Ins A Kromminga: Solche »Ahnen« gehen nicht von dannen

Mit der Schau „Homosexualität_en“ präsentieren das Deutsche Historische Museum und das Schwule Museum Berlin erstmals eine umfassende Ausstellung zur Geschichte, Politik und Kultur der Homosexualität, die in beiden Museen stattfindet. Es ist ein besonderes Ereignis, denn noch nie wurde der Beitrag der Schwulen und Lesben zur gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung nicht nur in Deutschland, sondern auch ihr Kampf gegen Ausgrenzung, Kriminalisierung und für eine offene, tolerante und liberale Gesellschaft in einem so großen Umfang und mit einer so überwältigen Materialfülle gezeigt. Während die aus zehn Kapitel bestehende Ausstellung im DHM vor allem einen dokumentarisch-historischen Charakter hat, ist im Schwulen Museum multimediale und internationale Kunst zu sehen, die sich größtenteils mit der Homo-, Trans- und Intersexualität auseinandersetzt, darunter Arbeiten von Andy Warhol, Louise Bourgeois, Monica Bonvicini, Stefan Thiel, Elmgreen & Dragset und Katarzyna Kozyra.

Von Urszula Usakowska-Wolff

In dieser recht illustren Runde ist auch Ins A Kromminga mit der Installation »Ahnen« vertreten. Alles, was Ins in der Kunst macht, die besagten »Ahnen« inbegriffen, ist erste Sahne, auch wenn das Gezeigte zuerst ziemlich bitter schmeckt. Das muss so sein, denn Ins macht einfach Kunst, um die Menschen dafür zu sensibilisieren, welche verheerenden körperlichen und seelischen Auswirkungen das binäre Geschlechtersystem hat.

Ins A Kromminga, Ahnen, Schwules Museum. Foto © Usakowska-Wolff
Ins A Kromminga, Ahnen, Schwules Museum. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Was wuchert da unter der Decke und kräuselt sich wie Lava auf der Wand? Etwas Bedrohliches ist es, ein Ungeheuer, ein schwarzes Monster, das gerade auf dem Sprung ist, sich über den Raum zu ergießen und ihn in Besitz zu nehmen. Das unheimlich wirkende »Etwas« sieht ein bisschen wie ein Polyp aus: Sein Körper setzt sich aus einem zellenartigen Gewebe zusammen, aus seinem Kopf ragen mehrere Saugnäpfe, seine Haut ist mit Haaren bewachsen, die vielleicht Algen sind. Diese überlebensgroße Wandmalerei, die wie eine Plastik anmutet, ist von über 30 kleinformatigen ungerahmten und gerahmten Zeichnungen umgeben. Die meisten davon sind mit einem Text versehen. Auf einer Zeichnung ist ein unverkennbar männliches Porträt mit der Überschrift »Herm Boy«, auf einer anderen ein bärtiger und langhaariger Mann, der ein dekolletiertes Damenkleid und die Überschrift »Girl Herm« trägt, zu sehen. Das Gesicht einer jungen Frau mit Pferdeschwanz ist mit Haaren bewachsen, denn, wie geschrieben steht: »She Loves Her Hair«. Aus einer Kapuze wachsen tentakelartige Gebilde heraus. »Das ist sicher ein Ausschlusskriterium«, lautet der Kommentar dazu. Es gibt auch einen Engel mit dem Kopf eines Jünglings und weiblichen Brüsten, dessen Geschlechtsteil mit einem großen rosa Punkt verhüllt ist. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: »Boy? Girl?? Or Monster???« Vielleicht ein »Girl-Monster or Boy-Monster?«

Ins A Kromminga, Girl-Monster or Boy-Monster. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Ins A Kromminga, Girl-Monster or Boy-Monster. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Nicht normkonform

