„Konstellationen“ zwischen Sehen, Suchen, Lesen, Staunen
„Konstellationen“ zwischen Sehen, Suchen, Lesen, Staunen

„Konstellationen“ zwischen Sehen, Suchen, Lesen, Staunen

Es ist eine der wichtigsten Fotoausstellungen der letzten Jahre — und zugleich eine der kuriosesten. Unter dem Titel „Diane Arbus: Konstellationen“ zeigt der Berliner Gropius Bau das Gesamtwerk der US-Fotografin (1923–1971). 454 Schwarz-Weiß-Fotografien — viele davon selten oder zum ersten Mal gezeigt — wurden weder zeitlich noch thematisch angeordnet. Schwarzgerahmt und in unterschiedlichen Höhen auf Paravents aus schwarzen Metallstäben gehängt, irritieren und verwirren sie die Herumirrenden, die sich in dem gitterartigen und an manchen Stellen auch verspiegelten Labyrinth verlieren. „Die Idee einer Konstellation dient hier als Struktur, um sowohl die Bilder als auch die verborgene Architektur zu zeigen, die allem Schaffen zugrunde liegt: Zufall, Chaos und Erkundung. (…) Ähnlich wie Diane Arbus zu ihrer Zeit, seid ihr dazu eigeladen, zu schlendern und herumzustreifen“, ist in der Begleitbroschüre zu lesen. „Anstelle eines festgelegten Rundgangs gibt es zahllose mögliche Wege durch diese Ausstellung.“ In Bezug auf Chaos stimmt das Geschriebene. Da die Exponate nur mit Nummern versehen sind, müssen ihre Titel in einem gedruckten Verzeichnis gefunden werden. Nach dem Sehen, Suchen und Lesen kommt das Staunen: Die Titel, die Diana Arbus ihren Fotografien gab, wurden vom Gropius-Bau-Ausstellungsteam unter Leitung von Jenny Schlenzka, Direktorin des Hauses, vergegenwärtigt und sprachlich korrekt ins Deutsche übersetzt. So zum Beispiel verwandelte sich ein „Transvestite at her birthday party, N.Y.C., 1969, in eine „Trans*Frau bei ihrer Geburtstagsparty“ – und der „Hermaphrodite and an dog in a carnival trailer“, Md. 1970, in eine „Intergeschlechtliche Person mit Hund in einem Jahrmarkt-Wohnwagen.“ Das sind nur zwei translatorische Verschlimmbesserungen von vielen, die der Schau eine unfreiwillig komische Note verleihen.

Faszination & Irritation

Unfreiwillige Komik gehörte nicht zum Repertoire von Diane Arbus. Auch wenn die eigenwillige Ausstellungsarchitektur die Besichtigung ihrer Schau im Gropius Bau nicht gerade einfach macht, fesseln ihre kleinen schwarz-weißen Porträts das Publikum sogar in diesem Ambiente und rufen eine Fülle widersprüchlicher Gefühle hervor: Faszination und Irritation, Begeisterung und Entsetzen, Mitleid und Ablehnung. Diese Ambivalenz war Diane Arbus bewusst, denn während der Arbeit mit ihren Modellen, zu denen seit dem Ende der 1950er Jahre bevorzugt Außenseiter jeder Couleur gehörten, empfand sie eine „Mischung aus Ehrfurcht und Scham.“ Sie fotografierte Menschen, die sich von den anderen unterschieden, durch ihre Andersartigkeit auffielen und von der Norm abwichen: Personen, an denen etwas nicht stimmte. Sie war von der Idee besessen, ein Familienalbum der US-amerikanischen Gesellschaft zu schaffen, um zu zeigen, „dass je spezifischer man ist, desto genereller ist man“. Auf der Suche nach dem Einzigartigen im Allgemeinen und dem Allgemeinen im Einzigartigen stellte sie gesellschaftliche Normen, Konventionen, Posen und Rollen in Frage. Das Hauptthema ihrer Bilder, unabhängig davon, ob darauf Celebrities, Obdachlose, Zirkusartisten, Zwillinge, Drillinge, Drag-Queens, reiche Witwen, Biedermänner und -frauen als Nudisten oder gewöhnliche Blondinen zu sehen sind, ist die faktische und die angestrebte Identität ein Geflecht aus trister Wirklichkeit und grotesker Täuschung. „Unsere ganze Aufmachung dient dem Zweck, unserer Umwelt klar zu machen, was sie von uns denken soll, aber es gibt immer eine Diskrepanz zu dem, was sie nolens volens von uns wissen“, sagte Diane Arbus. „Doch das hat mit dem zu tun, was ich die Kluft zwischen Absicht und Wirkung nenne. Wenn man die Realität gründlich genug betrachtet, wenn man völlig in sie eintaucht, wird sie phänomenal.“

