Uhren, Spiegel, Steine: Die Ausstellung »Monolog aus dem 11ten Stock« von Alicja Kwade im Haus am Waldsee

Alicja Kwade, 1979 in Kattowitz, Polen, geboren, lebt seit 1986 in Deutschland. Von 1999 -2005 studierte sie an der Universität der Künste Berlin. Sie ist eine der bekanntesten und gefragtesten Künstlerinnen ihrer Generation und hatte bisher 30 Einzelausstellungen weltweit. Die mit zahlreichen Auszeichnungen, zuletzt mit dem Hektorpreis der Kunsthalle Mannheim bedachte Bildhauerin lebt und arbeitet in Berlin. 

Rezension und Fotos: Urszula Usakowska-Wolff

Eine gewöhnliche altmodische Wanduhr, rund, mit metallischem Gehäuse, innen weiß, die Zeiger schwarz. Dass sie doch etwas anders tickt, als eine herkömmliche, merkt man erst beim genauen Hinschauen. Nur der Sekundenzeiger bewegt sich: Mal schneller, mal langsamer zieht er seine Bahnen, während der Stunden- und Minutenzeiger stillstehen. Obwohl sich etwas fortwährend bewegt, bewegt sich offensichtlich nichts: Es ist die ganze Zeit zweieinhalb Minuten vor elf. Ganz unbeweglich ist dagegen eine Tür, die sich auch in diesem Raum, und zwar fast genau in seiner Mitte, befindet. Dass es eine Tür ist, sieht man ja, aber sie steht auf dem Fußboden und ist zu einer halb offenen Rolle gebogen: ein Objekt, das seiner ursprünglichen Verwendung trotzt.

Alicja Kwade, Eadem Mutata Resurgo 9 (Tür), 2013 und Influence (Wanduhr), 2015. Foto © Urszula Usakowska-Wolff , VG Bild-Kunst, 2015
Alicja Kwade, Eadem Mutata Resurgo 9 (Tür), 2013 und Influence (Wanduhr), 2015. Foto © Urszula Usakowska-Wolff , VG Bild-Kunst, 2015

Es tickt nicht so richtig

Eckiges wird rund, Spiegel beschlagen von selbst oder werden zu Staub, Äste sind mal echt, mal täuschend echt, die Chemie eines Radios, das heißt so und so viel Kunststoff, Eisen, Messing, Kupfer, Magnet, Keramik, Silber und noch viele andere Elemente stecken pulverisiert in 17 Gläsern in einer Vitrine; aus einem Abakus sind Kugeln ausgebrochen und schmücken wie ein Teppich den Boden; Trichter aus Kupfer bilden kommunizierende Gefäße, unter denen Häufchen aus zermahlenen Steinen liegen. Es gibt auch eine bronzene »Marsmelone« und eine bronzene »Quantenbanane«, darüber hinaus drei mit verspiegeltem Glas überzogene Uhren, die unter ihren glatten Oberflächen leise vor sich ticken. Doch was hier sonst auch tickt, tickt nicht richtig, denn nichts ist so, wie es ist oder sein sollte, wenn es aus der Hand von Alicja Kwade stammt. Sie ist eine Meisterin der Verfremdung und Verwirrung, die ein Universum schafft, in dem man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Ihre Soloschau verwandelt das Haus am Waldsee, eine Anfang der 1920er Jahre gebaute einstöckige Villa in Berlin-Zehlendorf, die seit dem Ende des zweiten Weltkriegs als Ausstellungsort dient, in ein Wunderland, das hinter den verspiegelten oder mit milchiger Folie beklebten Fenstern liegt: Eine von der Außenwelt abgeschirmte, in diffuses Licht getauchte Welt, die einen melancholischen altmodischen Charme versprüht und durch eine kühle Ästhetik besticht.