Aus solchen seltsamen Textbildern besteht die opulente und gleichzeitig fragile Installation »Ahnen« von Ins A Kromminga, die im letzten Raum der Ausstellung »Homosexualität_en« im Schwulen Museum präsentiert wird. Zu den »Ahnen« Mutanten, Monster, Freaks und Außenseiter, also fantastische oder reale Geschöpfe, die eins verbindet: Sie sind alle nicht normkonform. Dieses künstlerische Vokabular, einem Kuriositätenkabinett entsprungen, dient Ins dazu, unbequeme Fragen zu stellen und auf Probleme hinzuweisen, die den meisten Menschen vermutlich fremd oder wenig geläufig sind: Muss ein Mensch entweder Mann oder Frau sein? Warum haben Kinder oder häufig auch Erwachsene mit uneindeutigem Geschlecht kein Recht auf körperliche Unversehrtheit? Wer ist defekt und wer ist intakt? Warum geraten Menschen, die durch ihre angeblich von der Norm abweichenden körperlichen Merkmale Aufsehen erregen, immer wieder in die Schlagzeilen? Wer legt die Normen fest und wer entscheidet darüber, was ins Schema passt? Gesellschaft, Politik, Kultur, Medizin? Tradierte falsche Vorstellungen, Angst, Vorurteile? Ein Thema, das im zeichnerisch-installativen Werk von Ins eine große Rolle spielt, ist die Darstellung der Andersartigkeit von der Antike bis heute: Kugelmenschen, Wolfsmenschen, Meeresungeheuer, Hermaphroditen, siamesische Zwillinge, Brustköpfler oder andere Ungeheuer. »Ich mag runde Elemente, Augen, Zellen, ich würde es nicht gern definieren. Es sind so Sachen, die zeichnerisch entstehen, Saugnäpfe, Wucherungen, etwas Organisches, das wächst, das nicht so ganz kontrollierbar ist«, sagt Ins.

Ins A Kromminga, Genitalpanik. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Ins A Kromminga, Genitalpanik. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Artigkeit und Abartigkeit

Ins A Kromminga, 1970 in Emden geboren, ist ein intersexueller Mensch, seine Kunst ist mit seinem Leben und seinem Engagement in der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) eng verbunden. Intersexuell bedeutet: sie ist er, also »Frau Maphrodit« und »Herr Maphrodit« in einer Person, kurzum: Herm. »Weil ich Aktivist_in und Künstler_in bin, fließt das in meine künstlerische Arbeit mit ein. Doch ich finde, dass Kunst nicht einfach nur Aktivismus sein darf, deshalb sind viele meiner Arbeiten nicht plakativ«, so Ins. Nach dem Studium an der Hochschule für Künste Bremen sowie an der Tulane University in New Orleans »ist Zeichnung gerade das, was ich gelernt und worüber ich Macht habe. Das ist vielleicht ein bisschen mein Problem: Ich zeichne gern naturalistisch, gleichzeitig ist das immer eine Falle, denn wenn man etwas Schönes macht, muss man dann dagegen steuern. Schönheit muss gebrochen werden, sonst ist sie langweilig. Ich zeichne so, dass ich an mindestens 20 Blättern gleichzeitig arbeite. Wenn ich Zeit habe, gehe ich ins Atelier und versuche, dort etwas zu machen, sonst lese ich Texte und überlege mir, welchen Text ich im Bild umsetzen möchte. Das Installative, das Miteinbeziehen der Räume, das Bemalen der Wände hat sich seit meinem Masterstudium in den USA entwickelt.« Für Ins ist Kunst ein Mittel, um die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, welche verheerenden körperlichen und seelischen Auswirkungen das binäre Geschlechtersystem hat. Die (alt)meisterlichen Zeichnungen von Ins wirken auf den ersten Blick schön und harmonisch. Erst beim genauen Hinschauen offenbart sich ihr schockierender Inhalt, der einen gewaltigen Kontrast zu den sanften Farben und den zarten Strichen bildet. Der Traum in Pastell ist in Wirklichkeit ein Albtraum, denn »Artigkeit und Abartigkeit« sind nicht weit voneinander entfernt.