Arbus, Selkirk, Hoffmann & Humery

2012 gab es bereits eine sehenswerte Retrospektive des fotografischen Werks von Diane Arbus im Gropius Bau. Gezeigt wurden über 200 Arbeiten, also knapp die Hälfte dessen, was in den „Konstellationen“ zur Schau steht. Eine zentrale Figur der gegenwärtigen Ausstellung ist Neil Selkirk (*1947 in London). Der britisch-amerikanische Fotograf war Student und Assistent der Künstlerin. Er ist die einzige Person, die Abzüge für ihren Nachlass fertigen darf. „Wenn Diane Arbus eine Fotografie brauchte, um sie an eine Zeitschrift zu schicken, sie jemanden zu geben oder sie – sehr selten – an eine Sammlung zu verkaufen, dann erstellte sie einen einzigen Abzug und lieferte ihn. (…) Nach ihrem Tod 1971 stellte ich mich der Herausforderung, ihre Abzüge zu reproduzieren.“ Selkirk arbeitete in Arbus´ Dunkelkammer und nutzte ausschließlich ihre Ausstattung und Materialien, um durch ständiges Ausprobieren ihre Methode herauszufinden. „Trotz vieler unerwünschter Veränderungen, die im Laufe der Zeit eintraten, blieb das Ziel doch gleich: Abzüge zu erstellen, von denen niemand anhand der Eigenschaften des Bildes selbst sagen können würde, ob Arbus oder ich den Druck erstellt hatte. Mittlerweile ist es mehr als 50 Jahre her, dass mein erster Abzug entstand – und bislang hat niemand diese Annahme erfolgreich in Frage gestellt“, schreibt Neil Selkirk im Begleittext zur Ausstellung „Konstellationen“. So einfach ist das: Vier Augen sehen mehr als zwei. Die im Gropius Bau gegenwärtig gezeigten 454 Fotoarbeiten und „A box oft ten photographs“, die als eine Edition von 50 Stück geplant war, von denen Diane Arbus acht Sets druckte und nur vier verkaufen konnte, wurden 2011 von der Schweizer Sammlerin Maja Hoffmann erworben und 2023 in ihrem Museum LUMA im Arles präsentiert. Von Matthieu Humery, dem Curator at Large am südfranzösischen privaten Musentempel kuratiert und dort 2023 zum ersten Mal gezeigt, wanderten die zum „Schlendern und Herumstreifen“ einladenden großspurigen „Konstellationen“ in der von ihm konzipierten Form zwei Jahre später in die Metropole im Nordosten Deutschlands.

Neil Selkirk, Matthieu Humery und Jenny Schlenzka, Direktorin des Gropius-Baus, 15.10.2025. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Neil Selkirk, Matthieu Humery und Jenny Schlenzka, Direktorin des Gropius-Baus, 15.10.2025. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Vor und hinter dem Objektiv

Diane Arbus, eine kleine zierliche Frau mit großen grünen Augen, war eine Jägerin, die ihre „Opfer“ auf den Straßen, in Parks, in Schaubuden und auf U-Bahnhöfen ihrer Heimatstadt New York City aufspürte, sie angesprochen hat und überzeugen konnte, dass sie ihr posierten. Um in das Leben völlig einzutauchen, ging die Tochter aus gutem Hause gezielt an Orte, wo sie in schlechte Gesellschaft geriet. Ihre Sujets fand sie in der Bowery, einer heruntergekommenen Straße im Süden von Manhattan, in Puffs, den „Flop Houses“ genannten Obdachlosenunterkünften, Stundenhotels, Bars und Nachtclubs, in denen, wie wir das heute bezeichnen, sexuelle Minderheiten verkehrten. Um ihren Fotografien eine möglichst große Authentizität zu verleihen, freundete sie sich mit ihren Modellen an, besuchte sie in ihren Wohnungen, feierte mit ihnen Feste und Orgien, gewann ihr Vertrauen. „Um jemanden zu fotografieren, muss man ihn verführen“, sagte Diane Arbus. Mit ihrer Rolleiflex 6 x 6, die sie seit Anfang der 1960er benutzte, machte sie Bilder, die wie Schnappschüsse aussehen. In Wirklichkeit waren sie das Ergebnis eines langen Prozesses, der für die Fotografin und die Fotografierten oft quälend war, sie körperlich und psychisch stark beanspruchte. Auf diesen vor über 50 Jahren entstandenen Bildern ist die Spannung zwischen der Person vor und der hinter dem Objektiv noch heute spürbar. Ihren Modellen kam sie so nahe, wie niemand zuvor, hob die Grenzen zwischen Kunst und Leben auf, denn „die Welt kann man durch aktives Handeln begreifen, nicht durch Kontemplation. Die Hand ist die Schneide der Seele.“

