Der letzte Sonntag im Juni 2013. Früher Nachmittag. Der erste Sommermonat verabschiedet sich mit Herbstwetter. Der Himmel über Berlin ist grau. Es weht ein starker Wind. Die sonst bei Touristen und Kunstfans so beliebte Auguststraße ist leer. Der Biergarten in Clärchens Ballhaus ist leer. Die Gegend wirkt wie ausgestorben. Umso mehr fallen die vielen Menschen ins Auge, die sich vor dem Haus Nummer 75 am Ende der Straße versammelt haben. Drinnen, in dem größeren der beiden Räume, sind fast alle Stühle besetzt. Hundert Leute sind in die Alfred Ehrhardt Stiftung gekommen, um das Ende einer außergewöhnlichen Ausstellung zu feiern, und zwar ausschließlich mit geistiger Nahrung der höchsten Qualität.

Fünfundzwanzig Kleinodien
Die serviert ihnen Hanns Zischler, der auf Einladung von Dr. Christiane Stahl, Leiterin der Ehrhardt Stiftung, seine traumhaften Fotografien in der „Nach der Natur (camera obscura)“ betitelten Personale (5.05.–30.06.2013) endlich der Öffentlichkeit offenbart: 25 mit einer Lochbildkamera gemachte Kleinodien mit Landschaften, Blumen und Bäumen, manche wie von Wolken verschleiert, manche lichtdurchflutet, vom Wind zerzaust, dem Wind trotzend, bunte oder fast schon monochrome Strophen einer Ballade vom Vergehen und Werden, zeitlos in der fließenden Zeit. Nun sitzt der Mann, den so viele sehen und hören wollen, weil sie ihn von Film, Funk und Fernsehen kennen, hinter einem Glastisch, auf dem sich 20 von ihm geschriebene oder mitverfasste Bücher stapeln. Wie auf der Bühne, so auch im Leben, schlüpft Hanns Zischler offensichtlich mühelos in verschiedene Rollen. Er ist ein gefragter Schauspieler und Regisseur, Übersetzer, Schriftsteller, Herausgeber, Verleger und Sammler. Er hat ein unglaubliches Gespür für Dinge und Begebenheiten, die von anderen übersehen werden, weil sie zu unansehnlich, zu unbedeutend, zu gewöhnlich sind. Er verblüfft die Fachwelt mit akribisch recherchierten und verständlich geschriebenen Büchern über Franz Kafka als begeisterten Kinogänger und James Joyce als Zeitungsleser, über vergessene Naturwissenschaftler und überraschende Funde in Museen.

Dinge senden Impulse
„Sehen Sie sich selbst als Forscher oder ziehen Sie eine andere Bezeichnung vor?“, fragt Thomas Böhm, Programmleiter des Literaturfestivals Berlin, der das Gespräch mit Hanns Zischler in der Alfred Ehrhardt Stiftung moderiert. Hinter ihnen seine Wildrosenbilder, die „Windsbräute“, vor ihnen 200 Augen, die jeder Bewegung des Künstlers folgen, und 200 Ohren, die jedem seiner Worte lauschen. Es herrscht ein konzentriertes, erwartungsvolles Schweigen. Die Vorstellung aus der Reihe „Literaturhaus der Fotografie“ kann beginnen. Ja, er ist ein Forscher, antwortet der Gefragte, genauer: ein independent scholar. Als Autodidakt, der kein Studium abgeschlossen hat, ist er ein Dilettant, was ihm die Freiheit und Unabhängigkeit beschert, ohne wissenschaftliches Korsett und Vokabular das zu erforschen, darzustellen und zu beschreiben, was seine Neugierde weckt. „Dinge müssen mich ansprechen“, sagt Hanns Zischler. Denn von den Dingen geht ein Appell aus, „der mich irritiert, der mich auch schockieren kann, der etwas in mir entzündet und eine Fragestellung auslöst.“ Die seltsame Fähigkeit der Dinge ist es auch, Impulse auszusenden, „die zu Herzen gehen oder den Geist berühren. Und dann eben in einer bestimmten Form der Verwandlung nach außen dringen müssen. Forma heißt Schönheit auf Lateinisch und darum geht es. Das ist etwas, was mich beschäftigt.“ Eine kürzere Definition der Inspiration und ihrer künstlerischen Umsetzung kann es wohl nicht geben.

