Schmuckstücke der Macht

»Fly To Baku« im me Collectors Room Berlin wird als »die bisher umfassendste Ausstellung aserbaidschanischer Kunst in Deutschland« gepriesen.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Es gibt Länder, in denen glückliche Künstler leben. Sie werden in ihrer Themenwahl und Ausdrucksweise von niemand eingeschränkt, können sich frei entfalten, denn dank der Großzügigkeit ihrer Regierung und der Nichtregierungsorganisationen müssen sie um ihre Existenz nicht bangen.

Zu solchen Ländern gehört, wie man den Worten von Farid Rasulov entnimmt, erstaunlicherweise Aserbaidschan.

»Ich habe ein 200 Meter großes Atelier, dort ist es warm, ich habe genügend zu essen, es geht mir gut«,

sagt der 27-jährige Maler aus Baku ohne eine Spur von Ironie. Er ist einer von 21 Künstlern, unter denen sich fünf Künstlerinnen befinden, die, nach Stationen in Paris und London, nun über 90 ihrer Arbeiten aus dem Bereich Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie und Video in der Ausstellung »Fly To Baku. Zeitgenössische Kunst aus Aserbeidschan« in Berlin vorstellen. Für diese Schau, an der sich Künstler aus drei Generationen beteiligen, wurden von der Heydar-Aliyev-Stiftung aus Baku für zwei Wochen Räumlichkeiten des me Collectors Room Berlin in der Auguststraße 68 angemietet.

Baku und Paris in Berlin: links neben Aida Mahmudova steht Kurator Hervé Mikaeloff, me Collectors Room Berlin,4.11.2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Baku und Paris in Berlin: links neben Aida Mahmudova, der Dame mit dem weißen Pullover, steht Kurator Hervé Mikaeloff, me Collectors Room Berlin,4.11.2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ein Kurator fliegt nach Baku

»Die Vorbereitungen zu diesem Projekt begannen im Juni 2011«, erzählt Hervé Mikaeloff, freier Kurator aus Paris. »Damals bin auf Vorschlag des Auktionshauses Phillips de Pury von Leyla Aliyeva und der Heydar-Aliyev-Stiftung nach Aserbeidschan eingeladen worden, in ein kaukasisches Land, das an der Grenze zwischen Europa und Asien liegt. Seit seiner Unabhängigkeit 1991 konnte es sich zu einem der innovativsten Länder der Region aufschwingen. Ich flog also in dessen Hauptstadt Baku und habe dort 45 Ateliers besucht, mehr als 100 Künstler getroffen und ihre Arbeiten gesehen. Niemand hat mich in meiner Auswahl beeinflusst oder behindert. Obwohl ich an aufstrebende Kunstszenen gewöhnt bin, wurde ich von der Dynamik der Menschen und der Energie der Kunst überrascht.« Einer Kunst, »die voller Leben, Farben und Kontraste ist« und als Kombination aus Abstraktion und Figuration »auch den starken Einfluss der internationalen und sowjetischen Avantgarde vom Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt.«

  • Ausstellungsansicht "Fly to Baku. Zeitgenössische Kunst aus Aserbaidschan", me Collectors Room, 2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
    Ausstellungsansicht "Fly to Baku. Zeitgenössische Kunst aus Aserbaidschan", me Collectors Room, 2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Möglichkeit der Selbstentfaltung

