beeinflusst unser Wohlbefinden, unsere Sinne und unsere Gedanken«, sagt der Künstler im Gespräch mit dem britischen Kunstkritiker Jon Wood.

Tony Cragg in seiner Ausstellung "Das Potential der Dinge, AdK Berlin Tiergarten, 14.09.2006. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Tony Cragg in seiner Ausstellung „Das Potential der Dinge, AdK Berlin Tiergarten, 14.09.2006. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Denken mit Materie

Experimentierfreudigkeit, Respekt vor dem Material, Aufhebung der Gegensätze und Perfektion zeichnen Tony Craggs Kunst aus. Sogar die bis zu 1,5 Tonnen schweren Figuren aus Bronze, Stein oder Stahl, die er mithilfe eines 20-köpfigen Teams produziert, scheinen federleicht und filigran zu sein. Sie sind der Inbegriff einer filigranen Monumentalität. Das Schwere wirkt ätherisch, das Starre vibriert, das Ruhende birgt eine enorme Dynamik in sich. Die von Energie strotzenden Formen seiner Zeichnungen und Radierungen sprengen den sie eingrenzenden Rahmen, als ob sie sich im Raum ausbreiten wollten. Es sind Energie geladene Kraftpakete, die aus ihrer Haut hinausgehen wollen, immer auf dem Sprung, ihre Form zu verändern. Wenn man seine Plastiken umgeht, hat man den Eindruck, dass sie sich bewegen, dass sie tanzen, dass sie schweben. Creggs gegossenen, geschnitzten und gezeichneten »Dinge« sind Sinn- und Denkbilder einer fortwährenden Metamorphose, die der an Naturwissenschaften und Philosophie interessierte Künstler »formales Denken mit Materie« nennt.

  • Tony Cragg, Early Forms, 2001, Bronze. Ausstellung "Sculpture", CRP Orońsko, 2016. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Das Instrument eines Materialisten

Seine räumlichen oder flachen Denkfiguren sind sowohl organisch-abstrakt als auch anthropomorphisch: Was auf den ersten Blick wie eine erstarrte Windhose oder eine verwitterte Felsformation anmutet, entpuppt sich beim genauen Hinschauen als ein menschliches Profil, eine Büste, eine stehende oder liegende menschliche Figur. Alles ist fließend, ändert sich mit jedem Blickwinkel. Die Dinge sind nicht so, wie sie erscheinen, sondern so, wie wir bereit sind, sie wahrzunehmen, auf uns wirken zu lassen, sie zu betrachten. Mit seinen vielseitigen und vielschichtigen Arbeiten versucht der Bildhauer, der nach dem Abitur zunächst als Laborant in einem biochemischen Forschungsunternehmen arbeitete, unsere Seh- und Denkgewohnheiten aufzubrechen und zu demonstrieren, dass man das scheinbar Gewohnte und Vertraute auch anders sehen, denken und empfinden kann. »Ich glaube, dass Bildhauerei eine Art sensibilisierender Tätigkeit und ihre Rolle die eines Katalysators ist, der uns vielleicht zu einem sensibleren Denken führt. Sie ist das Instrument eines Materialisten, und ich hoffe, dass es zu einer aufgeschlosseneren Herangehensweise an die Welt um uns herum führt«, erklärt Tony Cragg.

  • Blick in die Ausstellung "Sculpture" von Tony Cragg, CRP Orońsko, 2016. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Eleganz und Distanz

Die Ausstellung »Skulptur« im CRP erinnert an eine archäologische Ausgrabungsstätte, deren Funde sowohl unter Dach (im Museum, in der Orangerie und in der Kapelle) als auch im Park bestaunt werden können. Zu sehen sind Tony Craggs Aquarelle, Zeichnungen und Plastiken aus Holz, Harz, Ton, Stein, Kunststoff, Bronze, rostfreiem Stahl, Gips, Glas und Fiberglas, die wie Panzer und Gliedmaßen ausgestorbener Tiere, Felsformationen oder Objekte religiöser Kulte anmuten. Es ist eine untergegangene Zivilisation, die jedoch durch ihre allgegenwärtige Dynamik äußerst vital erscheint. Die häufig seltsam verdrehten, geschichteten, gelöcherten und immer asymmetrischen Figuren strahlen eine kühle Eleganz und Distanz sowie Wärme und das Bedürfnis nach Nähe aus. Sie erzeugen gegensätzliche Gefühle, die jedoch nicht im Widerspruch zueinander stehen. Man bewundert ihre kühl glänzenden Oberflächen und möchte sie zugleich haptisch wahrnehmen, also berühren, denn sie sind betörend sinnlich und scheinen weich und geschmeidig zu sein. Man möchte auch ihre glatten oder spröden Hüllen durchdringen, um zu sehen, was da im Objekt so alles steckt.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff, VG Bild+Kunst, 2016


Beide Zitate aus »Tony Cragg, In and out of Material«, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2006 (Seite 15-16 und 27), nachgedruckt in »Tony Cragg, Rzeźba / Sculpture«, Orońsko 2016 (Seite 86 und 96).


Tony Crag
Rzeźba / Sculpture
11.06.-30.10.2016
Centrum Rzeźby Polskiej w Orońsku

3.02.-8.05.2017
MWW – Muzeum Współczesne Wrocław

Tony Cragg
A Rare Category of Objects
4.03.-30.09.2017
Yorkshire Sculpture Park