Olga Moş: Landschaften, die wie von selbst entstehen
Olga Moş: Landschaften, die wie von selbst entstehen

Olga Moş: Landschaften, die wie von selbst entstehen

Die Landschaft ist ihre Leidenschaft: Olga Moş nimmt sie in sich auf, verarbeitet sie mental und emotional so lange, bis sie das Gesehene und Erlebte in ein Bild transformieren kann. Ihre harmonischen und zugleich dynamischen Gemälde sind keine Abbilder der Natur. Sie drücken vielmehr ihre Emotionen, Erlebnisse, Erinnerungen, Fantasien und Träume aus. Sie muten wie eine Brücke an, die Olgas innere Welt mit der Außenwelt verbindet. Bei der Fertigung ihrer Gemälde lässt sie der Vorstellungskraft und dem Zufall freien Lauf. Die Malerei ist für sie eine Reise, bestimmt durch Bewegung, Veränderung, Umwandlung und Verwandlung – das heißt: durch Erfahrung.

Olga Moş im Kunstraum Gisela, 06.06.2025. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Olga Moş im Kunstraum Gisela, 06.06.2025. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Harmonisch, dynamisch & meditativ

Olga Moş ist eine Künstlerin, der es gelingt, dem altehrwürdigen Genre der Landschaftsmalerei neuen Glanz und Ausdruck zu verleihen. Ihre harmonischen, energiegeladenen und zugleich meditativen pastellfarbenen Bilder mit vielen weißen Flächen scheinen sich von den Wänden zu lösen und in der Luft zu schweben. Ihre Ausstellungen gleichen In-situ-Installationen, in denen sie Architektur, Interieurs, den Genius Loci und das Publikum miteinbezieht. Die Betrachtenden gehen an ihren horizontalen Gemälden entlang und haben den Eindruck, sie sowohl aus der Vogelperspektive als auch durch die Front- oder Seitenscheibe eines Fahrzeugs zu sehen. Ihre Schatten verschaffen den Landschaften eine verblüffende Plastizität und Dynamik. Die farbigen Flecken, Tupfer und Linien verwandeln sich beim Besichtigen Step by Step in Reliefs.

Olga Moş, Return Journey II, 100 x 304 x 4 cm, Ausstellung „Wie von selbst“, Kulturhaus Centre Bagatelle. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Olga Moş, Return Journey II, 100 x 304 x 4 cm, Ausstellung „Wie von selbst“, Kulturhaus Centre Bagatelle. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Spuren, Übergänge & Linien

„Mit der Bewegung tauchen Erinnerungen auf“, schreibt Olga in ihrem Poem „Wie von selbst“, dessen Titel ihre jetzige Ausstellung im Centre Bagatelle trägt. „Nicht als Bilder, sondern als Spuren, Richtungen, Farbe, Übergänge. Landschaft stellt sich nicht dar, sie ereignet sich wie von selbst – in der Bewegung, in der Farbe, in der Fläche.“ Die Künstlerin malt keine konkreten Orte, keine wirklichen Landschaften, sondern Eindrücke, die sie in ihrem Gedächtnis speichert und sie dann auf Leinwand oder andere Bildträger intuitiv überträgt. Da sie auch eine leidenschaftliche Zeichnerin ist, spielen für sie Linien eine große Rolle: mal umranden sie weich kantige oder ovale Figuren, mal verbinden sie die Elemente, mal driften sie auseinander, als ob sie der Bildfläche entfliehen und den Raum erobern wollten.

