„Nicht die Skulptur macht den Raum, sondern der Raum die Skulptur“: Dieses Diktum des Bildhauers Constantin Brâncuși gilt auch für Gamid Ibadullayevs Werk. Seine raumgreifenden Gemälde und Reliefs sind stringent, luzid und mit vielen freien Flächen durchsetzt. Sie ähneln Landschaften, über denen sich Wolkenlücken oder Nebel lichten und die von der Sonne durchbrochen werden. Seine aus sechs Schichten bestehenden, zum Teil großformatigen Bilder, welche oft die Form von Diptychen, Triptychen oder Tetraptychen haben und die sowohl horizontal als auch vertikal, manchmal sogar über Eck aufgehängt werden können, sind im besten Sinne des Wortes archaisch. Dank ihrer Ursprünglichkeit und Naturverbundenheit erinnern sie an Höhlenmalerei, sind auf das Wesentliche reduziert und sprechen elementare Gefühle oder Instinkte an.

Maler, Bildhauer, Filmer & Musiker
Gamid Ibadullayev, der 1980 in Baku geboren wurde und seit 21 Jahren in Sochaczew unweit von Warschau und in Warschau lebt, schafft genreübergreifende Kunst, in der sich Malerei, Zeichnung, Grafik, Fotografie, Video, Film, Skulptur, Klang, Musik und Poesie die Waage halten. Nach seinem Studium der Keramik an der Aserbaidschanischen Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Baku war er zuerst als Keramiker tätig. Eine Reminiszenz an diese Zeit sind seine Arbeiten auf Metallplatten, die er mit stark verdünnten Farben überzieht und die wie Keramikwandbilder anmuten. Der Malprozess ist für Gamid ein körperlicher Akt. Seine Energie und Gestik, seine Gefühle und Gedanken fließen in die Bilder ein.

Eine Art Action Painting
Er benutzt keine Staffeleien, er malt seine Werke auf dem Boden seines Ateliers in Sochaczew, das er selbst umbaute und raumhohe Fenster einbaute, um viel Tageslicht zu haben. Seine Art zu malen erinnert an die Action Painting. Er verdünnt Öl- oder Acrylfarben, gießt sie auf Bildträger, darunter auf Baumwolle, Spannplatten, Gips und Papier und bearbeitet sie mit einem selbstgefertigten Pinsel, der die Form eines großen Besens hat. Häufig bedeckt er die Oberflächen mit Pigmenten oder Glitzer, um ihre Plastizität zu verdeutlichen.

Fließende Grenzen
Unabhängig von der Gattung ist Gamids Kunst dreidimensional. Er kreiert ein pulsierendes, fast monochromes Universum, das sich beim genauen Hinschauen in einen lebendigen Organismus verwandelt. Es ist eine ganzheitliche Kunst, in der die Grenzen zwischen der Gegenwart und Vergangenheit, zwischen der Figuration und Abstraktion, zwischen Werden und Vergehen, zwischen den Kulturen und ihren tradierten Ausdrucksformen fließend sind.

Werke der Reduktion
Für Gamid ist der Film jene Kunst, in der sich alle von ihm praktizierten Künste zu einer Ganzheit verbinden: Seine Filme sind malerisch, bestechen durch stimmungsvolle Musik und poetische, knappe Dialoge. Sie sind, wie alle seine Arbeiten, bewegende Werke der Reduktion. Reduktion macht sich auch in den 28 Gemälden, von denen die meisten Reliefs sind, und Zeichnungen aus der Serie „Silence“ bemerkbar. Was auf den ersten Blick monochrom erscheint, gibt auf einmal eine überraschende Farbigkeit preis, die, mit dem Weißen Rauschen vergleichbar, unter den Schichten von Gamids Bildern verborgen liegt und sanft an die Oberfläche drängt.

Ein Zufluchtsort vor dem Horror Vacui
Das alles geschieht sehr langsam, lädt zum Innehalten vor den Bildern, zum Wechseln in den Ruhemodus ein. In unserer hektischen, mit Zeichen, Geräuschen und Informationen überfrachteten Zeit bietet Gamids leise, kontemplative Kunst ein Refugium vor dem äußeren, oberflächlichen und schnelllebigen Geschehen. Sie ist eine Oase der Stille und ein Zufluchtsort vor dem Lärm und dem Horror Vacui, dem auch die Kunst zunehmend huldigt. Die Ausstellung „Silence“ von Gamid Ibadullayev, Maler, Bildhauer, Komponist, Musiker, Regisseur und Drehbuchautor in einer Person, ist eine wohltuende Ausnahme, denn sie offenbart: Nur das Wesentliche ist für die Augen sichtbar.
Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff, Ausstellungskuratorin

Gamid Ibadullayev: Silence
04. – 09. Juni 2026
Galerie Wasser
Rosa-Luxemburg-Straße 16, 10178 Berlin
Öffnungszeiten:
Täglich von 12 bis 21 Uhr; am Montag von 12 bis 17 Uhr
Finissage: Dienstag, 9. Juni, 19 Uhr
Gamid Ibadullayev (geb. 1980 in Baku) – visueller, interdisziplinärer Künstler, Regisseur und Musiker aserbaidschanischer Herkunft, der an der Schnittstelle von Malerei, Fotografie, Video Art, Film und Musik tätig ist. Er ist Absolvent der Aserbaidschanischen Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Baku und der Akademie für Film und Fernsehen in Warschau. Seit 2005 lebt und arbeitet er in Polen. Seine Arbeiten wurden in Galerien in Polen, Deutschland, Aserbaidschan und der Türkei ausgestellt. 2016 gründete er das Studio für audiovisuelle Experimente, eine unabhängige Künstlergruppe, die sich mit experimenteller Fotografie beschäftigt. Er dreht eigene experimentelle und unabhängige Filme, für die er das Drehbuch schreibt und Musik komponiert (A Soul of Nowhere, 2023, Orange Frames (2025), Strainer, 2026).
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