BĀLAVAT (so der Künstlername von Eckehard Böttrich) hatte eine seltene Gabe, seine philosophischen Gedanken in die Dreidimensionalität zu überführen. Er baute für sie Kulissen und Räume, die erst beim genauen, wiederholten Hinschauen als solche erkennbar, erfahrbar und (be)greifbar werden. Was sich auf den ersten Blick vor den Augen entfaltet, sind Farben, Formen und Dinge, die sich zu seltsamen somnambulen Landschaften zusammenfügen, wie wir sie aus Träumen kennen oder zu kennen glauben. Es sind himmelblaue, rosige, vom Sonnenschein durchflutete Augenweiden, wie von einem zarten Nebel verhüllt. Wenn dieser Schleier sich lichtet und wie ein Vorhang hebt, geraten wir ins Staunen. Wir sehen eine Bühne, auf der Tänzerinnen, Madonnen, Jesusse, Puppen, Engel, Löwen, Tiger, Giraffen, Hasen, Hunde, Schweine, Elche, Pferde, Mäuse, Bären, Uhren, Bananen, Käse-, Brot- und Wurstscheiben, Nüsse, Rüben, Orangen, Erdbeeren, Kuchen, Autos, Zwerge, Fliegenpilze und noch viele andere Figuren aus Porzellan, Steingut, Plüsch, Gummi, Plastik und anderen Materialien nur darauf warten, sich per Knopfdruck oder durch die Kraft der Suggestion und Imagination in Bewegung zu setzen, um zu sprechen, zu singen, zu rotieren, zu glitzern und zu vibrieren.

Würde des Objekts
In diesem Schauspiel ist alles möglich und erlaubt, denn es gibt keinen Gegensatz zwischen echt und künstlich, nah und entrückt, faktisch und ausgedacht, tragisch und heiter, kitschig und erhaben. Es ist ein Theater, in dem BĀLAVAT als Regisseur, Dramatiker und Bühnenbildner die Fäden zog. Er war ein Demiurg, der die Welt, wie er sie vorfand, mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Requisiten bestückte, beweget, bespielte und zur Schau stellte. Die Requisiten wie Plüschtiere, künstliches Obst, Gemüse und andere Lebensmittel, Modellautos und Nippes kaufte er in Spielzeug- und Scherzartikelgeschäften, in Antiquitäten- und Trödelläden, auf Flohmärkten. „Meine Devise ist, den Kitsch zu entkitschen“, sagte BĀLAVAT. „Deshalb suche ich mir Objekte aus, die ihre Würde noch besitzen. Ich möchte sie dem Universum zurückgeben. Ich packe meine Arbeiten sozusagen in buntes Bonbonpapier, doch sie handeln von ersten Sachen. Ich lasse hinter dem Süßen auch das Giftige aufkommen. Ich bin ein Experimentator, unterwegs in Richtung Selbstschöpfung hinter der vordergründigen Erscheinung. Ich verstehe mich nicht als Künstler, denn Magie und Philosophie fangen jenseits der Kunst an. Mein Pinsel ist der Geist.“

Idee ist substantiell
Obwohl sich BĀLAVAT, der in Hamburg Innenarchitektur studierte, nicht als Künstler definierte, setzte er sich in seinem plastischen und schriftstellerischen Werk häufig mit der Kunstgeschichte und der Kunstgegenwart auseinander. Die heutige Kunst lehnte er ab, weil sie sich „im Moment nicht weiter entwickelt und zu einer minderwertigen Kreation von Sensationen und Dekorationen verkommen sei. Sie besteht bestenfalls aus Auftragsarbeiten, die die Kunst nicht zum edlen Zweck benutzen, daran zu wachsen, um sich vielleicht auf ein höheres Dasein vorzubereiten, denn wir müssen nicht immer so bleiben wie wir sind.“ Dem setzte der „pragmatische Philosoph“, der 2010 ein dickes und in den Fachkreisen hoch geschätztes Buch über „Das seiende Nichts“ veröffentlichte, seine „Supra-Avantgarde“ entgegen. Im „Land der Supra-Avantgarde“, wo Denkstille herrscht, ist die Idee (wieder) substantiell, denn in „dieser gefüllten Leere eines ins Uferlose ausgeweiteten bewussten Seins wird es zum ersten Mal möglich, noch größere, überbewusste Zusammenhänge bildhaft, das heißt visionär, zu erkennen“, schrieb BĀLAVAT in seinen „Statements“ bereits 1998. „Das abstrakte Wortdenken wird durch Bilddenken ersetzt und dieses avanciert durch die Beschreibung des so Gesehenen zur dichterischen, philosophischen oder wissenschaftlichen Inspiration.“

