Wozzek, Deutsche Oper Berlin, 5.10.2018. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

»Wozzeck« an der Deutschen Oper Berlin: Hei, was ein Abend! Haha! Mit Ross, Sex, Molch & Mord

Das Publikum schien begeistert zu sein: Aus dem bis auf den letzten Platz besetzten Zuschauerraum ertönte stürmischer Beifall. Eine Premiere, die eine Viertelstunde lang bejubelt wird: So etwas hat es in dem größten Berliner Opernhaus seit geraumer Zeit nicht gegeben. Dem Generalmusikdirektor Donald Runnicles, der eine Neuproduktion von Alban Bergs »Wozzeck« zur Chefsache erklärte, und dem Regisseur Ole Anders Tandberg, der sich vorgenommen hat, »das Stück im Heute zu verankern«, sei (k)ein uneingeschränkter Dank.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Es gibt nichts, was es nicht gibt: einen ausgestopfter Braunen; Soldaten, die, mit ihren nackten Hintern dem Publikum zugewandt, zeigen, dass nicht nur ein schöner Rücken entzücken kann (wobei sich die Frage stellt, ob sich die Statisten, die lange Zeit mit heruntergelassenen Hosen auf der Bühne ausharren müssen, nicht verarscht fühlen?); ein Mann aus dem Volk, der in seinem blauen Konfektionsanzug, weißen Hemd und einer passenden Krawatte wie ein kleinbürgerlicher Spießer anmutet, und der den wohl von lästigen Parasiten befallenen Kerlen die Schamhaare rasiert, um sie anschließend an ihren besten Stücken zu pinseln (was die Zuschauerinnen und Zuschauer leider nicht zu sehen bekommen); einen Medicus, der an dem Protagonisten in Blau eine Rektoskopie vornimmt, um sich eigenhändig davon zu überzeugen, ob die verabreichte Erbsendiät wirklich angeschlagen hat; Männer und vereinzelte Frauen, die im Hintergrund ganz unverhüllt Gruppensex mimen. Und immer wieder ziehen norwegische Fahnen schwenkende Menschen beiderlei Geschlechts mit Sonnenbrillen und norwegischen Volkstrachten durch die Bühne, die an eine schmucklose Bahnhofskneipe erinnert. Nach jeder der 15 Szenen fällt der Vorhang mit Wozzecks Konterfei. Mal macht er die Augen auf, mal macht er die Augen zu. Sein Gesicht ist regungslos, fast wie eine Totenmaske. Auch auf der Bühne verzieht der Wozzeck-Mime häufig keine Miene, es sei denn, er guckt etwas verblüfft auf den mit Wasser gefüllten Plastikbeutel, in dem ein Molch schwimmt, den er für des Doktors Experimente im Teich gefangen hat.

Ein großes Nichts

Die Antwort auf die Frage, wie Ole Anders Tandberg auf den Molch und andere seltsame Ideen gekommen ist, liegt womöglich in den drei kurzen Sätzen, die aus Wozzecks Mund fallen: »Weiß ich’s? Weiß ich’s? Wer weiß es?«. Dem norwegischen Regisseur ist jeder Schabernack recht, um »das Stück im Heute zu verankern.« Unter seiner Regie mutiert die Oper »Wozzeck« von Alban Berg, nach dem Dramenfragment »Woyzeck« von Georg Büchner, zur Farce. Und das nicht nur deshalb, weil die Handlung auf Tischen serviert wird. Eine Kneipe, die er »Bar« nennt, ist für den norwegischen Inszenator der Ort, der Wozzecks Welt bedeutet. Und weil diese Bar-Kneipe zum Glück über große Fenster verfügt, sickert manchmal schaurige Stimmung durch: mal sind es unheilverkündende Nebelschwaden, mal ein Abendrot, das kein gutes Wetter bot, mal ein Spalier aus Kletterpflanzen, die im diffusen Laternenlicht wie ein Fototableau von Gregory Crewdson aussehen. Überhaupt scheinen Tandbergs Bühnenbildner Erlend Birkeland und die Kostümdesignerin Maria Geber eine große Freude an Zitaten aus der neueren Kunstgeschichte zu haben. So ähnelt die am Tresen sitzende Wozzecks Geliebte Marie der Dame auf dem berühmten Bild »Nighthawks« von Edward Hopper. Büchners »Woyzeck« ist für Tandberg »das Stück schlechthin über Entfremdung – über die existenzielle Einsamkeit, die jeder von uns irgendwo auf dem Grunde seiner Seele fühlt. Über die Erkenntnis, dass um uns herum nur die endlose Leere eines Universums ist, ein großes Nichts.«

