Polnische Saison an der Spree: So viel Polen in Berlin war noch nie! Unser Nachbarland nutzt seine gegenwärtige EU-Ratspräsidentschaft, um die nationale Kultur in einem bisher nie da gewesen Umfang zu zeigen

Das institutionelle Berlin entdeckt das kulturelle Polen und ist begeistert. Die Eliten hetzen von einer Veranstaltung zur anderen. Staatspräsidenten, Professoren, Kuratoren, Direktoren und andere zu Polenspezialisten ernannten oder soeben aufgestiegenen Leute eröffnen Ausstellungen, Konzerte, Film- und Theatervorführungen, Literaturforen und Diskussionsrunden, halten politisch und historisch korrekte Reden und blicken zuversichtlich in eine gemeinsame europäische Zukunft.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Die Broschüre »Obok – Nebenan. Das Polnische Kulturprogramm in Berlin. Herbst/Winter 2011/12« besteht aus 80 kleingedruckten DIN-A5-Seiten, die dabei helfen sollen, sich im Event-Dschungel der Polenbegeisterung zurechtzufinden. Gleich im ersten Satz dieser Veranstaltungsbibel schreibt Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele, die zu den allerwichtigsten Machern des »Polnischen Kulturprogramms« gehören: »Deutschland und Polen – zwei Länder in der neuen Mitte der Europäischen Union und Nachbarn, die eine lange, reiche und wechselvolle Geschichte miteinander verbindet.« Ähnlich äußert sich Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, die nun auch eine wichtige Rolle für die Verbreitung der polnischen Kultur in Berlin spielt: »Wir sind zwei Länder in der Mitte Europas, die eine komplizierte Nachbarschaft verbindet. Als Brücken für die Verständigung und für einen regen Austausch sollten die Kultur und die Künste eine größere Bedeutung erhalten.« Und zeigt in seinen beiden Häusern das in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut Berlin entstandene Projekt »Blickwechsel – künstlerische Dialoge mit Polen«, in dessen Mittelpunkt die Ausstellung des »Medienpioniers« Zbigniew Rybczyński, ferner mehrere Videoinstallationen von Mirosław Bałka, der seit Jahren zu den bekanntesten und erfolgreichsten polnischen Künstlern gehört, in denen er sich aus einer ungewohnten Perspektive mit dem Holocaust auseinandersetzt, stehen. Ein Herz für die polnische Kunst hat auch die Deutsche Guggenheim, die ihre Galerie von Paweł Althamer, der ebenfalls seit geraumer Zeit einen festen Platz auf dem internationalen Kunstmarkt einnimmt, in einen Handwerksbetrieb mit dem Namen »Almech« verwandeln lässt. Die in Berlin gezeigte polnische Kunst ist das Werk von Männern.

Zur Nachbarschaft verurteilt

Der Erfolg, mit dem die etablierte polnische Kultur als Aushängeschild der turnusgemäßen EU-Ratspräsidentschaft jetzt in wichtigen Berliner Institutionen rechnen kann, hat viele Väter und eine unbestrittene Mutter. Das ist Anda Rottenberg, die bekannteste polnische Kuratorin, jetzt auch in der Spreemetropole weltberühmt. Vor zwei Jahren hat sie von der polnischen Regierung den Auftrag bekommen, eine Ausstellung für Berlin vorzubereiten, in der sowohl die polnische Geschichte als auch die polnische Kultur anschaulich und verständlich gezeigt werden sollen. Die erfahrene Kunstvermittlerin nutzte die Gelegenheit, um zusammen mit dem Warschauer Schloss und dem Berliner Martin-Gropius-Bau ein Ausstellungskonzept zu entwickeln, in dem der Focus auf dem Nebeneinander, Gegeneinander und Miteinander der beiden zur geografischen Nachbarschaft verurteilten Länder liegt. Das Ergebnis ist die Mega-Schau »Polen und Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte« im Gropius-Bau, das größte und teuerste Ausstellungsprojekt, das Polen jemals realisierte: 800 Exponate, darunter Leihgaben von 200 polnischen und internationalen Museen und Galerien, auf 3200 Quadratmetern Ausstellungsfläche in 19 Sälen gequetscht, in 22 Kapitel eingeteilt, vom zwölfköpfigen deutsch-polnischen Wissenschaftsrat abgesegnet, an dem sich auch, unter dem Vorsitz des unvermeidlichen Władysław Bartoszewski, Staatssekretär in der Kanzlei des polnischen Ministerpräsidenten, paritätisch eine polnische und eine deutsche Professorin beteiligen dürfen. Das alles unter medienwirksamer Schirmherrschaft der Staatspräsidenten Wulff und Komorowski – und zum Preis von zwei Millionen Euro, zur Hälfte brüderlich von polnischen und deutschen Steuerzahlern getragen.