Alicja Kwade, Watch 1950, 2008 (links), Watch 2, 2007 und Watch (Kienzle), 2009. Foto © Urszula Usakowska-Wolff, VG Bild-Kunst, 2015
Alicja Kwade, Watch 1950, 2008 (links), Watch 2, 2007 und Watch (Kienzle), 2009. Foto © Urszula Usakowska-Wolff, VG Bild-Kunst, 2015

Wissenschaft als Quelle der Kunst

»Monolog aus dem 11ten Stock« ist der Titel dieser Ausstellung und das Erste, worüber man staunt. Zum einen ist ein Monolog bekanntlich ein Einzelgespräch – und hier werden allem Anschein nach Dialoge mit den Dingen geführt. Zum anderen: Wo ist der elfte Stock in einem Haus, das nur eine Etage hat? Er liegt wohl hoch am oder sogar im Himmel, in unermesslichen kosmischen Höhen und Weiten, welche die Künstlerin zu ergründen und auf die Erde holen möchte. Sie interessiert sich für Sachen, die schwer zu verstehen, schwer zu vermitteln und schwer zu veranschaulichen sind, obwohl sie unser tägliches Leben vom Anfang bis zum Ende bestimmen und begleiten: Raum und Zeit und alles, was sich darin so und nicht anders ereignet. Alicja Kwade schöpft die Themen ihrer Kunst aus der Wissenschaft, bevorzugt aus der Relativitätstheorie. Sie hat ein Faible für theoretische Konstrukte und stellt sie zugleich in Frage. Die Zeit gibt es wirklich, obwohl sie niemand greifen und so richtig begreifen kann. Sie steht nie, geht immer vorwärts und vergeht. Warum sie aber so und nicht anders gemessen wird, das ist für Alicja Kwade die Frage. Es könnte womöglich eine andere Zeitmessung, eine andere Struktur der Zeit geben – und wenn, dann welche? Die Systeme, die unserem Leben zugrunde liegen, wurden ausgedacht und mutierten zur Norm, um es zu ordnen und überschaubarer zu machen. Sind diese Strukturen einzig und ewig – oder könnten auch andere existieren? Ist die Wirklichkeit, also die Welt, in der wir uns bewegen, singulär oder gibt es auch Paralleluniversen?

Alicja Kwade, Hypothetisches Gebilde. Foto © Urszula Usakowska-Wolff, VG Bild-Kunst, 2015
Alicja Kwade, Hypothetisches Gebilde. Foto © Urszula Usakowska-Wolff, VG Bild-Kunst, 2015

Auf die Form kommt es an

Alicja Kwade lässt sich von der Wissenschaft, von den »Hypothetischen Gebilden«, wie eine ihrer Rauminstallationen heißt, inspirieren, doch ihre im Haus am Waldsee gezeigten, fast ausschließlich skulpturalen Arbeiten, sind weder verkopft noch theorielastig. Man muss keine Ahnung von der Raumzeit-Krümmung, von den Zwillingsparadoxa und den Wurmlöchern haben, um sich an der ambivalenten und in der Tat recht paradoxen Welt dieser Künstlerin zu erfreuen. Es ist eine Welt der einfachen und altbekannten Dinge, die uns so vertraut sind, dass wir über ihre Funktionalität und ihren Zweck nicht nachdenken müssen und deshalb verblüfft sind, wenn sie in einer anderen Form erscheinen: gebogen, in ihre Einzelteile zerlegt und zermahlen. Auf die Form kommt es beim Sehen und Beurteilen ja an: einfache Steine muten wie »Bordsteinjuwelen« an, wenn sie denn entsprechend geschliffen werden. Alles ist zugleich konstant und relativ, greifbar und unbegreiflich, einzeln und vielfach wie die Spiegelungen und Doppelungen in den Spiegeln, die Alicja Kwade, neben Steinen und Uhren, so sehr liebt. Auch ihre Einmaligkeit ist nicht so sicher, denn, wie auf den beiden Fotos unter dem Titel »Ich ist eine Andere« zu sehen, ist ihr eine Frau, auf deren Foto sie in einem Magazin gestoßen war, zum Verwechseln ähnlich. Hat Alicja Kwade eine Doppelgängerin oder ist sie die Doppelgängerin der Fremden?