Weder sensationell noch spektakulär

Von 1960 bis 1971 veröffentlichte Diane Arbus über 250 Fotos, unter anderem in den Magazinen Esquire und Harper´s Bazaar. Sie zeigten ein breites und für viele schockierendes Panorama der US-amerikanischen Gesellschaft: mit ganz normalen Mittelstandsfamilien, jugendlichen Paaren auf Parkbänken, Prostituierten und ihren Kunden, Stripperinnen, Transsexuellen, Tätowierten, Kleinwüchsigen und Giganten, alternden Schönheitsköniginnen, Greisen, körperlich und geistig Behinderten, die schauerliche Masken tragen. Doch diese Bilder, die für großes Aufsehen sorgten und ihre Urheberin berühmt-berüchtigt machten, sind weder sensationell noch spektakulär. Sie sind Ausdruck der individuellen und kollektiven Vergänglichkeit, der Einsamkeit und Beziehungslosigkeit, der Selbsttäuschung auf der Suche nach Glück, Geborgenheit und Nähe. Der Mensch tritt meistens als Komparse in der Tragikomödie des Lebens auf. Er ist ein Gefangener: seines Körpers, seiner Triebe, seiner Psyche und der gesellschaftlichen Rolle, die er sich selbst gewählt hat oder die ihm durch Herkunft, Geschlecht oder sexuelle Orientierung aufgezwungen wurde. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und des American Dream war dieser bebilderte Fatalismus eine ungeheure Provokation. Aus der heutigen Sicht wirken die Porträts der Freaks, Außenseiter oder derer, die aus welchen Gründen auch immer als „abartig“ galten, sehr artig: Der Bürgerschreck entpuppt sich als Spießbürger, der Spießbürger posiert als verkleideter und maskierter Bürgerschreck.

Roh, unbeschönigt & unheimlich

Dianes Leben war genauso paradox und ambivalent, wie ihre Fotografien. Sie wurde am 14. März 1923 in New York City als zweites Kind von Gertrude und David Nemerov geboren, denen das große Pelz- und Modehaus Russek an der Fifth Avenue gehörte, das die Weltwirtschaftskrise unbeschadet überstand. Ihre Eltern waren reich, hatten aber keine Zeit, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Das besorgten die Gouvernanten von Diane, ihres älteren Bruders Howard und der fünf Jahre jüngeren Schwester Renée. Sie lebten in einem goldenen Käfig, hatten alles – außer elterlicher Liebe und Zuneigung. Mit 13 verliebte sich Diane in Allan Arbus, der in Russeks Werbeabteilung arbeitete. Kurz nach Vollendung des 18. Lebensjahres heiratete sie ihn gegen den Willen ihrer Eltern. Die Arbus‘ eröffneten ein Fotografie-Studio und arbeiteten bis Mitte der 1950er für große Modezeitschriften wie Vogue und Glamour: er als Modefotograf, sie als Stylistin. 1945 wurde ihre Tochter Doon, neun Jahre später Amy geboren. Im Gegensatz zu ihrer Mutter kümmerte sich Diane ausgiebig um ihre Töchter, doch sie merkte, dass diese Rolle sowie die der Assistentin ihres Mannes sie auf Dauer nicht glücklich machen können. Die Eheleute trennten sich. Allen ging nach Kalifornien, um Schauspieler zu werden. Unter dem Einfluss der aus Österreich stammenden Fotografin Lisette Model, bei der sie von 1955–1957 das Fotohandwerk lernte, begann sie, die Motive für ihre Bilder auf der Straße zu suchen, also das zu tun, was ihr Spaß machte. In den 1960er Jahren wurde sie immer bekannter und als Vorreiterin einer neuen Fotoästhetik gefeiert: roh, unbeschönigt und unheimlich. Die Kritik nannte Diane Arbus „ein depressives Genie der Fotografie“. Doch der künstlerische Erfolg zog keinen finanziellen nach sich. Die von Krankheiten, Geldsorgen und Einsamkeit geplagte Künstlerin nahm sich am 26. Juli 1971 das Leben.

Zeitlich & überzeitlich

Kurz vor ihrem Freitod schrieb sie: „Die Fotografien sind der Beweis dafür, dass etwas existiert hat und jetzt verschwunden ist. Wie ein Fleck. Und ihre Stille ist verblüffend. Man kann sich abwenden, doch wenn man zurückkommt, werden sie immer da sein und einen ansehen.“ Ihre Aufnahmen sind sowohl ein Gruppenbild der Zeit, in der die Fotografin lebte, als auch überzeitlich, denn sie war ihrer Zeit stets voraus. Zum einen hatte sie ein Gespür für gesellschaftliche Veränderungen und zeigte das Vordringen der Randgruppen und Subkulturen in die Mitte der Gesellschaft. Zum anderen wusste sie, was unverändert und zeitlos bleibt, wie auf dem Foto „Kind mit einer Spielzeuggranate im Central Park, N.Y.C. 1962“ zu sehen: Kleine Jungs, die mit Waffen spielen, fallen nicht aus dem Rahmen. Womit werden sie als Erwachsene spielen, wenn sie den Rahmen sprengen?

Diane Arbus, Kind mit einer Spielzeuggranate im Central Park, N.Y.C. 1962, Ausstellung „Konstellationen“, Gropius Bau, 2025/2026. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Diane Arbus, Kind mit einer Spielzeuggranate im Central Park, N.Y.C. 1962, Ausstellung „Konstellationen“, Gropius Bau, 2025/2026. Foto © Urszula Usakowska-Wolff