Vor 15 Jahren hat sich der lyrisch-dramatische Tenor Rolando Villazón als Opernregisseur neu erfunden. Nach Puccinis „La rondine“ (2015) und der Operette „Fledermaus“ von Johann Strauß (Sohn), 2018, ist Rossinis „L’Italiana in Algeri“ seine dritte Regiearbeit an der Deutschen Oper Berlin.

„L’Italiana in Algeri“ von Gioacchino Rossini
Im Zentrum des am 22. Mai 1813 im Teatro San Benedetto in Venedig uraufgeführtem dramma giocoso per musica, das den damals 21-jährigen Gioacchino Rossini schlagartig zu einem der bekanntesten italienischen Komponisten machte, steht die selbstbewusste Isabella, die nach Algier reist, um ihren Geliebten Lindoro zu befreien. Dort trifft sie auf Mustafà, den Bey und Herrscher des Seraglio, der seine Frau Elvira loswerden möchte und sich in Isabella verliebt. Mit Klugheit und Charme gelingt es Isabella, die Situation zu ihren Gunsten zu wenden. Die Oper verbindet exotisches Kolorit mit satirischen Elementen und spiegelt zugleich die Faszination des frühen 19. Jahrhunderts für fremde Kulturen wider.

„L’Italiana in Algeri“ von Rolando Villazón
Die Premiere der „Italienerin in Algier“ an der Deutschen Oper Berlin aus der Hand von Rolando Villazón fand am 8. März 2026, pünktlich zum Internationalen Frauentag, im vollbesetzten Haus statt. Es war ein riesiger Publikumserfolg und ein Megaspektakel, begleitet von Lachsalven und überschwänglichem Beifall, mit viel Action, Klamauk, Gags und gaga, eine Slapstick-Komödie, die alle, welche ihr beiwohnten, in eine Bombenstimmung bringen sollte. Um Rossinis Oper dem heutigen Zeitgeist anzupassen, griff Villazón ins Libretto ein und versetzte die Handlung an einen nicht näher benannten Ort in Lateinamerika, wo es zwei Lucha-Libre-Studios gibt. Lucha Libre ist mexikanisches Wrestling. „Es kommt aus dem Volk und wurde geprägt von Handwerkern, die am Wochenende in andere Rollen schlüpfen und sich verwandeln: Sie setzen sich Masken auf, lassen ihre Haare ungekämmt, zwängen sich in Kostüme. Die Lucha Libre ist tief in der mexikanischen Kultur verwurzelt, sie ist bunt, symbolisch, theatralisch“, erklärt das Programmheft. „Lucha Libre ist Theater, Körper, Geste, kollektive Emotion. Genau wie die Oper. In beiden Disziplinen ist Körperbewusstsein entscheidend. Und in beiden Künsten gibt es echte Risiken. Außerdem teilen die Oper und die Lucha Libre den Humor, die Theatralik, die Übertreibung. Etwas, das eigentlich lächerlich wirkt, wird vom Publikum gefeiert.“

Big Gym contra small Gym
In der Neuinszenierung von Rossinis Opera buffa geht es um den Kampf des kleinen Studios Avenida Italias Gym, das von Isabella geleitet wird, mit dem übermächtigen El Seraglio Gym, dessen Boss der ehemalige Wrestler El Bey ist. Rolando Villazón betont vor allem den spielerischen Charakter des Werks und setzt auf Tempo, Situationswitz und überzeichnete Figuren. Dadurch wird die von Verwechslungen, Intrigen und Liebesabenteuern geprägte Handlung, besonders lebendig und zugänglich für das Publikum. Die Wrestling-Motive gehören zu den auffälligsten, aber auch ambivalentesten Einfällen des Abends. Auf den ersten Blick wirken sie wie eine konsequente Zuspitzung der ohnehin stark von Konkurrenz und Machtspielen geprägten Handlung: Beziehungen werden als Ringkämpfe inszeniert, Figuren treten gegeneinander an, Allianzen lösen sich auf wie in einer Show.

