Die Ahnengalerie aus Aotearoa

Eine Premiere der Superlative: In der Alten Nationalgalerie werden »Die Māori-Portraits« des böhmischen Malers Gottfried Lindauer ausgestellt, dessen Œuvre außerhalb seiner Wahlheimat Neuseeland fast unbekannt ist.  

Ein ungewöhnlicher Anblick: Am Dienstag, den 18. November 2014, belagerten Dutzende Menschen den Eingang zur Alten Nationalgalerie. Nein, es waren keine Touristen, denn was hätten sie schon um diese Zeit, 7 Uhr 34 Minuten, auf der Museumsinsel verloren? Das waren Journalisten, auch sie eher keine Frühaufsteher, die sich dort pünktlich zum Sonnenaufgang versammelt haben, um an einem einzigartigen Presse- und Ausstellungsevent teilzunehmen. Die Sonne ging an diesem trüben Morgen unbemerkt auf, doch das war nicht wichtig. Was die en masse Versammelten neugierig machte, waren die aus dem Musentempel nach außen drängenden Laute und Gesänge. Als dann endlich seine Tore geöffnet wurden, strömte die mit Handys, Kameras und Mikrofonen bewaffnete Menge per pedes in den dritten Stock, angeführt von vier barfüßigen, spärlich bekleideten und üppig tätowierten Männern, die zuvor in einer rituellen Zeremonie die Museumsräume einweihten und segneten: Die Ahnengalerie der Māori aus Aotearoa, dem Land der langen weißen Wolke, wurde somit für die Besichtigung freigegeben.

Der Maler der Māori

Die 49 Portraits der Māori aus Aotearoa, wie Neuseeland in ihrer Sprache heißt, sind das Werk des böhmischen Emigranten und Künstlers Gottfried Lindauer, der ein halbes Jahr lang in der Alten Nationalgalerie mit einer großartigen Schau gewürdigt wird. Der von den Māori hochverehrte Mann, der in seiner Wahlheimat Kultstatus genießt, kam am 5. Januar 1839 als Bohumír Lindauer in Pilsen in Österreich-Ungarn zur Welt. Während seines Studiums an der Akademie der bildenden Künste in Wien änderte er seinen Vornamen in Gottlieb. 1873 flüchtete er vor dem Militärdienst nach Hamburg und von dort fuhr er 1874 auf einem Schiff nach Wellington. Später ließ er sich in Auckland nieder und machte sich als Portraitmaler einen Namen. Um für neue Aufträge zu werben, stellte er seine Bilder in Schaufenstern aus und schaltete Anzeigen in den Zeitungen. Zu seinem Kundenstamm zählten zunehmend Familien ranghoher Māori. Einer der Förderer Gottfried Lindauers war der britische Geschäftsmann Henry Partridge (1848 – 1931), Inhaber einer florierenden Tabakhandlung in Auckland, der beim Künstler zahlreiche Māori-Portraits bestellte. 1915 stiftete Partridge seine Sammlung der Auckland Art Gallery Toi o Tāmaki, die sie bis heute betreut. Beraten wird sie seit zehn Jahren von den Haerewa, einer Gruppe māorischer Künstler und Wissenschaftler, welche, zusammen mit den Nachfahren der Portraitierten, die Erlaubnis erteilt haben, ihre beeindruckende Ahnengalerie zum ersten Mal außerhalb von Aotearoa/Neuseeland, und zwar in der Alten Nationalgalerie in Berlin, auszustellen.

Gottfried Lindauer, Die Māori-Portraits, Alte Nationalgalerie Berlin, 2014/2015, Ausstellungsfragment. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Gottfried Lindauer, Die Māori-Portraits, Alte Nationalgalerie Berlin, 2014/2015, Ausstellungsfragment. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Bewegende Bildnisse

