Eine kleine Steintreppe führt zu einem großen Raum. Sein Terrakotta-Fußboden, die Säulen, Bögen, die weiß, bordeauxrot und taubenblau gestrichenen Wände, behängt mit Bildteppichen, auf denen sich Feldherren, Krieger und gekrönte Häupter samt Lakaien und Narren tummeln, muten wie die Nachbildung eines Rittersaals in einem historischen Museum an. Dieser Eindruck verstärkt sich beim Anblick des Throns, der auf einem dreistufigen Sockel steht und mit einem schmalen, sehr langen, bebilderten und beschrifteten Läufer ausgelegt ist. In seiner unmittelbaren Nähe befindet sich ein Podest mit einer Krone und einem Schwert, dessen Klinge schlapp herunterhängt. Das sind die Insignien der hegemonialen Männlichkeit, gestickt und in Mischtechnik gemalt auf Panama-Baumwolle.



Heroen, Politiker & Demagogen
Sie sind das Werk der 1986 in Australien geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Lillian Morrissey, welche mit ihrer Ausstellung unter dem Titel „The Audacity“ die Galerie Parterre in Pankow in eine Art Panoptikum der fiktiven oder realen historischen Figuren und gefeierten Persönlichkeiten der heutigen Zeit verwandelt. Das englische Substantiv „audacity“ lässt sich ins Deutsche nicht mit einem Wort übersetzen. Es bedeutet sowohl „Kühnheit“ und „Wagemut“, also Begriffe, die mit ritterlichen Tugenden assoziiert werden, als auch „Verwegenheit“, Dreistigkeit“ und „Unverfrorenheit“: Verhaltensweisen, die eine arrogante, unverschämte und menschenverachtende Attitüde an den Tag legen. Lillian Morrissey wählt die noch immer als „typisch weiblich“ verschriene Technik der Stickerei, um auf eine subversive, intelligente und persiflante Art gegen die Männlichkeit als Krone der Schöpfung zu sticheln. Auf ihren bestickten und bemalten Tableaus, einem Mix aus antiken Ornamenten, Bilderhandschriften, heraldischen Symbolen, Kreuzen, volkstümlichen Motiven, Fabelwesen, Geschöpfen, die an jene aus Cartoons und Comics erinnern, kann man Heroen der griechischen und römischen Mythologie, Gladiatoren, Wikinger, mittelalterliche Ritter, Könige, Kaiser, zeitgenössische autoritäre Politiker, Populisten und Demagogen sehen, die die Welt seit eh und je als ein immerwährendes Schlachtfeld und Passierschein zum ewigen Ruhm betrachten.






Bewaffnete Helden auf Pferden
Ihre Waffen, unabhängig davon, ob es sich um Keulen, Messer, Speere, Lanzen, Armbrüste, Hellebarden, Schwerter, Kanonen, Karabiner oder Panzer handelt, setzen die mächtigen Männer selten eigenhändig, meistens mithilfe der aus der Nähe oder Ferne kommandierten Heere ein. Sie beseitigen Rivalen, Gegner und echte oder vermeintliche Feinde, deren abgeschnittene Köpfe und verstümmelte Leichen ihren triumphalen Weg in die Geschichte säumen. Ihre popkulturellen Varianten sind Cowboys und Rambos sowie Politiker, welche sich als US-amerikanische Revolverhelden oder von der Welt missverstandene Kämpfer inszenieren und kein Opfer scheuen, um ihre imperiale Macht wiederherzustellen und auszuweiten. Das sind Helden, jene Männer auf Pferden („Men on Horses, 2024), die die offensichtlich immer mehr an Einfluss und Bedeutung verlierende Maskulinität vor dem Untergang bewahren wollen: darunter der gegenwärtige amerikanische und russische Präsident, auch wenn der eine auf einem Maultier sitzt, und der andere auf einem kleinen Dinosaurier wer weiß wohin reitet und schießt. Auch ohne diese Persiflage sind die beiden Männer, die von ihren Anhängern grenzenlos bewundert und verehrt werden, grotesk, peinlich, bestenfalls unfreiwillig komisch.

Männlichkeitskur mit Rotlichtprozedur
Lillian Morrissey führt auch vor, wie die treuesten Fans der beiden mächtigen Männer ticken: Auf dem Bild „Tucker Carlson Tanning His Balls (The End of Men, 2023) ist der einstige Fox-News-Moderator, Republikaner und einflussreicher Vertreter der Neuen Rechten, Verschwörungstheoretiker und Ufo-Gläubige zu sehen, der seine Hoden bräunt, das heißt: sie mit einer Rotlichtlampe bestrahlt, um den Testosteronspiegel zu erhöhen und dadurch der Männlichkeitskrise entgegenzuwirken. Es hat aber den Anschein, dass sich sowohl er als die beiden Ritter, die ihn beschützen, infolge dieser Prozedur die Eier samt ihr bestes Stück verbrennen und sich auf Dauer selbst entmannen. Frei nach dem Motto: „Die Männlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt Mann ohne ihr.“