Nach der Premiere wird die norwegische "Wozzeck"-Folklore mit einem 15-minütigen Beifall belohnt
Nach der Premiere wird die norwegische „Wozzeck“-Folklore mit einem 15-minütigen Beifall belohnt

 Des Menschen Triebnatur explodiert in Oslo

Nicht nur optisch wirkt Tandbergs neueste Inszenierung an der Deutschen Oper konfus: Die einen, auch der uneheliche Sohn der Hauptfigur, welcher, bei Büchner und Berg ein einjähriges Baby, nun zu einem achtjährigen Bub herangewachsen ist, tragen Schlips und Kragen, die anderen wie der Hauptmann und der Tambourmajor treten in operettenhaften Militäruniformen auf; Wozzecks Geliebte Marie sieht wie eine Sekretärin aus, die mit ihrer zugeknöpften Bluse, dem knielangen Rock und dem schlichten Trenchcoat kühl und unnahbar und mitnichten verführerisch wirkt. Der Kinderchor tritt in Schuluniformen, der Erwachsenenchor in norwegischen Volkstrachten auf, denn dieser »Wozzeck« spielt nicht etwa 1820 in einer hessischen Stadt, sondern im »Heute«, das heißt »in Oslo, in einer Bar, die in der Nähe des Königsschlosses von Oslo inmitten eines Parks mit Teichen liegt. Dort findet man sowohl die für ihre Exerzierchoreografien berühmten Soldaten der Palastgarde inklusive ihrer Hauptleute und Tambourmajors als auch viele Menschen, die einfach viel trinken oder sich sonst wie amüsieren wollen. Und am norwegischen Unabhängigkeitstag, dem 17. Mai, sieht man dort auch die Kinder, die mit ihrer Parade zum Schloss ziehen. Zugleich aber ist dieser Tag in Norwegen auch quasi das Signal für Frühling: man erlebt um diese Jahreszeit eine plötzliche Explosion von Grün und die Menschen empfinden die ganze Macht ihrer Triebnatur.«

Wenn das Schicksal es will

»Wozzeck« ist – nach Schostakowitschs »Lady Macbeths von Mzensk«, die Ole Anders Tandberg ebenfalls in Norwegen, in einem Fischerdorf, lieben, hassen und morden lässt, und der in die Anführerin einer Bande verwandelte »Carmen«, welche Flüchtlingen beim lebendigen Leibe Nieren ausschneidet, um damit einen lukrativen Organhandel zu treiben –, seine dritte Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin. Nach Meinung des Regisseurs ist es »ein Stück über Grundfragen und Ängste, die uns heute bewegen. Jeder von uns könnte zum Wozzeck werden, wenn das Schicksal es will.« Wohl ist deshalb die Hauptfigur, im Libretto der Oper von Alban Berg ein armer Soldat, der als Barbier, Laufbursche, Versuchskaninchen und Feldarbeiter seinen und den Unterhalt seiner Geliebten Marie (Elena Zhidkova) und ihres Knaben (Levi Mica Weber) verdienen muss, in Tandbergs Inszenierung kein Soldat, sondern ein kläglicher kleinbürgerlicher Versager und Schwächling, für den man wenig Mitleid empfindet. Er wird vom Johann Reuter verkörpert, der es in seinem Anzug nicht immer leicht hat, wie ein an materiellen Not, psychischer Labilität und Wahnvorstellungen leidender »kleiner« Mann auszusehen. Weil er sich als multipler Minijobber verdingen muss, hat er weder Zeit noch die nötige Energie, um seine Geliebte zu befriedigen. Deshalb lässt sie sich, nach anfänglichem Zögern, auf einen Quicky mit dem Tambourmajor (Thomas Blondelle) ein, den sie auf einem Tisch vollziehen. Die rothaarige Marie ist zwar »schön wie eine Sünde«, und Elena Zhidkova hat viel Glut und Wärme in der Stimme, doch ihr erotisches Flair kann aus dem Trenchcoat nicht so richtig nach außen dringen. Ihr Seitensprung wird vom eifersüchtigen Wozzeck grausam bestrafft, obwohl Marie die einzige Person ist, die ihm Halt gibt. Er messert sie tödlich am Hals, und so verkommt die Tragödie zu einer klassischen Beziehungstat. Während die Tote im Trench am Tisch liegt, schneidet sich der Täter die Pulsadern auf und verblutet neben ihr auf dem Stuhl. Mord und Strafe – aus einer Hand.

