„Liminals“ von Pierre Huyghe: Das Martyrium der Magma Mater
„Liminals“ von Pierre Huyghe: Das Martyrium der Magma Mater

„Liminals“ von Pierre Huyghe: Das Martyrium der Magma Mater

Obwohl die Pressekonferenz am Donnerstag, den 22. Januar, ungewöhnlich früh, denn um 9 Uhr beginnt, der Weg dahin mit einer dicken glatten Eisdecke gepflastert ist und die Temperatur bei minus zehn Grad liegt, strömen lokale und internationale Medienschaffende in den kleinen Empfangsraum am Eingang in die Megahalle am Berghain. Sie wollen der Geburt eines „modernen Mythos“ namens „Liminals“ aus Pierre Huyghes nun auch in Ostberlin weltberühmter Meisterhand beiwohnen und nehmen deshalb jedes Opfer in Kauf. Zur Stärkung werden ihnen von der LAS Art Foundation, Auftragsgeberin des Werks, Croissants auf weißen Papptellern und Kaffee in weißen Pappbechern serviert. Die Medien sind hungrig und durstig, die Schlangen zur Speisung sind lang. Der 1962 in Paris geborene Maestro mit Domizil in Santiago de Chile ist nicht da, sein Konterfei schaut den Anwesenden von einem Informationsblatt ernst, nachhaltig und direkt in die Augen. Alle sprechen Englisch untereinander, auch die Hiesigen und die aus anderen deutschen Landen in die Hauptstadt und Kulturmetropole Zugezogenen. Jene, die kein Englisch können, schweigen, was nicht auffällt, denn in der Geräuschkulisse versinkt jedes noch so kluge Wort – in welcher Sprache auch immer. Die karge Beleuchtung lässt die schlichte Betonkammer wie einen Bunker erscheinen. Etwas Gespenstisch, Unheimlich, Unwirklich und Erdrückend wirkt das Ganze: Kein schlechter Auftakt zu „Liminals“.

Pressekonferenz, „Liminals“ von Pierre Huyghe, Halle am Berghain, 22.01.2026. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Pressekonferenz, „Liminals“ von Pierre Huyghe, Halle am Berghain, 22.01.2026. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Tanzende Materie & frierende Medien

Das Auftragswerk von Pierre Huyghe für die LAS Art Foundation ist ein 55-minütiger Film, der in einer Endlosschleife in der Halle am Berghain läuft. Sie liegt im nördlichen Teil des ehemaligen, in den 1950er Jahren gebauten Betonheizkraftwerks und war früher sein Kesselhaus. Ihre Innenraumhöhe beträgt stolze 21 Meter; sie hat markante Schüttkegel und zwei Geschosse, die über drei Lufträume miteinander verbunden sind. Noch nicht so berühmt und nicht so profan wie der im südlichen Teil des Gebäudes untergebrachte Club Berghain, wirkt sie durch ihre asketische Betonarchitektur, spartanische Einrichtung und umwerfende Monumentalität wie ein Sakralbau, wie eine Art romanische Kathedrale. Die zur Halle führende Treppe ist spärlich beleuchtet; in der Halle herrscht totale Dunkelheit. Die Medienscharen nutzen ihre Mobiles als Taschenlampen, um nicht zu stolpern und einen Platz auf den fast unsichtbaren Bänken zu ergattern; mache setzen sich auf den Betonboden oder lehnen sich an die Säulen an. Überwältigung, Verunsicherung, Desorientierung und Unbehagen wechseln sich ab. Alle Augen sind auf eine 9 x 9 Meter große Leinwand gerichtet, auf der sich – wie auf einem fließenden Altar – eine genreübergreifende und raumgreifende Installation aus Film, Licht und Sound gravitätisch und stellenweise dank der unterschiedlichen Grautöne sehr ästhetisch entwickelt. Wären da nicht die Vibrationen, die die von der Kunst geheiligte Halle und die darin ausharrenden Körper zum Schwingen bringen, könnten die Medien womöglich im Schlaf versinken. Ihre Aufmerksamkeit ist auch durch die Kälte beeinträchtigt, die sich mit warmen Gefühlen leider nicht beheizen lässt. Die Mühen des nackten Lebewesens, das in der Medieninformation als eine „gesichtslose, menschenähnliche Gestalt, die verschiedene Zustände durchläuft“ dargestellt wird, lese ich, Handy sei Dank, mit Staunen. Was ich sehe, ist eine waschechte Frau, die anstelle des Gesichts ein schwarzes Loch hat und die stolpert, kriecht, robbt und torkelt in einem Geschehen, das, laut Huyghe, „außerhalb von Zeit und Raum angesiedelt (ist), wo es keinen Anfang und kein Ende gibt, kein Innen und Außen, nur einen unaufhörlichen Tanz der Materie, in dem jeder Moment ein Vielleicht ist. Wir erleben die Versuche der Figur, zu existieren und sich einem einzelnen Zustand von Realität oder Bewusstsein zu entziehen. Dabei beginnen sich die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt sowie zwischen lebender und unbelebter Materie aufzulösen.“

