„Schon wieder so eine korrekte, langweilige, aufgeblasene Schau, die die Queerness zelebriert und sich in der Blase der einzig richtigen, weil megaprogressiven Gender-Haltung dreht“, dachte ich, als ich mit Null Begeisterung zur Pressekonferenz vor der Eröffnung der Personale „Fabelhaftes Produkt“ von Vaginal Davis am 23. März in den Gropius Bau ging. Das war gut so, denn ich traf dort eine außergewöhnliche Persönlichkeit und eine mit vielen Talenten gesegnete Künstlerin, deren einnehmendes Naturell, Esprit, Witz; subversive Haltung, erfrischend unkomplizierte Ausdrucksweise, Distanz zu sich selbst und der spielerische Umgang mit den Symbolen und Attributen der Sexualität wohl in dieser Form einzigartig sind. „Miss Davis“, wie sie genannt wird, Pi mal Daumen zwei Meter groß, kahlköpfig und mit einer langen Robe bekleidet, die mehr enthüllt als verhüllt, sieht wie eine Opernheroine und eine wahrhaftige Diva aus. Sie ist eine königliche Erscheinung, die schon auf den ersten Blick zur Königin der Herzen der zahlreich erschienenen Journalistinnen und Journalisten wurde. Mit ihren 64 Jahren wirkt sie zeitlos, kein bisschen Müde oder erschöpft, obwohl sie beim Aufbau ihrer sich über neun Räume ziehenden Ausstellung selbst Hand angelegt hatte.

Drag-Terroristin & Perfektionistin
Die Nonchalance von Vaginal Davis, die sich seit fast einem halben Jahrhundert zu einer Blackdress und Drag-Terroristin stilisiert, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese lässige, anarchistische Living Sculpture der US-amerikanischen und seit über 20 Jahrenauch der Berliner Gegenkultur eine Professionalistin und Perfektionistin ist, die akribisch die Zeugnisse ihrer Arbeit sammelt und archiviert und nun die Möglichkeit nutzt, sie in einem angesehenen Museum in Hülle und Fülle zur Schau zu stellen. Ihr „Fabelhaftes Produkt“, eine Anspielung darauf, dass im Kapitalismus alles zur Ware verkommt und wie eine Ware gehandelt wird, ist weit davon entfernt, museal zu sein. Helle, lichte Räume mit schwunghaften Zeichnungen von Tieren und anderen mehr oder weniger fantastischen Lebewesen, eine Hommage an L. Frank Baum und seine OZ-Bücherserie, die sie mit Mascara, Lippenstiften, Lack und anderen kosmetischen Utensilien an die Wand skizzierte, wechseln sich mit dunklen Kinosälen, grell beleuchteten Grotten mit Brotskulpturen der Magna Mater und einer Bibliothek mi Rosa-Regalen, in denen Vaginals noch nicht geschriebene Bücher und Vitrinen mit Fotos ihrer Performances und Zeitungsausschnitten der von ihr verfassten Klatschkolumnen stehen, ergänzt durch eine Reihe von Porträts ihrer Lieblingsschriftstellerinnen. Zu sehen und zu hören ist ein geordnetes Chaos – oder eine chaotische Ordnung, die sich zu einer siebenteiligen Installation zusammenfügen.



Freude, Begierde & Wiederstand
Über das Privatleben der Künstlerin, die sich aus Bewunderung für die schwarze Bürgerrechtlerin Angela Davis deren Namen verpasste, ist wenig bekannt. Sie wurde als Tochter einer schwarzen Kreolin und eines jüdischen Mexikaners im östlichen Teil von Los Angeles geboren, interessierte sich schon als Kind für das Theater und nahm an einem Bildungsprogramm für Hochbegabte teil. Als Siebenjährige hatte sie die Möglichkeit, eine Aufführung der „Zauberflöte“ an der dortigen Oper zu sehen. Diese Erfahrung war ausschlaggebend für ihre weitere Entwicklung. Sie kürte sich zum Kunstwerk und schuf sich eine eigene Bühne, bestückt mit Aufsehen erregenden Kostümen, Masken, Perücken und Schmuck. Es war und ist eine faszinierende Welt, die zwischen Glamour, Trash, Kitsch, Klatsch und Gesellschaftskritik, zwischen Freundschaft, Freude, Begierde und Widerstand oszilliert. Ende der 1970er Jahre rief Vaginal Davis mehrere Bands in Los Angeles ins Leben; in den 1980ern war sie Mitbegründerin der queeren Punk- und Homocorszene, die einerseits den Punk in seiner weißen heterosexuellen Attitüde parodierte und provozierte, sich andererseits gegen den schwulen, auch den schwarzen Mainstream wandte. Sie erreichte eine große Popularität, indem sie ihre selbst publizierten Zines und Botschaften in Kunst- und Musiknetzwerken verbreitete. Ihre multimedialen Performances in Nachtclubs und Punk-Venues zogen ein immer größeres Publikum an. Legendär waren die Kunstausstellungen in der HAG-Gallery, die Ms. Davis in ihrer Wohnung am Sunset Boulevard 7850 in Hollywood von 1982 bis 1989 führte. In den 1990ern war sie eine zentrale Figur der Untergrundszene in Los Angeles. Nachdem sie aus ihrem Domizil in L.A. ausziehen musste, ging sie 2006 nach Berlin, wo sie schon seit langer Zeit mit dem Kunstkollektiv CHEAP (dem im „Fabelhaften Produkt” viel Platz eingeräumt wird) zusammenarbeitete.



