Tadeusz Rolke: Großmeister der polnischen Fotoreportage
Tadeusz Rolke: Großmeister der polnischen Fotoreportage

Tadeusz Rolke: Großmeister der polnischen Fotoreportage

Der am 14. Juli 2025 in seiner Heimatstadt Warschau verstorbene Tadeusz Rolke war einer der bekanntesten polnischen Fotografen. Ende 2019 zeigte das Polnische Institut Berlin sein neuestes Erinnerungsprojekt „Hin und zurück“ sowie frühere Schwarzweißfotografien, die nicht nur in Polen zu Ikonen wurden.

Tadeusz Rolke im Polnischen Institut Berlin, 5.11.2019. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Tadeusz Rolke im Polnischen Institut Berlin, 5.11.2019. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ein Hauch von Melancholie

Grasbewachsene Schienen, verrostete Tore, verfallende Hallen, schüttere Wälder und schilfige Ufer, Felder, graue Dorf- und Stadthäuser, in den Himmel ragende Türme einer Backsteinkirche, ein Schloss, das auf einem Hügel thront, Löwenzahn, der aus einer Mauerritze sprießt: Ein Hauch von Melancholie durchdringt die fast menschenleeren und auf den ersten Blick ortlosen Landschaftsbilder der letzten Werkgruppe unter dem Titel Tam i z powrotem / Hin und zurück von Tadeusz Rolke. Mit lakonischen Unterschriften versehen, dokumentieren sie einzelne Stationen einer Reise des am 24. Mai. 1929 in Warschau geborenen Fotografen zu den Orten, wo er in der Vergangenheit viel Leid erfahren hat. Er war 15 Jahre alt, als der Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer begann, an dem er sich als Mitglied der konspirativen Pfadfinderorganisation Szare Szeregi (Graue Reihen) beteiligte. Nach dessen Niederschlagung wurde er Anfang September 1944 zuerst ins Durchgangslager 121 Pruszków und von dort zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich deportiert.

Tadeusz Rolke, Blick in die Ausstellung „Hin und zurück“, Polnisches Institut Belrin, 2019. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Tadeusz Rolke, Blick in die Ausstellung „Hin und zurück“, Polnisches Institut Belrin, 2019. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Eine 75 Jahre verspätete Dokumentation

In Hin und zurück begab sich Tadeusz Rolke, Großmeister der polnischen Fotoreportage, Straßen-, Mode- und Porträtfotografie, auf ein neues Terrain, denn Dokumentarfotografie gehörte nur selten in sein Repertoire. „Die Grenzen zwischen dem Dokumentarischen und Künstlerischem sind ziemlich fließend“, sagte der Fotograf. „Manche Dokumente gelten als Kunst, andere, scheinbar bessere, werden in eine andere Schublade gesteckt. Mir war es immer wichtig, Themen aufzugreifen, die mir am Herzen liegen. Deshalb ist Hin und zurück für mich etwas Besonderes: Eine 75 Jahre verspätete Dokumentation. Das Wort Dokument passt hier nicht ganz, deshalb bitte ich mein Publikum, die Fotos und Texte als eine Einheit zu sehen und zu lesen. Ein Haus, einen Wald oder eine Baracke zu betrachten, das sagt nicht viel aus, aber anhand der Texte kann man einen Eindruck bekommen, was mit einem 15-jährigen Jungen nach dem Warschauer Aufstand geschah. Ich bin einer der 650 000 Einwohner, die 1944 aus Warschau vertrieben und nach Deutschland verschleppt wurden.“

Fotografierte Biografie

Es war eine unfreiwillige Odyssee, auf die der schmächtige und mit körperlicher Arbeit nicht vertraute Junge geschickt wurde. Sie begann in Pruszków und führte über Luckenwalde, Dobbrikow in Brandenburg nach Berlin, und von dort kreuz und quer durch Nazideutschland nach Danzig, wo er das Kriegsende erlebte. Die sechsmonatige und sich über 2200 Kilometer erstreckende Reise wiederholte der 90-jährige Künstler im Frühling 2019. Diesmal fuhr er mit einem Auto und bewältigte die lange Strecke in zehn Tagen. Die Idee, diesen Weg noch einmal zurückzulegen, seine eigene kleine Geschichte als Teil der verhängnisvollen großen Geschichte zu erzählen, hat Tadeusz Rolke verwirklicht, um seinen Erinnerungen einen adäquaten Ausdruck zu verleihen und sie auch für andere nachvollziehbar und verständlich zu machen. Das war kein einfaches Unternehmen, denn die Zeit hat viele Spuren verwischt oder ausgelöscht: Die Orte, wo er sich vor 75 Jahren gezwungenermaßen aufhielt, sehen heute anders aus. So ist halt der Lauf der Dinge, was wirklich zählt, ist, ob die im Gedächtnis gespeicherten Bilder mit dem Erlebten übereinstimmen. „Hin und zurück ist ein Teil meiner fotografierten Biografie“, sagte Rolke. „Für mich war es wichtig, wie es mir gelingen wird, einige meiner Erinnerungen in die Sprache der Fotografie zu übersetzen.“

