Henry de Winter, der Gentleman mit einer weißen Nelke am Revers, singt unvergessliche Schlager und ist eine Augenweide

Henry de Winter, den seine Bewunderer »Sir« nennen, ist der Gentleman mit den zeitlosen Maßanzügen und der Sänger mit einer Vorliebe für die Musik der 1920er, 1930er und 1940er Jahre.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Am frühen Nachmittag des 8. März ist der Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie so voll, wie an manchen Abenden nicht. Im Publikum sitzen abendlich gekleidete Damen und Herren, die sich auf eine Reise in die Welt ihrer Kindheit und Jugend begeben. Zu Beginn des von der Volksolidarität organisierten Konzerts spielt das Salon-Orchester Berlin ein Potpourri bekannter Melodien aus den 1920er und 1930er Jahren. Danach betreten zwei Stars die Bühne. Der eine ist Henry de Winter: Charismatischer Chansonier, Conférencier und Entertainer. Er trägt ein Monokel und eine weiße Nelke am Revers. Der andere ist sein Foxterrier Bobby. »Bobby, sit!«, sagt Henry, und der Englisch gehorchende Hund setzt sich auf das Deckchen neben dem Mikrophon. Dort bleibt er brav sitzen oder liegen, während sein Herrchen unvergessliche Schlager, Gassenhauer, Couplets und Evergreens wie zum Beispiel »Ich küsse Ihre Hand, Madame«, »Besame mucho«, »Veronika, der Lenz ist da«, »Oh, Donna Clara«, »Jalousie«, »Bel Amiπ, »Unter den Pinien von Argentinien« und »Was macht der Mayer am Himalaya« singt, nicht ohne vorher ihre Geschichte zu erklären. Am Ende des Konzerts ist das Publikum begeistert; es klatscht im Stehen und wird von Henry und dem Salon-Orchester mit zahlreichen Zugaben belohnt. Auch Bobby applaudiert. Er steht am Bühnenrand, guckt auf die entzückten Menschen und wedelt zufrieden mit dem Schwanz.

»Eine Melodie geht rein in mein Ohr«

Drei Wochen später treffe ich mich mit Henry de Winter und seinem Bobby, dem Foxterrier, im Reinhard´s am Ku´damm. Obwohl das Lokal aus allen Nähten platzt, fällt der in einer Ecke sitzende Herr im dezenten grauen Anzug, den Silberfäden im Haar und der obligatorischen weißen Nelke am Revers sofort ins Auge: Eine Persönlichkeit, die gleichermaßen Anmut, Eleganz, Würde und Bescheidenheit ausstrahlt. Er ist ein Mann der Superlative: Sehr gut aussehend, sehr gut gekleidet, mit tadellosen Manieren und einer angenehmen Stimme. Der 1959 geborene Berliner, der aus einer hugenottisch-jüdischen Familie stammt, sagt: »Wir hatten einmal sehr viel Geld. Die eine Hälfte des Vermögens haben wir leider 1923 durch die Inflation und die andere Hälfte 1929 durch die Wirtschaftskrise verloren. Da ist nur der Stil geblieben und die gute Erziehung, aber das finde ich viel wichtiger, als neureich zu sein und keinen Stil zu haben.« Henry de Winter, den seine Bewunderer »Sir« nennen, ist der Gentleman mit den zeitlosen Maßanzügen und der Sänger mit einer Vorliebe für die Musik der 1920er, 1930er und 1940er Jahre. Zum ersten Mal trat er allerdings ganz klassisch auf: mit sechs im »Weihnachtsoratorium« in der Alt-Lankwitzer Dorfkirche. Die Leute hörten dem Jungen aufmerksam zu, der eine Solopartie sang, was er toll und faszinierend fand. »Ich habe schon immer nach dem Gehör gesungen, denn ich kann keine Noten lesen«, erklärt er. »Eine Melodie geht rein in mein Ohr, ich muss sie mir drei-, viermal anhören und den Text mitlesen, dann ist alles innerhalb einer halben Stunde gespeichert im Kopf, und es geht nicht mehr raus.« Zu seinem persönlichen und musikalischen Stil fand Henry de Winter, der von 1967 bis 1971 in einem Londoner Internat zur Schule ging, nach seiner Rückkehr nach West-Berlin. »Ich war auf dem Fichtenberg-Gymnasium in der Oberstufe, wo ich mir den Unterricht so einteilen konnte, dass ich Zeit hatte, am Vormittag oder mittags ins ‚Astor-Kino‘ am Kurfürstendamm zu gehen. Dort wurden Dienstags und Freitags alte deutsche und internationale Tonfilme gezeigt, die ich mir nicht nur wegen der Musik anschaute, sondern auch wegen der Garderobe, der Dekoration, der Möbel, des Schmuck, der Autos und der Architektur, also wegen all dem, was eben typisch für jene Zeit war. Besonders die Komödien von Ernst Lubitsch waren für mich eine Augenweide, denn sie strotzten nur so vom amerikanischen Art Déco. Das war einfach schön und hat mich nicht mehr losgelassen«