Alicja Kwade, Ausstellung "Monolog aus dem 11ten Stock". Foto © Urszula Usakowska-Wolff, VG Bild-Kunst
Alicja Kwade, Ausstellung „Monolog aus dem 11ten Stock“. Foto © Urszula Usakowska-Wolff, VG Bild-Kunst

Im Nachhinein ein Anderer sein

Damit nicht genug: »Ich ist eine Andere« –  und auch ein Anderer. Das erfahren wir aus der vierteiligen Papierarbeit, in der die Künstlerin einen Brief des Erfinders, Physikers und Elektroingenieurs Nikola Tesla (1856 – 1943) vom Anfang des 20. Jahrhunderts täuschend echt gefälscht und als ihr eigenes Schriftwerk einem Graphologen in München 2011 geschickt hat. In dessen Begutachtung können wir unter anderem lesen: »Schreiber ist männlich und hat diesen Brief in einem Alter von etwa 45 Jahren geschrieben. Das Geburtsjahr ist unbekannt. Der Schreiber ist intellektuell und sozial überdurchschnittlich differenziert. Auffallend sind eine lebendige Emotionalität, feinsinnige Vitalität und ein beweglicher freier Geist.« Darüber hinaus bescheinigt der Graphologe Dr. Franz aus München, dass der »Schreiber« auch über andere Eigenschaften wie Humor, Unternehmensfreude und ein wenig Eitelkeit verfügt und dass ihm »Züge von Exzessivität und Verschwendung zu eigen sein durften«, eben das, was eine »kreative und schillernde Persönlichkeit« auszeichnet. Dieses Gutachten ist ein Beweis, dass es die Seelenwanderung und die Reinkarnation gibt. Die Papierarbeit »Beeing Nicola Tesla« zeigt Schwarz auf Weiß: Nicola ist als Alicja wiedergeboren. Oder auch nicht, denn in Wirklichkeit wird der Vorname des Entwicklers des Zweiphasenwechselstroms nicht mit einem c, sondern mit einem k geschrieben.

Alicja Kwade, Radio (Alicja R-603), 2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff , VG Bild-Kunst, 2015
Alicja Kwade, Radio (Alicja R-603), 2014. Foto © Urszula Usakowska-Wolff , VG Bild-Kunst, 2015

Warum ist die Tür krumm?

»Ich sehe die Realität nicht als etwas Absolutes, sondern als eine Möglichkeit von vielen«, sagt Alicja Kwade. Dinge, die für sie die Kunst bedeuten, sind einfach und zugleich kompliziert, was sich jedoch unter der Oberfläche abspielt. So symbolisiert etwa ein ovaler Spiegel, der von unsichtbaren Apparaten gekühlt und erwärmt wird und deshalb zu schwitzen scheint, die »Anwesenheit in Abwesenheit«. Und »Alle Zeit der Welt« haben drei mit einer kettenartigen Konstruktion verzierten Stäbe aus Kupfer und Edelstahl. Warum ist aber bei Alicja Kwade die Tür krumm? Der Titel dieses Objekts, »Eadem Mutata Resurge«, bezieht sich auf die Logarithmische Spirale, mit der sich der Schweizer Mathematiker und Physiker Jakob I. Bernoulli (1654 – 1705), der einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Wahrscheinlichkeitstheorie geleistet hat, beschäftigte. »Eadem Mutata Resurge« bedeutet auf Deutsch »Verwandelt kehr‘ ich als dieselbe wieder«. Was Alicja Kwade in ihrer Kunst zeigen möchte, kann man auch mit den Worten eines anderen großen Mannes, der vor nicht zu langer Zeit lebte, beschreiben: Es ist »Die Ewige Wiederkunft des Gleichen«.

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 20/2015


Alicja Kwade
Monolog aus dem 11ten Stock

Noch bis zum 22. November

Haus am Waldsee
Argentinische Allee 30
14163 Berlin

Öffnungszeiten:
Di – So 11 – 18 Uhr

Eintritt 7 / 5 Euro

www.hausamwaldsee.de