Märtyrerin wider Willen

Während der mit Preisen, Lob und der Teilnahme an wichtigen internationalen Kunstevents gesegnete Pierre Huyghe als Schöpfer des „modernen Mythos“ seiner Protagonistin – aus welchem Grund auch immer – das Gesicht vorenthält, gleitet die Kamera immer wieder über ihre unbeschreiblich weiblichen Brüste, Beine, über ihren Rücken, Hintern und Hände, welche krampfhaft versuchen, die einer Lavawüste ähnliche Gegend zu ertasten und sich durch sie zu winden. Die hüllenlose Dame ohne Gesicht wirkt mal wie eine Märtyrerin wider Willen, mal wie eine masochistische Magma Mater, die sich im Geröll ohne Sinn und Verstand quält. Manchmal mutet der Streifen wie ein Stummfilm an, dann tauchen wie aus dem Nichts plötzlich Geräusche auf, die immer lauter und dramatischer werden und in Vibrationen übergehen. Am besten lässt sich Huyghes Installation mit geschlossenen Augen anhören, denn sie verwandelt die Halle am Berghain und alle dort Anwesenden in einen riesigen Klagkörper, in eine Gemeinschaft, die zufällig zusammengekommen ist. Nicht übel sind auch die Farben: Das fast ganz in Grisaille und ihren verschiedenen Schattierungen und Töten gehaltene cineastische Werk erinnert ein bisschen an den dystopischen Film „Stalker“ von Andrei Tarkowski: mit dem Unterschied, dass es in „Liminals“ zwar eine ähnliche Farbigkeit und Stimmung, aber nur eine Protagonistin und keine Handlung gibt. Unbestritten ist Huyghes langatmige und recht langweilige Auftragsarbeit ein Meisterwerk der Technik, das Ergebnis seiner Zusammenarbeit mit dem Quantenphysiker Tommaso Calarco, den Wissenschaftlern des Forschungszentrums Jülich und dem Philosophen Tobias Rees: Simulationen eines 100-Qubit-Quantencomputers von Pasqal flossen in das Sounddesign ein und erzeugen eine akustische Struktur, die ebenso vage ist wie die Bilder selbst. Für bestimmte Szenen nutzten die weisen Männer ein auf Quantenrauschen basierendes Modell. Doch das ist für mich als Zuschauerin und Hörerin des Films nicht von Bedeutung. Ich kann gern auf ein solches Wissen verzichten, wenn ich aus Neugierde und dem Warten darauf, dass doch noch etwas Aufregendes geschieht, in einem trotz modernster Technik auf der Leinwand kalten, weil unbeheizten Vorführungsraum fast eine Stunde verbringe: Selbst schuld!

Pierre Huyghe, Liminals, Filmstill, Ausstellung in der Halle am Berghain, 22.01.–08.03.2026. Foto: Urszula Usakowska-Wolff
Pierre Huyghe, Liminals, Filmstill, Ausstellung in der Halle am Berghain, 22.01.–08.03.2026. Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Dazwischensein in der Halle am Berghain

„Liminals (abgeleitet vom lateinischen limen = Schwelle) bezeichnet Orte oder Zustände des Übergangs, des Dazwischenseins. Es beschreibt Schwellenzustände, in denen man nicht mehr im alten, aber noch nicht im neuen Zustand ist – ein Schwebezustand, der oft Unbehagen, Unsicherheit, aber auch Faszination auslöst“, erklärt die freundliche KI im Google. Die Installation „Liminals“ von Pierre Huyghe, seine erste institutionelle Schau in Berlin, ist überwältigend und erdrückend und kann ihre Wirkung nur einem so riesigen Raum wie die Halle am Berghain entfalten. Angesichts dieser Größe sollen die Menschen sich klein fühlen, wie in allen Kathedralen. Sie richten ihren Blick in die Höhe, um das sich in die Länge ziehende Geschehen zu sehen. Und sie merken, dass aus der „immersiven“ Landschaft Dampf aufsteigt. Ein Dampf, das in Wirklichkeit in den Kessel geht. Wie gut, dass das Kesselhaus des einstigen Heizkraftwerks Friedrichhain heute lediglich eine beeindruckende Event-Lokation ist.

Schüttkegel unter der Decke der Halle am Berghain. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Schüttkegel unter der Decke der Halle am Berghain. Foto © Urszula Usakowska-Wolff