Das Jugendzimmer lockt immer
Vaginals Soloschau im Gropius Bau ist übersichtlich und nicht überladen, obwohl sie eine große Fülle an Objekten präsentiert. Es ist ein Parcours, auf dem das Werk dieser vielseitigen Künstlerin: Malerin, Zeichnerin, Filmemacherin, Musikerin, Schauspielerin, Lyrikerin, Philosophin, Kolumnistin, Parodistin und Teamworkerin erkundet werden kann. Es gibt viel Rosa, Weiß und etliche Zwischentöne, niedliche und lebensbejahende Zeichnungen, experimentelle und sozialkritische Videos, Collagen, Gedichte, Tagebücher, Fotos und Installationen mit „echten“ Penissen und … Zahnprothesen. Das fabelhafteste Produkt befindet sich an ihrem Ende in einem pastelligen Raum, der nicht betreten und nur von außen beäugt werden darf: Es ist die von einer Soundarbeit begleitete Installation „The Wicked Pavillon: Tween Bedroom“, wo Ms. Davis Einblicke in ihr Jugendzimmer, das an ein Boudoir erinnert, gewähren lässt. In ihrem Mittelpunkt steht ein rotierendes antikes Bett, auf dem ein Riesendildo aus Gips, auch eine Art Prothese, liegt. Auf einer Wäscheleine hängen Plakate der von ihr verehrten Persönlichkeiten aus der Musik- und Filmwelt, darunter viele aus den 1940er und den 1950er Jahren. Nicht zu vergessen die bunten Nagellackfläschchen auf einem Tischchen, die Vaginal Davis zum Bemalen ihrer Nägel und ihrer Bilder dienen. „The Wicked Pavillon“ ist auch eine dere vielen Hommagen an L. Frank Baum und das von ihm kreierte OZ-Universum, das die Künstlerin seit ihrer Kindheit stets begeistert und inspiriert.

Jeden Tag aufs Neue
Vaginal Davis schafft Kunst, die aus dem Alltag schöpft, aus kunstfremden Materialien, literarischen Vorlagen, selbstgeschriebenen oder fremden Texten, Magazinfotos, Klang- und Filmschnipseln. Sie ist eine Rebellin, die sich gegen die herrschenden Regeln, Normen, gesellschaftliche und geschlechtsspezifische Zuschreibungen auflehnt. Sie tut das auf ihre unverwechselbare Weise: mit Charisma, Charme, Humor – und unabhängig davon, ob sie ihr Werk in einem berühmten Museum oder in einer nur den Eingeweihten bekannten Galerie zeigt. In einem Interview mit der Berliner Siegessäule (26.02.2025) sagte sie unter anderem: „In diesem Leben – oder dem nächsten Leben – ist nichts von Dauer. Heute mag ich eine Ausstellung in einer anerkannten Institution haben, aber es gibt natürlich keine Garantie, dass das im nächsten Jahr auch noch so ist. Es gibt keine Garantien im Leben! Ich nehme es, wie es kommt, jeden Tag aufs Neue, Darling!“ Yes! It’s so true! Carpe diem, dear artiste Miss Vaginal Davis!

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Vaginal Davis: Fabelhaftes Produkt
21.03. – 14.09.2025
Gropius Bau >>>
Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin
Öffnungszeiten:
Montag 12:00–19:00 Uhr
Dienstag geschlossen
Mittwoch 12:00–19:00 Uhr
Donnerstag 12:00–19:00 Uhr
Freitag 12:00–19:00 Uhr
Samstag 10:00–19:00 Uhr
Sonntag, Feiertage 10:00–19:00 Uhr