Olga Moş, Strömungen, 2025, 120 x 150 cm, Ausstellung „Wie von selbst“, Kulturhaus Centre Bagatelle. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Olga Moş, Strömungen, 2025, 120 x 150 cm, Ausstellung „Wie von selbst“, Kulturhaus Centre Bagatelle. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Malerin, Kunstpädagogin & Sozialarbeiterin

Seit ihrer Kindheit ist Olgas Leben durch häufigen Ortswechsel und die Erkundung neuer Räume geprägt: Die 1986 in der rumänischen Industriestadt Reșița im Banater Gebirge Geborene wanderte 1990 mit ihren Eltern nach Deutschland aus. Zuerst wohnte sie in Obergriesbach, einem kleinen Dorf in Schwaben. 2010 machte sie ihr Abitur in Augsburg, studierte dann Erziehungswissenschaft und Kunstpädagogik mit Schwerpunkt Landschaftsmalerei an der Universität Augsburg, von 2017 bis 2018 nahm sie am Gaststudium „Künstlerisches Arbeiten im Kontext gesellschaftlicher Entwicklung“ an der Universität der Künste Berlin, 2023 am Masterstudium „Malerei und Zeichnung“ in der Klasse von Jorinde Voigt an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg teil. Sie wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien bedacht. Seit 2016 stellt sie ihre Bilder in Personalen und Gruppenschauen in und außerhalb von Deutschland aus. Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist sie seit über zehn Jahren als Kunstpädagogin und Sozialarbeiterin unter anderem in der Geflüchteten-, Kinder- und Jugendhilfe in Berlin, Augsburg, Hamburg und Bukarest tätig. Ihre mannigfaltigen sozialen Aktivitäten sind kein Zufall: Es ist Olga Moş bewusste Entscheidung, denn sie trägt dazu bei, dass sie als Malerin den Bezug zur Wirklichkeit nicht verliert und sich nicht darauf beschränkt, im Elfenbeinturm eine Kunst um der Kunst willen zu schaffen. So lernt sie das Leben in allen seinen Facetten kennen: als eine Landschaft mit Höhen und Tiefen, Licht- und Schattenseiten, Freud und Leid, Dynamik und Stillstand, der auch eine Art der Bewegung ist.

Olga Moş, Zwei Körper, eine Spur, 2025, 100 x 148 cm, Ausstellung „Wie von selbst“, Kulturhaus Centre Bagatelle. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Olga Moş, Zwei Körper, eine Spur, 2025, 100 x 148 cm, Ausstellung „Wie von selbst“, Kulturhaus Centre Bagatelle. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Performativ, körperlich & intuitiv

Olga Moş entwickelt ihre Landschaftsbilder in einem langwierigen Prozess, an dessen Anfang die Wahl des Formats, der Farbe, der Bewegungsart und des Materials, also der Bildträger und der Malutensilien steht. Der Malvorgang ist ein performativer, körperlicher, spontaner und intuitiver Akt, der an die Action Painting erinnert. Die Künstlerin benutzt keine Skizzen oder Entwürfe, sie verzichtet bewusst auf Staffeleien. Die auf dem Boden liegenden weißen Leinwände oder Segeltuchbahnen begießt sie mit Farben, die stark mit Wasser verdünnt werden und durch die sich Linien schlängeln. Fast ohne ihr Zutun entstehen somit temporäre, fantastische Landschaftsgebilde, die in der ersten Phase das Werk der dinglichen Welt sind und die durch minimale Interventionen der Künstlerin, das heißt: durch ihre Bewegung und Gestik, Geräusche des auf die Bildträger gegossenen Wassers und der Pinselstriche zustande kommen. Nach dem Trocknen übernimmt dann Olga Moş die Kontrolle und bringt sie in die von ihr angestrebte Form. Sie transformiert die wie von selbst entstehenden Malereien so, dass sich darin ihr Selbst, ihre bewussten und unbewussten Fantasien, Spuren ihrer Erinnerungen, Träume und ihre Umgebung spiegeln.

Ruhig, gelassen & entspannt

Vor den Performances, die ein Teil ihrer Ausstellungen sind, bittet sie das Publikum, auf Zetteln seine Wünsche hinsichtlich des entstehenden Bildes aufzuschreiben und lässt sie in den Arbeitsprozess einfließen. Da Olga Aikidō trainiert, wirken ihre performativen Aktionen wie Meditation in Bewegung. Die Gestik der Künstlerin ist weder hektisch noch ausufernd. Im Gegenteil: Sie strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, schafft eine entspannte Atmosphäre, die sich auf die Betrachtenden und dann auf die fertigen Werke überträgt. Sie sind ausgewogen und voller positiver Energie, von der man sich gern anstecken lässt. Wenn sie in Zukunft von einer Soundinstallation begleitet werden, entsteht eine einzigartige Bild- und Klanglandschaft.

