»Berliner Szenen« von Karl Horst Hödicke in der Villa Grisebach

Eine Katze liegt auf einem Liegestuhl, daneben räkelt sich eine nackte Frau. Ein Mann geht mit seinem Hund an der Mauer Gassi. Der Blick aus dem Atelier fällt auf eine riesige Brache: den Potsdamer Platz. Der nächtliche Himmel über Schöneberg ist rot. In den Schaufenstern spiegeln sich Reklamen, Autos und Passanten. Dunkles Bier schäumt rötlich. Leichte und spärlich bekleidete Mädchen, die »Nachtfalter«, warten auf die Freier. Ihre Gesichter sind maskenhaft, ausdruckslos, von Schminke und Leben gezeichnet. Schatten der DDR-Grenzsoldaten fallen auf die Mauer, hinter der die »Goldelse« erstrahlt. Und irgendwann ragt ein Wald von Baukränen am späten Abend in den grünen Himmel über dem Potsdamer Platz.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Zwischen Tagtraum und Alptraum

Wenn einer die Bezeichnung »Berliner Künstler« verdient, dann ist es Karl Horst Hödicke. Seit über einem halben Jahrhundert ist die geteilte und dann hektisch zusammenwachsende Stadt eines seiner Haupthemen. Er zeichnet und malt Menschen in schlichten Interieurs, deren Bürgerlichkeit durch reich bestückte Kleiderschränke, spartanische Gartenliegen, Transistorradios und Kakteen, die auf den Fensterbänken stehen, angedeutet wird. Sie versuchen, in einem Haus, das offensichtlich direkt an der Mauer liegt, den Anschein der Normalität zu bewahren. Interieurs und urbane Landschaften in seiner unmittelbaren Umgebung sind das, was K. H. Hödicke interessiert. Seine Bilder sind nüchtern, wie beiläufig gemalt, auf einige wenige Elemente reduziert, häufig etwas gespenstisch. Sie bewegen sich, wie einer der Titel verkündet, zwischen »Tagtraum und Alptraum«. Der Maler ist ein genauer Beobachter, der wie ein Chronist sachlich und ohne große Emotionen an seine Sujets herangeht. Er zeigt eine Stadt, in deren Mitte Stillstand herrscht. Die leeren historischen Bauten sind eine düstere Kulisse aus monumentalen Ruinen, Zeugen des architektonischen und politischen Größenwahns. Die Frontstadt ist eine Geisel des Kalten Kriegs, doch zumindest in ihrem Westteil vermittelt sie den Eindruck einer pulsierenden und farbenfrohen Metropole, die das alles zu bieten hat, was es im Osten nicht geben darf: Nachtschwärmer und Nachtfalter, ein Lichter- und Reklamemeer, ein Riesenangebot an Waren und Zerstreuung, schmucke Geschäfte, Cafés und Kinos. »West-Berlin, das war weder Osten noch Westen, das war eine komische Stadt, die kreative Leute aus der ganzen Bundesrepublik angezogen hat«, sagt der Künstler.

Blick in die Ausstellung "Berliner Szenen" von K. H. Hödicke in der Villa Grisebach Berlin. Foto © Usakowska-Wolff
Blick in die Ausstellung „Berliner Szenen“ von K. H. Hödicke in der Villa Grisebach Berlin. Foto © Usakowska-Wolff

Wüste Gobi im Niemandsland

Der am 21. Februar 1938 in Nürnberg geborene Karl Horst Hödicke kam als 19-Jähriger nach West-Berlin, wo er zuerst an der TU Architektur, dann an der Hochschule der Künste bei Fred Thieler Malerei studierte. Wie kein anderer prägte der Wahlberliner die Kunst seiner Stadt. 1964 war er einer der Mitbegründer der legendären Selbsthilfegalerie Großgörschen 35. 1974 als Professor für Malerei an die HdK berufen, unterrichtete er dort 31 Jahre lang. Weil aus seiner Klasse unter anderem Salomé, Rainer Fetting, Bernd Zimmer und Helmut Middendorf hervorgingen, wird er »Vater der Neuen Wilden« genannt. Von der Kritik als »Wegbereiter des deutschen Neoexpressionismus« und »bedeutender Vertreter der Neuen Figuration« apostrophiert, lässt sich der vielseitige und mit etlichen Talenten ausgestattete Künstler: Maler, Bildhauer, Filmer und Dichter nicht in eine Schublade stecken. Seit Anfang der 1960er Jahre überrascht er immer wieder mit Arbeiten, die sich einer strikten Zuordnung entziehen. Abstrakt und figürlich sind für Hödicke keine Gegensätze, denn er bildet die Welt so ab, wie er sie sieht. So entsteht ein Mix aus abstrakten und gegenständlichen, aus flachen und räumlichen Formen, die er vor, über und unter dem Fenster seines Ateliers findet. 1975 bezieht er den »Dessauer Turm« in der Dessauer Straße in Kreuzberg, direkt an der Mauer und der riesigen Brache am Potsdamer Platz, einem streng bewachten und kalt beleuchteten Niemandsland mitten in der geteilten Stadt, das er seine »Wüste Gobi« nennt: vor der Wiedervereinigung mit Sand, auf dem Unkraut wucherte, bedeckt, nach dem Mauerfall mit Baukränen gepflastert, die dieses Terrain in eine Betonwüste verwandelten.