Warum und wie kommt es zum Ende der Demokratie?
Um den Ruf eines geliebten Führers und Massenverführers zu erlangen, genügt es aber, sich nach den neuen zehn Geboten zu richten, die die Künstlerin in der Thron-Installation „What Way Becometh a Strong Man (in 10 easy steps) – „Der Weg zu einem starken Mann (in zehn einfachen Schritten)“ auf dem besagten Läufer (59 x 468 cm) veranschaulicht: 1. „Krisen instrumentalisieren, um sich zum einzigen Retter der Nation zu stilisieren“, 2. „Personenkult installieren“, 3. „Fake News produzieren und Spektakel der Angst organisieren“, 4. „Demokratische Normen und Institutionen attackieren“, 5. „Politik und Sicherheitskräfte militarisieren“, 6. „Patriarchat als Quelle der traditionellen Werte glorifizieren“, 7. „Korruption als Loyalitätssystem charakterisieren“, 8. „Rivalen und abweichende Meinungen eliminieren“, 9. „Geschichte umschreiben und Narrative kontrollieren“, 10. „Expansionismus und größenwahnsinnige Projekte goutieren.“ Das ist der kurze Weg eines starken Mannes, auf dem die demokratische Gesellschaft zuerst gespaltet, dann die Demokratie ausgehöhlt und letztendlich ihr Tod herbeigeführt wird.

Scharlatane, Fanatiker & Esoteriker
In der Ausstellung „The The Audacity“ mit über 20 Arbeiten aus den Jahren 2022–2025, die in beiden Räumen der Galerie Parterre präsentiert werden, dürfen zwielichtige Gestalten aus Lillian Morrisseys Wahlheimat auch nicht fehlen. Ihnen widmet die Künstlerin das Tableau „Coronation Ceremony“ (2024): Es zeigt die Inthronisierung von Peter Fitzek, eines ausgebildeten Kochs, der 2012 auf dem Gelände eines ehemaligen Krankenhauses am Rande der Lutherstadt Wittenberg das „Königreich Deutschland“ gründete und sich von 600 Anhängern als „Oberster Souverän“ einsetzen ließ. Vielleicht ist das eine Paraphrase von Lenins Worten, die er vor mehr als 100 Jahren schrieb: „Der Staat muss so einfach sein, dass ein Koch ihn führen könne.“ Doch mit Wladimir Iljitschs ist leider noch immer in manchen politischen Kreisen ein Staat zu machen. Wie dem auch sei: Die Welt mitsamt ihren alten und neuen Protagonisten aus den ersten und den hinteren Reihen ist unberechenbar geworden. Obskure rückwärtsgewandte Sekten und Scharlatane haben großen Zulauf. Maniker, Fanatiker aller Couleur, braune und rechtsextreme Esoteriker stehen hoch im Kurs als Heilsbringer. Und wie sie alle heißen, propagieren und verbreiten sie völkische, pseudo-egalitäre, scheinbar revolutionäre, auch extrem linke Ideologien und haarsträubende Verschwörungstheorien mithilfe der modernen Kommunikationsmittel global und in Echtzeit.

Garn, Baumwolle & Tuftling-Pistole
Lillian Morrissay, die zuerst Internationale Politik an der University of Sydney und dann Malerei an der National Art School in Darlinghurst studierte, erschafft mit Garn, Nadeln, Baumwolle und einer elektrischen Tuftling-Pistole ein imposantes Werk, in der sich unsere wieder mal aus den Fugen geratene Zeit spiegelt, und bevölkert sie mit Charakteren, die der Popkultur entspringen und deshalb auch von einem kunstfremden Publikum nachvollzogen werden können.






Gebaren der heutigen Barbaren
„Die Zivilisation ist ein dünner Firnis, unter dem die Barbarei brodelt“, schrieb 2014 der Zürcher Soziologieprofessor und Medienwissenschaftler Kurt Imhoff. Der unaufhaltsame Aufstieg und die Gebaren der heutigen Barbaren, von vielen Menschen weltweit mit Applaus, Resignation, Desinteresse oder Gleichgültigkeit hingenommen, ziehen sich wie ein roter Faden durch Morrisseys Bildteppiche. Die Künstlerin appelliert auf diese Art an ihr Publikum, die Augen vor der Wirklichkeit und den Machtversessenen nicht zu verschließen. Anderenfalls kann Barbarei in einer nicht so fernen Zukunft die neue Zivilisation sein: Um das zu verhindern, muss den „Starken Männern“ beim elften Schritt einfach ein Bein gestellt werden.
Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
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The Audacity
29.08.–19.10.2025
Galerie Parterre >>>
Danziger Straße 101 (Haus 103)
10405 Berlin
Öffnungszeiten
Di–So 13–21 Uhr
Do 10–22 Uhr
Eintritt frei
Kein barrierefreier Zugang
Die Ausstellung „Lillian Morrissey. The Audacity“ begleitet ein von Björn Brolewski und Laila-Marie Busse für das Bezirksamt Pankow von Berlin herausgegebener Katalog (ISBN: 978-3-943244-71-7), der optisch und inhaltlich sehr gelungen ist. Die Publikation, die in der Galerie Parterre zum Preis von 12 EUR erworben werden kann, enthält alle Abbildungen der präsentierten Werke und zahlreiche Hintergrundinformationen zur Arbeitsweise, den Themen und Motiven der Bildteppiche und sonstigen Inspirationsquellen der Künstlerin.