Grenzenlose Schönheit der Natur

Die Beschäftigung mit den Landschaften, an denen die Künstlerin auf ihrer Reise durch die große und kleine Welt vorbeizieht, ist keine Flucht vor der Realität. Es ist ein Versuch, die grenzenlose Schönheit der Natur darzustellen, bevor sie von den Menschen noch mehr oder unwiderruflich zerstört wird. Olgas Landschaften sind keine Mahnung. Sie regen dazu an, über die uns umgebende zerbrechliche Schönheit nachzudenken, sie zu verinnerlichen und darauf zu achten, dass sie möglich intakt bleibt. Und in den heutigen ziemlich hässlichen Zeiten die Ästhetik in den Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit zu stellen bedeutet: gegen den Zeitgeist schwimmen und Haltung zeigen.

Opulent, leicht & beschwingt

Olga Moş bleibt sich treu: Heute wie früher in ihren pastosen reliefartigen Arbeiten lotet sie Bildgrenzen und Zusammenhänge zwischen Bildraum und Raum, Dynamik und Statik, Natur und Kultur, Innen und Außen, Geräuschkulisse und Stille aus. Ihre groß- und kleinformatigen Bilder, eine Art Topografien oder Gedächtniskarten, in denen häufig erotische Symbole auftauchen, wirken zugleich opulent, leicht und beschwingt. Sie lässt die Farben über den Bildrand fließen, wodurch sie ihren Gemälden skulpturale Eigenschaften verleiht, sodass sie wie bunte, lebensbejahende Environments aussehen. Olgas abstrakt-figürliche, biomorphe, ornamentale und expressive Malerei folgt einem stringenten Konzept. Sie untersucht die Wechselwirkung zwischen Form, Farbe und Raum und offenbart, dass Objekte in unterschiedlichen Umgebungen und Positionen ihr Erscheinungsbild radikal verändern können.

Olga Moş, 2024, Blick in die Ausstellung „Wie von selbst“, Kulturhaus Centre Bagatelle. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Olga Moş, 2024, Blick in die Ausstellung „Wie von selbst“, Kulturhaus Centre Bagatelle. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Herkunft, Bewegung & Transformation

„An zwei Orten, beide am Waldrand, Hunderte Kilometer voneinander entfernt, wache ich auf“, schreibt Olga in ihrem Artist Statement. „Im Auto bewege ich mich über drei Grenzen. Wolken schlängeln sich um hohe Berge, schmiegen sich an. Boden, Licht und Bäume wandeln sich. Staunend beobachte ich aus dem Autofenster die vorbeifließende Landschaft. Der Boden wird zum riesigen Spielfeld. Der Horizont bleibt eine langgezogene Linie, die ich nicht greifen kann. […] Herkunft und Identität sind für mich etwas Weites und Fließendes, sich ständig Veränderndes. Malen und Zeichnen ist Bewegung und Transformation. Ich suche danach, harte Grenzen weich und fließend werden zu lassen.“

Olga Moş ist eine visuelle Poetin, ihre Kunst lässt an Écriture automatique denken. Das Eintauchen in das Universum dieser Malerin und ihre eigene Bildsprache führt zur Erkenntnis: Alles ist im Fluss und kann weder dargestellt, noch geplant oder erzwungen werden, weil es sich vor unseren Augen und in unserem Inneren stets ereignet. Deshalb muss es jedes Mal neu gestaltet und gezeigt werden. Olga tut das – und staunt darüber immer wieder wie ein neugieriges Kind.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Olga Moş vor ihrem Bild mit Urszula Usakowska-Wolff, OKK, Kolonie Wedding, 29.11.2024. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Olga Moş vor ihrem Bild mit Urszula Usakowska-Wolff, OKK, Kolonie Wedding, 29.11.2024. Foto © Urszula Usakowska-Wolff