Gérard Gartner, Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Gérard Gartner oder Die Liebe zur Anarchie

In der Galerie Kai Dikhas, dem »Ort des Sehens« im Aufbau Haus am Moritzplatz, wo ausschließlich die Kunst von Roma und Sinti gezeigt wird, findet erneut eine großartige Ausstellung statt, die keinesfalls verpasst werden darf. Unter dem Titel »Ultima Verba« lässt uns dort Gérard Gartner einen ersten und zugleich letzten Einblick in sein Kunstuniversum gewähren, bevor es nach dem Willen des Bildhauers den Weg alles Irdischen geht.

Von Urszula Usakowska-Wolff

Die Skulpturen und Reliefs sehen aus, als seien sie aus kostbaren Stoffen gefertigt: aus Bronze, Murano-Glas, Porzellan, Edelkeramik, Teak- und Ebenholz, Carrera-Marmor oder Achat. Ihre Formen zeichnen sich durch Vielfalt aus, sie sind biomorph, schlängeln sich und wuchern, manche erinnern an Porträtbüsten, Masken, seltsame Tiere, Muscheln, Monstranzen, Kelche oder das Faltengewand einer Nike von Samothrake. Diese matten oder glänzenden Schmuckstücke sind monochrom oder mehrfarbig, wobei Erdtöne das Auge erfreuen. Die Plastiken sind gleichermaßen harmonisch und dynamisch, fest und filigran, strahlen Ruhe und Energie aus. Sie scheinen in Bewegung zu sein, ja, sie zelebrieren geradezu ekstatisch die Bewegung als Quintessenz des Lebens. Sie sorgen dafür, dass man sich in ihrer Umgebung wohl, aber auch etwas verunsichert fühlt.

Gérard Gartner, Ausstellung "Ultima Verba", Installationsansicht, Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Gérard Gartner, Ausstellung „Ultima Verba“, Installationsansicht, Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Premiere und Dernière in einem

Die Einzelausstellung des französischen Künstlers Gérard Gartner, die jetzt in der Galerie Kai Dikhas gezeigt wird, ist zugleich eine Premiere – und eine Dernière, eine grandiose Schau der Gegensätze. Gartners erste Personale in Deutschland ist nämlich auch die letzte Präsentation seiner Werke, die er als D.I.R. bezeichnet, überhaupt. Unter dem Titel »Ultima Verba« gewährt er uns einen Einblick in sein Kunstuniversum, bevor es sich, Anfang des nächsten Jahres, nach dem Willen des Bildhauers in Staub, besser gesagt, in Pulver auflöst. »Die letzten Worte« – das klingt recht subversiv und beinhaltet eine Prise schwarzen Humors. Denn jene »letzten Worte«, die von berühmten Männern und Frauen tatsächlich oder angeblich unmittelbar vor ihrem Ableben ausgesprochen wurden – und von Zeugen für die Nachwelt kolportiert werden, treffen in diesem Fall nicht zu. Der Künstler steht ja mitten im Publikum, wirkt überaus munter und viel jünger, als er in Wirklichkeit ist. Er freut und wundert sich offensichtlich auch ein bisschen darüber, dass so viele Leute gekommen sind, um sein außergewöhnliches und zur Kurzlebigkeit verurteiltes Œuvre zu goutieren.

Gérard Gartner, Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Gérard Gartner, Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Plastiken aus Plastik

Das Außergewöhnliche an diesen knapp 50 Objekten, die sehr edel und teuer wirken, sodass sie in den Wohnungen des Mittelstandes und den Salons der Oberschicht eine gute Figur machen könnten, ist, dass sie aus außerordentlich gewöhnlichen Materialien geschaffen wurden. Das geheimnisvolle Akronym D.I.R, das Gérard Gartner für seine Plastiken erfand, steht für »Déchets Industriels Recyclés«, recycelte Industrieabfälle, also für all das Plastikzeug wie PET-Flaschen, Kanister, Einweggeschirr, Kämme, Säcke und Tüten, die irgendwann auf der Müllhalde landen, bestenfalls wiederverwertet oder in einer Müllverbrennungsanlage verheizt werden. Gérard Gartner ist ein Plastiker, der diesen Begriff wörtlich nimmt und aus Plastik Plastiken macht. Er holt sich den Plastikmüll, bevor der recycelt wird, und bearbeitet ihn, ohne Schutzanzug, mit Bunsenbrenner, Lötlampe und Bohrgerät zu Figuren, die, so Moritz Pankok, Kurator und künstlerischer Leiter der Galerie Kai Dikhas, »wie kühne und freche Lebewesen erscheinen.« Weil »kein Titel das Werk erklärt und uns eine Indiz für seine Form liefert, werden die Assoziationen des Betrachters umso mehr zugelassen, ja herausgefordert. Eine Eigenwelt eröffnet sich.«

Moritz Pankok, Leiter der Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Moritz Pankok, Leiter der Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Gipfel der Freiheit