Heimatmuseum im Museumsdepot

Die Zahlen können nicht lügen: Es ist eine Schau der Superlative, der Höhepunkt der gegenwärtigen polnischen Saison an der Spree, zu der auch ganze Bus- und Zugladungen aus Polen kommen, denn dort hat man es versäumt, sich um einen Museumsnachfolgetermin für die kostbare Ausstellung zu kümmern. 25.000 Menschen sollen laut Auskunft des Aufsichtspersonals »Tür an Tür« bis Anfang November gesehen haben. Sie hat ja für jeden Geschmack das Richtige und findet auch passende Worte, denn die Wandtexte und Führungen gibt es in beiden Sprachen. Doch die recht antiquierten und schwierigen Räume im Erdgeschoss des Gropius-Baus, die überwältigende Masse der dicht aneinander gedrängten Exponate an den Wänden und in den Vitrinen, das Flimmern und Rauschen der Filme, machen die Besichtigung nicht leicht. Es entsteht der Eindruck, sich in einem etwas verstaubten Heimatmuseum oder gar in einem Museumsdepot zu befinden, in dem Heilige, Zeugnisse dynastischer Hochzeiten, Kronen, Kelche, Folianten, wertvolle Manuskripte, Urkunden, Verträge, Grafiken, alte und neue Skulpturen und Gemälde, Briefe aus Auschwitz, auf dem Boden liegende oder begehbare Installationen und am Ende sogar ein riesiger Kühlschrank, durch den man die Ausstellung verlässt, lagern. Allein um die vielen Spiel- und Dokumentarfilme zu sehen, die in voller Länge ausgestrahlt werden, bräuchte man mehrere Tage, doch es fehlen Stühle oder Bänke, auf die man sich setzen kann. Diese tausend Jahre Nachbarschaft voll zu erfassen und zu verstehen, das ist in einem zwei- oder dreistündigen Durchgang nicht zu schaffen. Darüber hinaus: Wer kann sich hier, im weitgehend konfessionslosen, republikanischen, zum Teil anarchistischen Berlin, schon so richtig für den Heiligen Adalbert aus Böhmen und seine Bedeutung für den Anfang der deutsch-polnischen Beziehungen begeistern, abgesehen davon, dass damals das Nationale keine Rolle spielte? Wer versteht den tieferen Sinn der Auseinendersetzung mit dem Mythos der »Schlacht bei Grundwald«, auf Deutsch Tannenberg, von 1410, die 2010 so schön von kaschubischen Frauen auf Leinwand gestickt wurde, weil das Nationalmuseum in Warschau das Originalgemälde von Jan Matejko aus dem Jahr 1878 nicht auf Reisen schicken wollte? Wen die Ausstellung trotzdem dazu angeregt, mehr über die lange und tatsächlich nicht immer einfache Nachbarschaft zwischen Polen und Deutschland zu erfahren, sollte sich unbedingt den Katalog kaufen. Sein Umfang von fast 800 Seiten schreckt auf den ersten Blick zwar etwas ab, doch die Lektüre bringt viel Licht in die stellenweise düstere deutsch-polnische Geschichte. Ein Licht, das erst beim Lesen aufgeht. Das Buch zur Ausstellung ist also ein Muss für jede polenfreundliche Person in Berlin, vielleicht sogar in Westdeutschland.

Mirosław Bałka, Św. Wojciech (St. Adalbert), 1987, Muzeum Sztuki w Łodzi. Foto © Piotr Tomczyk. Quelle: Wikimedia Commons
Mirosław BaŁka, Św. Wojciech (St. Adalbert), 1987, Muzeum Sztuki w Łodzi. Foto © Piotr Tomczyk. Quelle: Wikimedia Commons

Grenzen der Freiheit

Die Ausstellung »Tür an Tür« ist vor allem eine politische Image-Kampagne der Republik Polen mit Hilfe der Kunst. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch Anda Rottenberg und Artur żmijewski konnten sich davon überzeugen, dass dabei die kuratorische und künstlerische Freiheit nicht unbedingt im Vordergrund stehen müssen. Ohne die beiden Betroffenen zu informieren, hat die Direktion des Gropius Baus in Absprache mit dem Warschauer Schloss das Video »Berek« (Hasch mich), seit 1999 in Deutschland und überall auf der Welt gezeigt, aus dem Verkehr gezogen. Viele Besucherinnen und Besucher sowie anonyme Mitglieder der Jüdischen Gemeinde waren angeblich darüber empört, dass der knapp zweiminütige Film die Holocaust-Opfer verhöhnt. Artur żmijewski drehte ihn einst mit polnischen Obdachlosen beider Geschlechter, die gegen ein Honorar alle Hüllen fallen ließen, um in einem Keller sowie in der Gaskammer eines Konzentrationslagers »Hasch mich« zu spielen. Eine Geschmacklosigkeit? Ein Tabubruch? Eine Provokation? Klar, aber dafür ist der als »sozialkritisch« verschriene Künstler aus Warschau spätestens seit Ende der 1990er Jahre bekannt und wird vor allem in Deutschland gefeiert. Im Herbst 2010 wurde er zum Kurator der 7. Berlin Biennale berufen.

Text © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 24, November 2011 


Tür an Tür, Polen - Deutschland, 2011/2012, Ausstellungsplakat, Gropius-Bau Berlin