Mona Lisa mit Handy
BĀLAVAT kommt aus dem Sanskrit und bedeutet, wie ein Kind zu sein, das die Verantwortung im menschlichen Sinn ablehnt. Wie ein Kind zu sein heißt, seine Welt spielerisch zu erkunden und zu erschaffen, ohne auf die von den Erwachsenen und dem Kunstbetrieb als „erhaben“ oder „kitschig“ eng umrissenen Grenzen des „guten“ oder „schlechten“ Geschmacks Rücksicht zu nehmen. Als ich den „Nichtkünstler“, der in Wirklichkeit ein neu- und großartiger Universalkünstler war, am 23. März 2012 in seinem Atelier am Lietzensee in Charlottenburg besuchte, merkte ich trotz der vielen Uhren und eines „Uhrhebers“ an den Wänden nicht, dass ich dort über drei Stunden verweilte, weil im „Land der Supra-Avantgarde“ alles so schön und so heiter-ernst wirkte. Ein Heiliger Stuhl mit einem heiligen Schein, ein Hund, der „Only you“ sang und eine unverwüstliche Madonna aus Gummischaum anbetete, „Bazon Brock als Rock the Frog“, eine „Halbe Halbzeit“, eine ganze „Kunst zum Treten mit den Füßen“, mehrere „Mutationshasen“ und ein „Papiertiger“ sorgten dafür, dass mich beim Gucken und Hören eine „Woge der Begeisterung“, so der Titel einer Arbeit, ergriff. Die Fantasie, die Ironie und der Humor ihres Schöpfers schienen unerschöpflich zu sein. „Hier können Sie mit der Mona Lisa Kaffee trinken“, sagte er und zeigte auf ein weltbekanntes Bild, von zwei Engelchen und einem Mannequin mit Sondermütze flankiert. „Ist das nicht Wahnsinn, eine Mona Lisa mit Handy?“ Ja, dieser Wahnsinn hatte Methode, denn BĀLAVAT malte diesem Ready-made, bestehend aus einem hochwertigen Öldruck auf Leinwand im vergoldeten Holzrahmen, nicht etwa noch einen Schnurbart an, denn das wäre ein Dada-Witz mit einem sehr langen Bart, sondern bestückte die geheimnisvoll lächelnde Dame neben dem Handy auch mit einer Babypuppe in weißer und rosa Montur.

Malen mit Gegenständen
Das war nicht der einzige Supra-Dadaist im BĀLAVATs Wunderland. „Gucken Sie, hier habe ich den Duchamp auch nachgemacht, aber ich habe ihn nicht nur nachgemacht, sondern weiterentwickelt! Wenn Sie das Rad drehen, dann erzeugt es Licht, ha, ha! Bei mir ist nicht das Rad die Kunst, sondern das Licht! Um ein solches Kunstwerk zu überhöhen, da gehört schon was dazu. Mich interessiert nicht, von wem das ist, sondern ich mache etwas völlig Neues daraus.“ Nicht nur das, er schrieb zu jedem Werk einen Text. Diese kleinen philosophischen Traktate in Form von Alexandrinern, die, wie seine Bilder, das Diesseits mit dem Jenseits und das Triviale mit dem Erhabenen verbinden, trug er selbst vor, sodass ein einzigartiges Kunst- und Wortwerk entstand. „Ich kann sehr gut sehen. Ich sehe jeden Schatten, ich weiß nicht, woher das kommt. Ich habe ein zeichnerisches Auge, kann aber weder zeichnen noch malen“, erklärte BĀLAVAT. „Also male ich mit Gegenständen.“ Prof. Dr. Brigitte Rieger-Jähner, von 2001 bis 2014 Direktorin des Städtischen Museums Junge Kunst in Frankfurt an der Oder, in dessen Sammlung sich mehrere Arbeiten von BĀLAVAT befinden, schrieb über seine „nicht erlahmende Lust am Spiel mit Worten, Themen und gegensätzlichen Zuordnungen“ und über seine „Freude an der ästhetisch gelungenen Symbiose von Unvereinbaren im Wort wie im Bild zu einer geistvoll gestalteten Humoreske, die im Zwischenreich von Wissen und Zweifel, von Vergangenen und Gegenwärtigen angesiedelt ist.“



Geistesblitz des Nichts
Die Wohnung in der Sophie-Charlotten-Straße 59/60 teilte BĀLAVAT mit seiner Frau, der Zeichnerin Renate von Charlottenburg, mit dem zugelaufenen Schmusekater Max und selbstverständlich mit seiner, nennen wir sie endlich beim Namen, den sie verdient: Kunst. Es ist ihr „Hauptquartier“, das an mehreren Tagen in der Woche seine Pforten für das Publikum öffnet. Mein erster Besuch dort am 24. März 2012 endete schon nach zwei Stunden, weil ich an jenem Abend leider noch wo anders hingehen musste. Als ich mich verabschiedete, schoss mir der Geistesblitz, den BĀLAVAT am Revers trug, durch den Kopf: „Nichts ist unmöglich, denn es ist das seiende Nichts!“

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Ursprünglich erschienen in strassen|feger 8, 2012
Am Samstag, den 11. April 2026 gibt es zwei Veranstaltungen, in denen das Œuvre von BĀLAVAT im Mittelpunkt steht:
BĀLAVAT: Bilder und -Texte, live gelesen von Katharina Thalbach
11.04.2026, 15 Uhr
Kino filmkunst 66, Bleibtreustr. 12, 10623 Berlin
Eintritt: 18 Euro
Vernissage der Ausstellung
„Philosophische Pop Art“ von BĀLAVAT
mit seinen Texten, live gelesen von Anna Thalbach
11.04.2026, 19 Uhr
ParkSide Gallery Berlin, Dernburgstr. 11, 14057 Berlin
Eintritt frei