Henry de Winter mit Bobby. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Henry de Winter mit Bobby. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

»Ich bin ein Geheimtipp«

Henry de Winter lebt, liebt und besingt diese schöne Vergangenheit, ohne sie zu verklären. Der überzeugte Junggeselle schläft in einem breiten Bett aus den 1930er Jahren, trägt Hemden, Anzüge und Mäntel nach alten Schnitten und aus alten, schweren und hochwertigen Stoffen, die er auf Flohmärkten oder bei Auflösungen von Schneiderateliers kauft. »Ich mache mein Ding und hole mir aus der Zeit, in der es, besonders seit 1933, viel Schlechtes gab, das Beste heraus. Ich singe so, wie die Künstler damals gesungen haben und wie ich es von alten Filmen und Aufnahmen kenne. Ich stelle mir vor, wie ich singen könnte, wenn ich damals gelebt hätte. Ich singe wie Henry de Winter: im Duktus der Zeit.« Der auffallende, doch zurückhaltende Herr mit Nelke, Hut und Hund ist ein optisches und akustisches Gesamtkunstwerk. Doch die heutige Zeit ist, vor allem in Berlin, vom Mittelmaß geprägt, und deshalb hat es ein Gentleman, der stets gepflegt erscheint, nicht immer leicht. »Es gibt Leute, die mich fragen, ob ich nicht overdressed sei. Ich antworte: ‚Ich bin nie overdressed, ich maße mir nicht an, darüber zu entscheiden, ob andere Leute eventuell underdressed sind. Für mein Empfinden bin ich korrekt gekleidet, denn ich habe als Herr für jede Gelegenheit die passende Garderobe. Und auf der Bühne schlüpfe ich nicht in eine andere Rolle, sondern in einen anderen Dress. Das unterscheidet mich von den anderen Sängern.’« Seit 1998 arbeitet Henry de Winter mit den Bratislava Hot Serenaders, einem 14-köpfigen Orchester aus der slowakischen Hauptstadt zusammen. Früher trat er mit Bobbys Vorgänger Pius auf, einem weißen West Highland Terrier, der, knapp 18jährig, vor sieben Jahren starb. Dass er ein Exzentriker ist, bestreitet der Künstler, obwohl er vor zwei Jahren zum Ehrenmitglied des exklusiven Londoner Eccentric Club ernannt wurde. »Als Exzentriker giltst du heutzutage, wenn du das machst, was du für richtig hältst«, meint er. »Für mich ist es wichtig, Individualist zu sein. Ich tue das, was mir Spaß macht. Wenn das den anderen Menschen auch eine Freude bereitet, dann freue ich mich. Wenn nicht: Na ja, so ist halt das Leben. Ich gehe auf keine Kompromisse ein, ich verbiege mich nicht.« Vielleicht ist er deshalb in Deutschland noch nicht so bekannt, wie er es verdient hätte. »Ich bin ein Geheimtipp wegen meiner Authentizität und werde nach Hongkong, Washington und New York eingeladen, wo die Leute von mir begeistert sind.« Als ich sage, dass er ein Paradiesvogel unter den Berliner Spatzen ist, schmunzelt Henry de Winter und sagt: »Ein schöner Vergleich! Spatzen sind eben die Norm: Die große Masse.«

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 9, April / Mai 2011


www.henry-de-winter.de