Ins A Kromminga, Ahnen, Installationsfragment, Schwules Museum. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Ins A Kromminga, Ahnen, Installationsfragment, Schwules Museum. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Ambivalent und stringent

»Meine Kunst ist auf der ersten Ebene lustig, denn Humor ist, wie ich glaube, ein Weg, um die Leute an ein Thema, das ernst um heftig ist, heranzuführen. Das ist halt diese nächste Ebene, wo sie sich fragen können, was das ist und woher das Bild eigentlich kommt.« Wenn man Ins´ Zeichnungen genau betrachtet, gibt es wirklich nichts zu lachen. Um die Wut und Verzweiflung der Menschen auszudrücken, die auf Teufel komm raus der »normalen« oder genormten Mehrheit angepasst, also verstümmelt werden, bedient sich Ins A Kromminga weniger Zeichen und Worte: Ein kleines Mädchen, dem offensichtlich Sexualdifferenzierungsstörungen DSD attestiert wurden, bereitet sich darauf, zwei Bomben auf ein Krankenhaus zu werfen. Es will kein Opfer von »Prader« sein. Das klingt zwar so ähnlich wie »Prada«, ist aber kein italienisches Modelabel, sondern der Schweizer Kinderarzt und Endokrinologe Andrea Prada, der unter anderem 1966 das Orchidometer, ein medizinisches Instrument zur Bestimmung des Volumens menschlicher Hoden konstruiert hatte. Die Kunst aus der Hand von Ins ist ambivalent und stringent, vielschichtig, einfach, komplex und subversiv, was sich aber erst bei genauer Betrachtung seiner Zeichnungen, für die sie_er verschiedene Techniken wie Bleistift, Kohle und Aquarell benutzt, offenbart. Diese Kunst ist beständig und ephemer, filigran und monumental, denn die Art der Präsentation ist jedes Mal auf einen konkreten Raum zugeschnitten. Die kleinen Wandzeichnungen hängen neben einer großen Wandzeichnung, von der nach dem Ende der Ausstellung keine Spur mehr übrig bleiben wird: Sie wird mit weißer Farbe übertüncht, um anderen Künstler_innen Platz zu machen.

Ins A Kromminga, Ettlich sind bederley geslechts. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Ins A Kromminga, Ettlich sind bederley geslechts. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Zwei Geschlechter in einer Brust

Die Installation »Ahnen« im Schwulen Museum hat auch einen metaphorischen Sinn. Sie zeigt nicht nur die Vielfalt des Lebens und die Grausamkeit der Normen, welche dazu zwingen, die geschlechtliche Ambiguität abzulehnen, ärztlich zu behandeln und zu »heilen«, ohne Rücksicht auf die körperlichen und geistigen Folgen der davon Betroffenen. Sie zeigt darüber hinaus, dass es schon immer Menschen gab, in dessen Körpern zwei Geschlechter lebten. Kein Wunder, dass sich Ins A Kromminga von Hartmann Schedel (1440 – 1515) inspirieren lässt. Dieser Arzt, Humanist und Historiker veröffentlichte 1493 auf Deutsch und Lateinisch seine »Weltchronik«, auch als »Nürnberger Chronik« oder »Schedelsche Weltchronik« bekannt. Zu ihrer Berühmtheit trugen die Illustrationen von Michael Wohlgemut bei, eines Nürnberger Malers und Meisters des Holzschnitts, in dessen Malerwerkstätte Albert Dürer 1486 eintrat. Ins integriert Bilder und Texte vom Ende des 15. Jahrhunderts in ihre_seine Zeichnungen, zum Beispiel das Konterfei einer Person, die offensichtlich ein Hermaphrodit ist. Was man sieht, das kann man heute auch gut lesen und verstehen, obwohl sich die deutsche Sprache seitdem etwas verändert hat: »Ettlich sind bederley geslechts. Die recht prust ist in manlich und die lingk weibisch und vermischen sich undereinand in gepern.« Das bedeutet: Nicht nur zwei Seelen, sondern auch zwei Geschlechter wohnen ach! in so mancher Brust…

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 22/2015


Homosexualitäten
26. Juni bis 1. Dezember 2015
Deutschtes Historisches Museum
Schwules Museum *