Andreas Prüstel: »Das wohlfeile Verhalten gegenüber der Gesellschaft ödet mich an«

Andreas Prüstel, am 10. September 1951 in Leipzig geboren, könnte der Held eines Schelmenromans sein. Weil er die Schule nicht mochte, wurde er zuerst Bauarbeiter, dann unter anderem Heizer, Gleisbauer, Bote, technischer und kartografischer Zeichner, Ausstellungsgestalter. 1978 zog er nach Ost-Berlin. Der freiberufliche Künstler mit einer großen Leidenschaft für die Collage arbeitet seit längerer Zeit als Cartoonist. Die Leserinnen und Leser des strassen|fegers kennen seine unverkennbaren Cartoons, denn sie sind in jeder Ausgabe unserer Zeitung zu sehen. Andreas Prüstel ist ein freier und kritischer Geist, der stets bewusst gegen den Strom zeichnet, auch wenn er sich deshalb »durchhungern« muss. Und er ist ein fesselnder Erzähler mit einem großen Charisma. Mein Besuch in seiner Wohnung in Berlin-Niederschönhausen sollte 30 Minuten dauern, endete aber erst nach über drei Stunden. 

Interview: Urszula Usakowska-Wolff

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit mit dem strassen|feger? Sie waren ja fast von Anfang an dabei.

Ich habe nachgeguckt: Das war 1996. Mich rief damals der strassen|feger-Redakteur Karsten Krampitz an. Er hat in einem Buchversandkatalog eine Collage von mir gesehen. Die gefiel ihm, und er fragte mich, ob er sie als Titelbild verwenden könnte. Ich antwortete: »Ja, kein Problem«, worauf er sagte: »Wir haben wenig Geld.« Ich teilte ihm mit, dass ich kein Geld von einer Obdachlosenzeitung annehmen kann. Dann besuchte er mich, wir haben uns stundenlang unterhalten, Bier getrunken, wir passten wie zwei Latschen zusammen. Er war auch so klein, ein bisschen verrückt, hatte lange Haare und war sehr ambitioniert. Karsten sagte: »Was hältst du davon, dass du immer das Titelblatt machst? Mit Montagen und Collagen. Wir bezahlen das, aber es wird nicht viel sein.« Ich war einverstanden, denn es war für mich eine schöne Aufgabe, alle 14 Tage diesen Titel zu machen, jedes Mal zu einem anderen Thema. Und dann habe ich es jahrelang gemacht, ich weiß nicht mehr, wie lange. Das war fest in meinem Turnus drin. Damals sah der Titel natürlich anders aus als heute. Meine strassen|feger-Titel waren fast ausschließlich Collagen, also Hand Made, ohne Computer.

In jedem strassen|feger erscheinen seit Jahren Ihre Cartoons. Werden sie von Ihnen speziell für unsere Zeitung gezeichnet?

Ich schicke der Redaktion eigentlich alle Sachen, die ich mache und wo ich denke, das könnte zu irgendwas oder zu einer Kolumne passen. Wir haben vereinbart, dass die Redaktion die Wahl hat, darüber frei zu verfügen. Das werde ich weiter auch so machen, das hat sich so eingespielt.

Wie kann man sich die Arbeit eines Cartoonisten vorstellen? Sie müssen ja ständig auf dem Laufenden sein. Sie müssen wissen, was im Land und in der Politik geschieht. Woher kommen die Ideen für Ihre Cartoons?

Aus dem politischen Alltag. Meine Quellen sind das Internet, das Fernsehen, Zeitungen und manchmal auch der Rundfunk. Das Erste, was ich mache, wenn ich hier sitze am Vormittag: Ich nehme mir die Schlagzeilen in den Zeitungen vor und gucke zuerst nur grob, was könnte dabei für mich sein, was könnte ich daraus machen. Dann gucke ich im Internet, im Phönix und den Mittagsmagazinen etwas genauer nach, es muss ja zu einer bestimmten Zeit raus, damit es eine Chance hat, am nächsten Tag in einer Tageszeitung zu landen. Das ist der Rhythmus. Ich muss die Cartoons spätestens bis 16 Uhr abschicken, sonst haben sie keine Chance zu erscheinen.