Die Erfüllung der Prophezeiung

Das ist ihm gelungen, denn er veranschaulichte in diesem beeindruckenden Fotoessay, dass die dramatische Zeit, in der er zum ersten Mal „unter die Deutschen geriet“, einen großen und nachhaltigen Einfluss auf seine Einstellung zu den Menschen, zur Politik und auf seine Berufswahl hatte. Die Texte unter seinen Fotografien zeichnen ein differenziertes Bild der Deutschen, mit denen er in den letzten Kriegsmonaten in Berührung kam. Es gab darunter auch solche, die ihre Menschlichkeit bewahrt hatten: Ein Mädchen schenkte ihm eine Jacke, die den in Sommerkleidung ins NS-Deutschland verschleppten Jungen vor dem Erfrieren rettete; ein Polizist, der ihn und seinen Kollegen erschießen wollte, ließ sie laufen; ein Arzt und Offizier der Wehrmacht versorgte seine Verletzung am Oberschenkel, die ihm ein deutscher Soldat während des Warschauer Aufstands zugefügt hatte. Die Erfahrung, dass auch in inhumanen Zeiten einzelne Menschen ihre Humanität aufrechterhalten und somit die ihnen eingetrichterte menschenverachtende Ideologie infrage stellen, war für Tadeusz Rolke prägend und wirkte sich auf seine Kunst, die der humanistischen Fotografie zugeordnet wird, aus. Dass er Fotograf geworden ist, hängt direkt mit seiner Situation als Zwangsarbeiter vor 75 Jahren zusammen. Im brandenburgischen Dorf Dobbrikow, wo er dem Bauer Hermann Gensch zugeteilt wurde, stellte er fest, dass ihn der Ackerbau körperlich überfordert. „Frau Gensch fragte mich: Was wirst du machen, da du so schwach bist und nicht arbeiten kannst? Ich antwortete: Ich werde reisen und fotografieren. Damals habe ich zum ersten Mal den Plan meiner Zukunft formuliert. Dass meine Prophezeiung in Erfüllung gegangen ist, kann man auch im Projekt Hin und zurück sehen.“

Magische Orte und Worte

Tadeusz Rolke mit Urszula Usakowska-Wolff in der Ausstellung „Hin und zurück“ am 6. November 2019. Foto ©Hartwig Zillmer
Tadeusz Rolke mit Urszula Usakowska-Wolff in der Ausstellung „Hin und zurück“ am 6. November 2019. Foto © Hartwig Zillmer

In Tadeusz Rolkes Biografie gibt es noch eine andere deutsche Episode: Von 1970 bis Dezember 1981 lebte er in Hamburg, wo er als freier Fotograf mit den Wochenzeitungen Stern, Zeit, Spiegel und dem Art Magazin zusammenarbeitete. 1971 fotografierte er in Düsseldorf Joseph Beuys, der vor seinem weißen VW-Käfer stand: Ein Bild, das zur Ikone wurde. Obwohl der Fotograf beschloss, dauerhaft in der Bundesrepublik zu bleiben, kehrte er nach der Verhängung des Kriegsrechts nach Polen zurück, um Zeuge der gesellschaftspolitischen Veränderungen zu werden, die er mit seiner Kamera begleitete. Doch politische Fotografie lag ihm fern, wohl deshalb, weil ihren Sujets und Schauplätzen keine Magie innewohnt. „Ich finde die Orte, die in meiner Erinnerung geblieben sind, magisch und deshalb komme ich manchmal nach sehr vielen Jahren dorthin zurück. Nicht nur die Fotos aus der Zeit meiner Vertreibung sind für mich magisch, manche Fotos aus so genannten ganz normalen Situationen sind es auch.“, sagt Tadeusz Rolke. „Fotografie ist einfach Magie.“

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Tadeusz Rolke im Polnischen Institut Berlin, 5.11.2019. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Tadeusz Rolke (24.05.1929-14.07.2025) im Polnischen Institut Berlin, 5.11.2019. Foto © Urszula Usakowska-Wolff