Die Welt vor der Haustür
Kinematografie und Philosophie, Fotografie und Ornithologie, Musikologie und Geologie, Sophistik und Urbanistik – das sind nur einige Disziplinen der Kultur und Natur, die Hanns Zischler auf seine unverkennbare Weise erforscht und in Wort, Schrift und Bild verwandelt. Er ist einer, den man in früheren Zeiten, als die Menschheit, zumindest ihr gebildeter Teil, des Griechischen und Lateinischen mächtig war, Polyhistor oder genius universalis nannte. Doch das sind Bezeichnungen, mit denen er sich vermutlich nicht anfreunden könnte. Er findet es ja sogar etwas ungeheuer, dass sich manche über seine zahlreichen Talente wundern und ihn dafür bewundern. Als neugieriger und interessierter Mensch lässt er sich gern auf scheinbar simple Dinge ein, deren Komplexität er nicht abschätzen kann. Die Kunst, wie Zischler sie versteht und betreibt, ist ein langwieriger und aufwändiger Forschungsprozess, der aus vielen kleinen Schritten und manchmal auch aus Rückschritten besteht. Nichts für Ungeduldige, die vom schnellen Erfolg träumen und um jeden Preis berühmt und reich werden wollen. Den Objekten, die seine Fantasie befeuern und ihm zu Herzen gehen, nähert er sich langsam und vorsichtig, um ihr Vertrauen zu gewinnen, auch wenn das Pflanzen, Straßen, Plätze, Häuser und ihre vergessenen Bewohnerinnen und Bewohner sind. Er ist ein Reisender durch die kleine Welt, die vor seiner Haustür beginnt. Der 1947 in Nürnberg Geborene ist seit seinem 20. Lebensjahr ein Berliner. Wenn er durch die Stadt seiner Wahl zu Fuß geht oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, ist er ein aufmerksamer Zuhörer, dem die Stadt ihre Geschichte und Geschichten erzählt. Geschichten von Zerstörungswut, Größenwahn, Vernichtung und Aufbau, von Anpassung, Auflehnung und Ausdehnung, wie sie im Buch „Berlin ist zu groß für Berlin“ stehen.

Sammlung schafft Ordnung
Hans Zischler wirkt beherrscht, aufgeräumt und hellwach: Ein Mann, der sich selbst und das, was er macht, bis ins kleinste Detail unter Kontrolle hat. Deshalb ist man ganz schön perplex, wenn er bekennt: „Ich bin ein Sammler Ein Sammler ist in sich chaotisch und bekämpft dieses innere Chaos durch die Sammlung. Das könnte man als einen dialektischen Prozess bezeichnen.“ Er sammelt Orangenpapiere, in die Zitrusfrüchte eingewickelt werden, um sie vor Quetschungen zu schützten. Seine Sammlung besteht aus 1200 Stücken, die, weil extrem dünn und luftig, nur wenig Platz in der Wohnung in Anspruch nehmen. „Die Orangenpapiere haben in sich eine Leuchtkraft und eine völlig zwecklose grafische Ausstrahlung, sodass ich meine, es ist wert und auch nicht schwer, sie aufzuheben.“ Sie sind das Werk anonymer Künstler aus Marokko, Sizilien, Spanien, Portugal; Argentinien, Ägypten und Israel. „Diese fantastischen Grafiker erfinden eine Welt, in der alles auf Orangenpapier erscheinen kann: Da kommen Bären, da kommt ein Dromedar vor, und gestern habe ich einen Dinosaurier gefunden, der einen Felsen im Mund hält. Für mich sind Orangenpapiere so etwas wie die gotischen Fenster der Moderne.“
Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 13 / 2013
Buchtipp:
Hanns Zischler, Nach der Natur. Camera Obscura, Kehrer, 2013
www.hanns-zischler.de
https://www.aestiftung.de/ausstellungen/hanns-zischler-nach-der-natur-camera-obscura/
www.alfred-ehrhardt-stiftung.de