Bietet denn die Politik genügend Stoff für Ihre Arbeit? In der Politik geschieht ja nicht jeden Tag etwas Interessantes.

Doch, irgendwas gibt es immer. Manchmal ist eine Formulierung ein Aufhänger. Was ich möglichst vermeide ist, die Politiker selber zu zeichnen, weil ich stets versuche, das zu einer Alltäglichkeit zu bringen, also Leute darzustellen, die sich in einer Kneipe oder am Arbeitsplatz unterhalten. Natürlich zeichne ich auch mal die konkrete Figur, aber ich versuche, sie nicht so zu verwursten, dass sie einfach nur lächerlich ist, sondern es muss schon seinen Grund haben. Das Witzfigurenzeichnen liegt mir einfach nicht.

Wie viele Cartoons zeichnen Sie am Tag?

Das ist unterschiedlich. Mindestens zwei Zeichnungen. Jeden Tag. Am Sonnabend eigentlich nicht, da mache ich Hausarbeit.

Es ist sehr sauber und aufgeräumt hier in ihrer Wohnung. Erledigen Sie die Hausarbeit selbst?

Klar! Eine Putzfrau kann ich mir nicht leisten (lacht). Das sind ja nur 60 Quadratmeter. Es ist auch gut für mich, dass ich mich ein bisschen bewege. Sonst sitze ich und zeichne; wenn ich in Form bin, schaffe ich manchmal fünf Zeichnungen oder zwei Collagen.

Für wen machen Sie die Collagen?

Inzwischen mache ich sie für mich. Das hat eigentlich mit der Computerisierung zu tun. Ich habe früher mehr Gebrauchsgrafik in Form von Collagen gemacht, das liegt jetzt alles flach, heute machen auch kleine Firmen oder Verlage alles selbst. Ich habe viel zu spät erkannt, dass ich mit dieser Montagetechnik gar nicht mehr genug Geld verdienen kann. Zu meinem 50. Geburtstag habe ich dann beschlossen, dass jetzt nur noch gezeichnet wird. Da wollte ich alle meine Collagen eigentlich wegschmeißen. Ich habe es Gott sei Dank nicht gemacht. Inzwischen gibt es wieder eine Tendenz zur Originalcollage. Die Arbeit an Collagen ist eine Auflockerung für mich, es ist ein Spaß, es ist einfach etwas Spielerisches, was man beim Zeichnen so nicht hat. Collage ist zweckfrei. Das Zeichnen ist konkret. Ich habe immer gezeichnet, schon als Kind war ich ein fanatischer Zeichner.

Andreas Prüstel, Cover-Collage, strassen|feger 17/2014
Andreas Prüstel, Cover-Collage, strassen|feger 17/2014

Doch Sie haben zuerst als Betonbauer gearbeitet. Durften Sie in der DDR nicht studieren?

Ich war stinkfaul in der Schule und habe kein Abitur machen können, weil meine Noten zu schlecht waren. Ich war an der Schule überhaupt nicht interessiert, ich habe Fußball gespielt und gezeichnet. Dann kamen die Mädels ins Spiel… Im Sommer nach der zehnten Klasse war ich mit einem Freund auf Reisen, wir wollten so weit trampen, wie es möglich war, und wir sind durch Bulgarien an die türkische Grenze getrampt. Dort waren wir so lange, dass wir unseren Lehrbeginn verpasst haben, und ich hatte keine Lehrstelle. Als wir nach Leipzig zurückkamen, hatten wir mächtige Schwierigkeiten. Wir hatten die Wahl zwischen Maschinenbauer und Betonbauer. Mein Freund und ich meinten, Betonbauer ist OK, Arbeit an der frischen Luft, so ist das entstanden. Dann habe ich andere Jobs gemacht. Von 1976 bis 1977 habe ich die Abendschule der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig besucht. 1988 wurde ich, nach drei Jahren als Kandidat, Vollmitglied des Verbandes der bildenden Künstler. Ich war also ein freiberuflicher Künstler mit einer Steuernummer, doch ich habe wahnsinnig wenig verdient, weil ich in der DDR nichts veröffentlichen konnte. Ich habe einige kleine Postkarteneditionen gestaltet, und manchmal auch ein Original in Galerien verkauft. Der Verband half mir, offizielle Ankäufe zu kriegen, zum Beispiel hat mir einmal der Magistrat von Ost-Berlin Collagen für 4000 Ostmark abgekauft, sodass ich irgendwie über die Runden kam. Ich hatte auch manchmal zwölf bis 14 Ausstellungen im Jahr, in fast jedem Kulturhaus und Jugendklub in der DDR, aber eben keine Veröffentlichungsmöglichkeiten. Das war das Problem.