In der Tat ist Gérard Gartners »Eigenwelt« eigentümlich und einzigartig. Er ist ein Meister der Subversion und ein begnadeter Anarchist. Der Stoff, aus dem seine Kunst ist, hat eine extrem lange Lebensdauer. Um sich zu zersetzen, braucht eine Kunststoffflasche bekanntlich 450 Jahre. Doch dieser Künstler ist einer, der in menschlichen Dimensionen denkt und die materiellen Dinge seiner »Eigenwelt«, auch die von ihm selbst erschaffenen, der Nachwelt nicht vermachen möchte. Das ist zum einen Ausdruck seiner künstlerischen Bescheidenheit, zum anderen seine Referenz an einen Freund und Künstler, welcher für ihn der Größte ist und der ihn an die Bildhauerei heranführte: Alberto Giacometti. Zu dessen 50. Todestag am 11. Januar 2016 will Gérard Gartner die D.I.R. vernichten, also eigenhändig schreddern und pulverisieren. Das sind eine Radikalität, ein anarchistischer Akt und ein Manifest, die in der auf Ruhm über den Tod hinaus ausgerichteten Kunstwelt ihresgleichen suchen. Meistens überleben die Kunstwerke ihren Schöpfer und sorgen, wenn die Nachwelt es für richtig hält, für dessen ewige Gloria sowie für das Wohlergehen seiner Nachkommen. Und dieser Künstler wagt es, seinen fast unzerstörbaren Kreationen noch während seines Lebens ein Ende zu setzen! Ein Künstler, der seine eigenen Werke überlebt: Das ist der Gipfel der künstlerischen und individuellen Freiheit.

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Boxer, Bodyguard, Biograf, Bildhauer

Wie die Kunst, so das Leben: der Stoff, aus dem Romane und Filme sind. Gérard Gartner, dessen Ausstellung in der Galerie Kai Dikhas etwas traurig macht, denn es ist die letzte Schau seiner Werke, wurde am 22. Februar 1935 im Norden von Paris in einer Familie von Schrotthändlern geboren. Sein Vater war Rom, seine Mutter Manouche. Weil seine Eltern ums Überleben kämpfen mussten, wuchs er bei seinem Großvater Luis, der Anarchist war, auf. Schon als Kind lernte er führende französische Anarchisten kennen, zu denen die Sänger Charles d’Avray, Louis Lecoin und Georges Brassens gehörten. Unter dem Einfluss des berühmten Boxers Téo Médina, auch er ein Rom, wurde Gérard ein erfolgreicher Amateur- und Profiboxer, arbeitete dann in den 1960er Jahren als Einbalsamierer, Schankwirt, Müllmann, Schauspieler, Lastenträger und schließlich als Bodyguard des französischen Schriftstellers und Kultusministers André Malraux. In dieser Zeit betätigte sich Gérard nebenbei als Porträtmaler. Er freundete sich auch mit Giacometti an, der ihm riet, Bildhauer zu werden. Es sollten einige Jahre vergehen, bis er dessen Rat folgte. Im Mai 1985 organsierte Gérard Gartner in der Conciergerie von Paris die Aufsehen erregende und wegweisende Ausstellung »Première mondiale d’art tsigane« – mit Werken, unter anderem von Serge Poliakoff, Constantin Nepo, Torino Zigler, Natacha Goulesco und David Rauz Kabila: eine wahre Weltpremiere der Roma-Kunst, die er seitdem unermüdlich fördert und popularisiert. Gérard Gartner veröffentlichte auch mehrere Bücher, darunter die Biografie seines Freundes Matéo Maximoff, des ersten Roma-Schriftstellers in Frankreich, wofür er 2007 mit dem Prix Romanès ausgezeichnet wurde. Er war auch Mitentwickler des … Mountainbikes. In den 1980er Jahren trat er endlich als Bildhauer in Erscheinung, wurde weltweit ausgestellt, doch er weigerte sich stets, seine Plastiken zu verkaufen. Als Anarchist lebt Gartner einfach immer wieder vor, dass es sich lohnt, ein Außenseiter zu sein, denn als solcher muss und will er sich den Zwängen dieser auf Erfolg und Anhäufung von materiellen Dingen und Werten »fokussierten Welt« nicht beugen. Chapeau bas, frère Gérard! Vive l’anarchie!

Text & Fotos © Urszula Usakowska-Wolff

Erschienen im strassen|feger 14/2015


Gérard Gartner, Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff
Gérard Gartner, Galerie Kai Dikhas. Foto © Urszula Usakowska-Wolff

Gérard Gartner
»Ultima Verba«

Noch bis zum 22. August

Galerie Kai Dikhas

Aufbau Haus am Moritzplatz

Prinzenstr. 84, Aufgang 2
10969 Berlin

Mi –  Sa 12 bis 18 Uhr

Eintritt frei