Blick in die Ausstellung "Berliner Szenen" von K. H. Hödicke in der Villa Grisebach Berlin. Foto © Usakowska-Wolff
Blick in die Ausstellung „Berliner Szenen“ von K. H. Hödicke in der Villa Grisebach Berlin. Foto © Usakowska-Wolff

Eine Art Tagebuch

Nachdem die Berlinische Galerie 2013 den Maler, Bildhauer und Filmer in einer großartigen Retrospektive feierte, gibt es jetzt ein Wiedersehen mit seinem Werk an zwei Orten in der Fasanenstraße in Charlottenburg. Das Auktionshaus Villa Grisebach und seine neueingerichtete Ausstellungshalle präsentieren jetzt K. H. Hödickes »Berliner Szenen«. Über 40 Arbeiten, darunter kleine Zeichnungen und Plastiken, bekannte und weniger bekannte Gemälde, sind jetzt dort versammelt. Es ist eine Schau, die bestätigt, dass seine Kunst nicht altert, denn sie wirkt frisch, aktuell und ist zugleich ein Dokument der Zeit. Der geteilten Stadt, die nach dem Mauerfall zu einer riesigen Baustelle mutierte, hat Karl Horst Hödicke ein Denkmal gesetzt: Er hat Häuser und Orte, die aus dem Stadtbild getilgt wurden, auf seinen Gemälden bewahrt und sie vor dem Vergessen gerettet. Den Status Quo und die Veränderungen Berlins skizzierte und notierte er kontinuierlich in einer Art Tagebuch, das Mitte 2015 unter dem Titel »Berlin Potsd. Pl.« im Kerber Verlag erschien. Das war der Anlass für die »Berliner Szenen«, die einen Künstler zeigen, der »unversehens zum Chronisten der wichtigsten Ereignisse der neueren Geschichte Deutschlands wurde.«

Blick in die Ausstellung "Berliner Szenen" von K. H. Hödicke in der Villa Grisebach Berlin. Foto © Usakowska-Wolff
Blick in die Ausstellung „Berliner Szenen“ von K. H. Hödicke in der Villa Grisebach Berlin. Foto © Usakowska-Wolff

Nüchtern, unheimlich, fantastisch

Bei der Besichtigung der »Berliner Szenen« fällt auf, dass K. H. Hödicke nicht nur mit Formen, sondern auch mit Farben, die eigentlich nicht zueinander passen, meisterhaft spielen kann. Seine Palette reicht von fast monochrom und düster bis luzide und grell. Erdtöne verbindet er mit Pink und Weiß, Pink mit Grün und Lila. Trotzdem wirken seine Bilder harmonisch. Das kommt daher, dass er gleich am Anfang seiner künstlerischen Karriere aus der Not eine Tugend machte. Er wollte die Malerei aus der Sackgasse holen und revolutionieren. Als er jedoch merkte, dass er mit Öl, das klebt und zäh ist, nicht malen kann, griff er nach Dispersionsfarben, denen er bis heute weitgehend treu bleibt: »Ich schätze diese Farbe sehr, weil sie sehr flexibel ist, ich habe völlige Herrschaft über sie, ich kann sie dick machen, ich kann sie dünn machen, ich kann sie transparent machen, und sie hat den ganz großen Vorteil, dass sie nicht glänzt, sondern leuchtet. Und was schön ist, ist die Klarheit der Farben. Nach 50 Jahren ist Weiß immer noch Weiß.« Neben den Bildern, die sich eindeutig auf die geteilte oder im Aufbau befindliche Stadt beziehen, gibt es auch solche »Berliner Szenen«, die rätselhaft, unheimlich und sogar beunruhigend erscheinen. Warum heißt das Gemälde, auf dem ein mit einem roten Strick strangulierten Mann zu erkennen ist, »Erschießung« (1960/1962)? Wohin, wovor oder vor wem flieht der einzelne Fuß (»Flucht«, 1983) mit der weiß-blauen Ferse? Ist die sich an einer Leiter festhaltende und leblos wirkende Puppe (»Kleine Himmelfahrt«, 1984) etwa kein Spielzeug, sondern ein Mädchen? Woher die Motive auf seinen alten Bildern stammen, weiß Karl Horst Hödicke heute nicht mehr. Das muss er auch nicht, denn in seiner Kunst gibt es genügend Platz für nüchterne, wirklichkeitsnahe Darstellungen und düstere Fantasien.


Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff, VG Wort, VG Bild-Kunst

Erschienen im strassen|feger 3/2016


K. H. Hödicke
Berliner Szenen

noch bis zum 20. Februar

Villa Grisebach
Fasanenstraße 25 und 27
10719 Berlin

Öffnungszeiten:
Mo bis Fr, 10 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 16 Uhr
Eintritt frei

www.grisebach.com

Buchtipp:
K. H. Hödicke
Berlin Potsd. Pl.

Kerber Verlag

Preis: 40 Euro

www.kerberverlag.com