Eine Bühne voller Narren

Obwohl sie wie Karikaturen agieren müssen, versuchen alle Interpreten, die Statisten inbegriffen, aus der 90-minütigen Inszenierung das Beste, auch in den schwierigsten körperlichen Positionen, zu machen. Burkhard Ulrich gelingt es als Hauptmann, nicht vom Ross zu fallen, obwohl er sich dabei an dessen Mähne halten und singen muss. Der Tambourmajor (Thomas Blondelle) muss aufpassen, dass er mit seinem Säbel, mit dem er ständig herumfuchtelt, kein Unheil anrichtet. Sehr volkstümlich und sexy wirkt und singt die Kellnerin Margret (Annika Schlicht), die in ihrer weißen Uniformjacke auch eine Dompteuse oder eine Domina erfolgreich mimen könnte. Seth Carico als Doktor hört sich ebenfalls gut an, vor allem dann, wenn er mit einer sehr hohen Stimme singt, während er den armen Molch aus Wozzecks Tüte seziert oder sich einen Finger wohl zum Wohl der medizinischen Selbsterforschung abschneidet. Unter den vielen vom Regisseur kreierten Narren gibt es auch einen, der tatsächlich aus Bergs Libretto stammt: Der Narr (Andrew Dickinson) ahnt die blutige Tat und bringt die schaurigen Nachricht ausgerechnet als Transe in weiblicher norwegischer Tracht unters Volk: »Ich riech‘, ich riech‘ Menschenfleisch. Puh, das stinkt schon!« Und das (norwegische) Volk tanzt, säuft, schwitzt, und fickt im Hintergrund.

Tandberg versus Berg

Das Orchester unter der Leitung von Donald Runnicles legt eine überzeugende Performance hin. Seine Darbietung ist temperamentvoll, exakt, bewegend, kontrastreich. Doch die Musik schafft es nicht, die Interpreten zu fördern und der Handlung zu folgen. Das liegt vor allem an der zur Farce verkommenen »Wozzeck«-Inszenierung und Personenführung von Ole Anders, der sich wohl Alban Bergs Worte nicht zu Herzen genommen hatte: »Von dem Augenblick an, wo der Vorhang sich öffnet, bis zu dem, wo er sich zum letzten Male schließt, darf es im Publikum keinen geben, der von etwas anderem erfüllt ist, als von der weit über das Einzelschicksal Wozzecks hinausgehenden Idee dieser Oper.« Doch diese Idee von Berg fällt bei Tandberg unter den Tisch.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff


Wozzeck
Oper in drei Akten mit 15 Szenen von Alban Berg

Text von Alban Berg nach dem Drama »Woyzeck« von Karl Georg Büchner in der Ausgabe von Karl Emil Franzos

Uraufführung am 14. Dezember 1925
an der Staatsoper Unter den Linden Berlin

Nächste Vorstellungen:
10.10.2018 – 19:30 Uhr
13.10.2018 – 19:30 Uhr
19.10.2018 – 18:00 Uhr

www.deutscheoperberlin.de