Hier in Berlin und sonst auch in Deutschland haben Sie zwar Veröffentlichungsmöglichkeiten, aber keinen Einfluss darauf, ob etwas gedruckt wird. Sie schicken ja jeden Tag Ihre Cartoons an die Tageszeitungen, doch Ihre Zeichnungen werden nicht publiziert, und Sie erfahren nicht, warum.

Genau. Es gibt keine Reaktion. Ich schwimme in einem völlig anonymen Meer in der Tagespresse. Das ist prekär. Man kann in diesem Genre nur dann ausreichend verdienen, wenn man feste Verbindungen zu den Zeitungen hat. Aber das haben nur wenige, eine Handvoll von Kollegen.

Wie wird das von Ihren Kollegen bewertet, dass Sie Ihre Cartoons im strassen|feger veröffentlichen? Oder ist das kein Thema?

Ich habe keine Ahnung. Ich hatte mal zusammen mit einem Kollegen in Potsdam ausgestellt, da stand dann, ohne dass der Journalist mit mir gesprochen hätte, in der Zeitung, ich wäre der Hartz-IV-Zeichner, weil in der Ausstellung sehr viel zu sozialen Themen hing, auch zu Hartz IV, was ich aus meinem persönlichen Umfeld kenne. Ich selber habe es immer vermieden, zum Amt zu gehen, ich habe mich durchgehungert. In Potsdam ist mir zum ersten Mal klar geworden, dass offensichtlich etwas gesehen wird in meiner Arbeit, dieser starke soziale Aspekt; der steckt sicherlich drin. Mich kotzen bestimmte Dinge so an, dass ich damit wirklich rausplatzen muss. Das machen leider nicht viele, denn wer wird es drucken? Die Mittelschicht interessiert nicht, was die Armen für Probleme haben. Und die Armen lesen nicht die Zeitung. Die Mittelschicht liest die Zeitung, solange die Mittelschicht noch existiert. Die verschwindet ja auch allmählich. Ich habe oft Dinge gemacht, die sind aber außer im strassen|feger und manchmal im Eulenspiegel nie gedruckt worden. Das interessiert keinen. Es sei denn, es gibt einen konkreten Hintergrund, wenn sich irgendwelche Parteien wegen Hartz IV in der Wolle haben. Ich denke, inzwischen ist die Gesellschaft so geartet, dass sie bereit ist, ein Viertel oder ein Fünftel der Menschen wegzulassen. Die können ruhig verslumen wie in England, das ist uns egal, das verkraftet die Gesellschaft. Solange sie nicht auf die Barrikaden gehen, füttern wir die irgendwie durch, aber wir kümmern uns ansonsten nicht um sie. Die Armen haben keine Lobby, und sie gehen Leute, denen es besser geht, nichts an. Diese haben Angst, abzusteigen, also unterwerfen sie sich den Regeln, die nun mal da sind. Und die Regeln werden immer schärfer. Dieses wohlfeile Verhalten gegenüber der Gesellschaft ist für mich eigentlich das Hauptthema. Das ödet mich wirklich an. Ich selber für mich mache das nicht. Das fängt bei so konkreten Sachen an, dass man den erwachsenen Leuten überall das Rauchen verbietet oder die Krankenakten digital durchforstet. Das ist eine gefährliche Entwicklung.

Andreas Prüstel. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Andreas Prüstel. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Wären sie ein Opportunist, hätten Sie es einfacher als Cartoonist?

Ich möchte nicht behaupten, dass die politischen Karikaturisten in Deutschland Opportunisten sind, aber es gibt eine Graduierung. Über ein bestimmtes Maß kann man nicht hinausgehen. Das weiß ich im Vorhinein: Bestimmte Zeichnungen wird keine offizielle Zeitung drucken, außer vielleicht ein Satiremagazin. Und wir haben nur zwei Satiremagazine: Titanic und Eulenspiegel, die monatlich erscheinen. Materiell hat das keine große Bedeutung. Die Zeichner kuschen vielleicht nicht, aber die Redakteure.