Zwei waschechte Wrestler
Das ist nicht ohne, denn letztendlich geht es in „L’italiana in Algeri“ immer wieder um Dominanz, Kontrolle und das geschickte Hintergehen und Ausmanövrieren des Widerparts. Doch die Umsetzung bleibt letztlich eher plakativ. Auf der Drehbühne, die ununterbrochen zum Einsatz kommt, steht ein Wrestling-Ring, auf dem unter anderem zwei waschechte Wrestler – Pascal Spalter und El Comandante Rambo – agierten. Über der Kampfarena thront die Büste eines furchterregenden, maskierten Muskelprotzen. Die Wrestling-Ästhetik, welche durch überzeichneten Gesten, klare Rollenbildern und dem Hang zur Spektakelhaftigkeit für Aufsehen und Heiterkeit sorgt, verstärkt zwar den komischen Effekt, ersetzt jedoch oft eine fundierte Figurenzeichnung. Wo ein ironischer Kommentar auf Geschlechterkampf oder Machtinszenierung möglich wäre, bleibt es bei einem visuell eingängigen, aber schnell verpuffendem Gag. Das Regiekonzept gewinnt dadurch an Wiedererkennungswert, verliert jedoch an Aussagekraft.

Technische Brillanz & starke Bühnenpräsenz
Was angenehm auffällt, ist die musikalische Darbietung. Die Sängerinnen und Sänger bewegen sich souverän auf dem stilistisch diffizilen Terrain des Belcanto. Gerade die Partie der Isabella verlangt nicht nur technische Brillanz, sondern auch starke Bühnenpräsenz. Beides wird von Nadezhda Karyazina überzeugend dargestellt. Ihr Mezzosopran verbindet technische Präzision mit einem angenehmen Timbre. Die Koloraturen sitzen sicher, ohne in bloße Virtuosität zu kippen, und gerade in den großen Arien gelingt es ihr, musikalische Linien zu formen, die über den Moment hinausweisen. Man spürt hier ein Verständnis für Rossinis lange Bögen, für das kontrollierte Spiel mit Spannung und Entspannung. Viel Lob verdienen auch Hye-Young Moon mit ihrem strahlenden Sopran als die abservierte Ehefrau Elvira und Arianna Manganello mit ihrem gleichermaßen profunden und sicheren Mezzosopran in der Partie deren Vertrauten Zulma.

Präzise Stimmen, vereinfachte Regie
Auch Lindoro, oft eine undankbare Partie zwischen Lover-Klischee und vokaler Akrobatik, wird differenziert gestaltet. Der Tenor Jonah Hoskins vermeidet es, sich im bloßen Glanz der Höhe zu erschöpfen, und setzt stattdessen auf Flexibilität und stilistische Eleganz. Seine Phrasierung bleibt beweglich, fast kammermusikalisch fein: ein wohltuender Kontrast zur bisweilen grobschlächtigen Komik der Szenen. Und der Bariton Tommaso Barea als Mustafà überzeugt durch klangliche- und Bühnenpräsenz sowie durch eine klare Artikulation, wodurch er es vermeidet, wie eine Karikatur zu wirken. Gerade darin entsteht eine Spannung zur Regie, die ihn stärker ins Lächerliche zieht, als es die Stimme eigentlich nahelegt. In Ensembles zeigen sich die größten Stärken des Abends: Die Stimmen greifen präzise ineinander, rhythmische Pointen sitzen, und die Balance bleibt auch in den rasanten Finali beibehalten. Besonders bemerkenswert ist, wie sie sich gegen die szenische Reizüberflutung behaupten und eigene Akzente setzen, während die Regie zur Vereinfachung neigt.

Alessandro De Marchis Glanzleistung
Am Pult sorgt Alessandro De Marchi für eine musikalische Lesart, die dem Werk mehr Tiefe verleiht, als es die Bühne oft zulässt. Seine Interpretation betont nicht nur den rhythmischen Witz von Gioachino Rossini, sondern auch die feinen dynamischen Abstufungen und die strukturelle Raffinesse der Partitur. Tempi sind lebendig, aber nie gehetzt; die Balance zwischen Orchester und Bühne bleibt sensibel austariert. Gerade in den Finali zeigt sich, wie präzise die musikalische Tension aufgebaut wird. Während die Handlung zur Überfülle neigt, besticht De Marchis Dirigat durch Klarheit.

Spaß ohne Ende
Das große Finale der Neuinszenierung von Rossinis Oper war die anschließende Premierenfeier. Die beiden waschechten Wrestler schnappten sich Rolando Villazón und hievten ihn hoch. Von Anfang bis zum Ende ein Spaß ohne Ende. Um das zu sehen, lohnte es sich, in seine Inszenierung von „L’italiana in Algeri“ zu gehen. Und es aufs Bild zu bannen: für alle, die das spaßige Werk nicht genießen konnten.
Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
L’Italiana in Algeri
Gioachino Rossini [1792 – 1868]
Premiere: 8. März 2026
Deutsche Oper Berlin >>>
YouTube, Gioacchino Rossini: L’ITALIANA IN ALGERI (Official trailer)