Die meisten der in »Fly To Baku« präsentierten Werke wurden speziell für diese Schau geschaffen und von der Heydar-Aliyev-Stiftung, die sich Nichtregierungsorganisation nennt, in Auftrag gegeben. Kunst ist in Aserbeidschan Chefinnensache, denn die Stiftungspräsidentin ist Mehriban Aliyeva, Ehefrau des aserbeidschanischen Diktators, und ihre älteste Tochter gefällt sich in der Rolle der Stiftungsvizepräsidentin und Kunstmäzenin, wobei der Eindruck entsteht, dass sie vor allem die Förderung der eigenen Artefakte im Auge behält. Die 27-jährige Erste Tochter des an Erdöl und Erdgas reichen Landes, in dem fast die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt, scheint mit vielen musischen Talenten gesegnet zu sein: Sie schreibt Gedichte, am liebsten über ihren Opa Heydar Aliyev (1923-2003), Begründer des aserbaidschanischen Herrscherclans, ist Chefredakteurin des Hochglanzmagazins »Baku«, zeichnet ferner Liebende, Herzen, Früchte, Fliegen, Schlangen und spärlich bekleidete Schönheiten, die Gesichtszüge der vielseitig begabten jungen Frau und ein Messer in der Hand tragen.

Leyla Aliyeva, Illustrationen, Ausstellung "Fly to Baku", me Collectors Room, 2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Leyla Aliyeva, Illustrationen, Ausstellung „Fly to Baku“, me Collectors Room, 2012. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

»Zeitgenössische Kunst ist meine große Leidenschaft«,

schreibt sie im Vorwort zum Ausstellungskatalog, dessen Titelseite selbstverständlich ihre Zeichnung »Shadows« schmückt. Deshalb ist es auch logisch, dass den recht naiven Bildchen der künstlerischen Autodidaktin auffallend viel Platz in »Fly To Baku« eingeräumt wird. »Die sehr persönlich gehaltenen Illustrationen lassen darauf schließen«, so der Katalog,

»welche Bedeutung der Kunst in ihrem alltäglichen Leben zukommt, ob als Schirmherrin, als glühender Fan oder als Möglichkeit der Selbstentfaltung.«

Schöne neue Kunst

Aida Mahmudova. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Aida Mahmudova. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Etwas weniger glühend entfaltet sich die 30-jährige Aida Mahmudova, Leylas Cousine und Absolventin des renommierten Central St. Martins College of Art and Design in London, die sich nicht nur der Malerei, sondern – als Leiterin der Nichtregierungsorganisation Yarat! Contemporary Art Space – auch der Förderung der zeitgenössischen aserbaidschanischen Kunst verschrieben hat. Ihre drei im me Collectors Room gezeigten großformatigen Acrylbilder sind getönte Landschaften, die seltsam entrückt und leblos anmuten. Das ist überhaupt ein Hauptmerkmal dieser Ausstellung, zu deren Eröffnung ein Drittel der Mannschaft von »Fly To Baku« erschienen war: Sie wirkt außerordentlich harmonisch, ästhetisch und ornamental, ist vor allem eine schöne farblich aufeinander abgestimmte Kulisse, die sich gut sehen und gedankenlos konsumieren lässt. Es gibt nichts, was an den Kunstwerken zu bemängeln wäre: Sie sind in den meisten Fällen gelungen, vielfältig, bedienen jeden Geschmack. Sie sind eine makellose Hülle mit sehr wenig Inhalt. Diese Kunstwerke sind zahnlos und harmlos, denn sie schweigen sich über »Leben und Kontraste« in Aserbaidschan aus. Sie sind Ornament und Dekoration: Schmuckstücke der Macht. Auf die Frage, warum nach dem Besuch des Präsidenten Ilham Aliyev auf der Biennale von Venedig im Juni 2011 aus dem aserbaidschanischen Pavillon zwei Skulpturen von Aidan Salakhowa entfernt wurden, antwortete einer der an »Fly To Baku« beteiligten Künstlern, das sei ausschließlich aus »technischen Gründen« geschehen. Ach ja, diese »Gründe« wirken lange nach, denn die zensierte Bildhauerin steht nicht auf dem Programm der von Leyla Aliyeva so schön bestückten neuen Kunst aus Aserbaidschan.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff


Fly To Baku
Zeitgenössische Kunst aus Aserbaidschan
4.11.-17.11.2012
me Collectors Room Berlin
Auguststraße 68
10117 Berlin
Di – So 12 – 18 Uhr
Eintritt frei