Trotz der eingeschränkten Veröffentlichungsmöglichkeiten sind Sie sehr produktiv. Bewahren Sie alle Ihre Arbeiten auf?

Nein! Ich halte mich nicht für einen großartigen Künstler. Ich kann ein bisschen zeichnen und ich habe ein paar Ideen, aber das haben viele. Ich halte mich nicht für eine so bedeutende Person, dass das irgendwann jemanden besonders interessiert. Die Sachen, die ich selbst gut finde, würde ich niemals wegschmeißen. Die vermache ich meinen beiden Töchtern. Wer weiß, wie es kommt, irgendwann wird man vielleicht wieder entdeckt. Deshalb hebe ich nur das auf, was irgendwann später jemand mit Gewinn angucken kann oder wo die Art der Zeichnung mir einfach gefällt. Es ist so: Als ich mit 50 anfing, Cartoons zu zeichnen, war ich nicht mehr der Jüngste, und ich kannte alle Stile. Ich habe ja auch als Herausgeber gearbeitet und kenne praktisch alle, zumindest deutschsprachigen Cartoonisten. Und ich habe zusammen mit einem Freund über ein Dutzend Cartoon-Bücher herausgegeben, zu bestimmten Themen oder auch einzelne Zeichner-Monografien. Das war alles in mir drin. Und ich habe dann immer Vergleiche gezogen. Ich musste erstmal einen eigenen Stil entwickeln, was vier Jahre gedauert hat. Da bin ich fast in der Klapsmühle gelandet, weil ich immer wieder gesagt habe, jetzt machst du das genauso wie der. Diese Sachen sind alle weg, vier Jahre komplett weg. Ich zeichne jeden Tag x Sachen und man muss, glaube ich, zehn, 20 Cartoons zeichnen, damit eine Perle dabei herauskommt. Ich lasse beim Zeichnen manchmal Flecken, einfach um zu zeigen, dass hier nichts geglättet ist, das kommt vom Tisch. Ich habe einen sehr kritischen Blick auf meine eigenen Arbeiten. Solche, die mir nicht gefallen, zerreiße ich und schmeiße sie eben weg.

Ich habe den Eindruck, dass Sie mit Ihrer Bescheidenheit und der kritischen Einstellung gegenüber sich selbst und der Gesellschaft eher eine Ausnahmeerscheinung in der heutigen, auf schnellen Erfolg und Profit ausgerichteten Welt sind. Ist das so?

Ich glaube, dass ich als Cartoonist in der Spitzengruppe hänge, aber nicht bei den Spitzenverdienern. Ich komme aus einer anderen Zeit. Mir ist es peinlich, mich so in den Vordergrund zu schieben. Die Zeichnung – ja, aber ich selber – nein. Das macht mir zwar auch Freunde, aber sie schütteln mit dem Kopf: »Du hast als Zeichner die Zeichen der Zeit nicht erkannt.« Ich will es nicht, sagen wir es besser: Ich kann es nicht. Ein Künstler soll hinter seinem Werk sein. Ich denke, da mache ich mich lächerlich, selbst, wenn ich irgendwelche Strategien entwickeln würde. Ich sehe schon eh komisch aus, ich bin ja auffällig als Figur, das reicht auch schon. Mir hat einmal ein Mann gesagt, der eine Arbeit von mir gekauft hat in einem schwäbischen Nest bei Stuttgart: »Du musst dich mehr als Künstler zeigen, da wird auch mehr gekauft, wir haben hier im Ort einen Künstler, der produziert nur Scheiße, aber der hat einen roten Schal um, er trägt eine rote Brille, so erkennt man schon auf fünf Kilometer, dass er ein Künstler ist. Und du kommst im karierten Hemd, in zerfledderter Jeans – und siehst wie jeder aus.« Na ja, ich habe keinen roten Schal (lacht). Das muss jeder selber mit sich klar machen. Ich kann es eben nicht.

Text © Fotos: Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 19/2014


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