Die zwischen 1874 – 1907 entstandenen Bildnisse des am 13. Juni 1926 in der neuseeländischen Kleinstadt Woodville verstorbenen Gottfried Lindauer hängen jetzt in unmittelbarer Nähe der Meisterwerke von Caspar David Friedrich und Karl Friedrich Schinkel in der Sammlung europäischer Kunst des 19. Jahrhunderts. Der aus Europa stammende Maler portraitierte die Hautevolee der Māori, von deren Rang ihre Kleider, ihr Schmuck, ihre Waffen als Insignien der Macht, ihre edlen Gesichtszüge, die von den aufwändigen Tätowierungen – Tā moko – unterstrichen werden, zeugen. Die im Stil der Nazarener gemalten Portraits entfalten eine starke Wirkung, denn sie stellen Menschen dar, die an ihrer Identität festhalten, obwohl ihre Kultur und Tradition von den Kolonisatoren lange Zeit als minderwertig, bestenfalls als ein Sammelsurium ethnografischer Kuriositäten und gewinnbringender Artefakte betrachtet wurde. Gottfried Lindauer gab den von ihm portraitierten Māori ihre Würde, ihre Größe und ihre Geschichte zurück. Die meisten der Bilder sind erst nach dem Tod der darauf Abgebildeten gefertigt worden und tragen zu Whakapaka, dem gemeinsamen genealogischen Wissen bei. Lindauers Portraits der Māori sind auch deshalb so bewegend, weil sie Menschen darstellen, die ihre Verletzlichkeit, Gebrechlichkeit, Trauer, Enttäuschung und die Spuren, welche das Leben in ihre Antlitze geritzt hat, nicht zu verbergen versuchen. Das, und nicht die adelige Herkunft oder die Meriten als Stammesführer, macht vor allem ihre Stärke aus. Der dunkle, fast monochrome Hintergrund, vor dem sie in Szene gesetzt wurden, sorgt dafür, dass der Blick des Betrachters sich auf das Wesentliche konzentriert: auf die Gesichter der Portraitierten, in denen sich die Geschichte ihres Volkes widerspiegelt. Die Bilder sind altmeisterlich. Lindauer war ein Perfektionist, das sieht man auf den ersten Blick. Kein Pinselstrich ist zu sehen, kein Pinselhaar steckt in der Farbe, die Oberfläche ist glatt, vollkommen und sinnlich. Während die europäischen Maler seiner Zeit die Bilder dekonstruierten, rekonstruierte er mit den Mitteln der traditionellen Malerei die Geschichte der Māori, denen er sich zugehörig fühlte.

Historisch, fotorealistisch und modern

Gottfried Lindauer und seine einzigartigen Portraits kommen spät nach Berlin, doch sie kommen zur richtigen Zeit. Die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie ist historisch und zugleich sehr modern. Sie zeigt, dass die Kunstgeschichte kein abgeschlossener Prozess ist. Zum Glück weiten die Mobilität und die Globalisierung den bisher europazentrierten kunsthistorischen Blick auf andere Gegenden der Welt aus. An ihren Antipoden wird ein Künstler entdeckt, der bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Glokalisierung antizipierte, indem er die Vertreter der lokalen Māori-Gesellschaft nach Art der damaligen europäischen, also sozusagen globalen Malerei verewigte. Seine Bilder sind fotorealistisch, denn sie entstanden anhand von Fotos, die er häufig mit einem Diaskop auf die Leinwand projizierte. Neben den Portraits werden in zwei kleineren Kabinetten 96 Fotografien der Māori gezeigt, die Gottfried Lindauer als Vorlage nutzte oder die Personen darstellen, welche von ihm gemalt wurden. Geradezu fesselnd ist eine siebenteilige Videoprojektion, in der die Nachkommen der vom Künstler Portraitierten über ihre Vorfahren erzählen. Das Ganze rundet der wunderbare Katalog ab: mit kurzweiligen und sehr informativen Texten, den Reproduktionen aller Bilder samt der dazu gehörenden Biografien sowie einem Glossar der māorischen Begriffe. Ja, das ist in der Tat ein Standardwerk der Māoristik. 

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff
Erschienen im strassen|feger 25/2014


Gottfried Lindauer. Die Māori-Portraits
Noch bis zum 12. April 2015
Alte Nationalgalerie
Bodestraße 1 – 3
10178 Berlin

Eintritt 12 / 6 Euro

Katalog, Deutsch/Englisch, Preis der Museumsausgabe: 40 Euro

Öffnungszeiten:

Di, Mi, Fr, Sa, So – 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 20 Uhr

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Bildungs- und Vermittlungsprogramm begleitet.