Le Contes d'Hoffmann, Premiere, 1.12.18, Deutsche Oper Berlin. Foto Urszula Usakowska-Wolff

Les Contes d’Hoffmann – Premiere in der Deutschen Oper Berlin

Wenn man von einer gelungenen und erfolgreichen Premiere am Abend des 1. Dezember 2018 sprechen kann, dann ist das vor allem einem zu verdanken: Enrique Mazzola. Hatte er mit seinen Meyerbeer-Dirigaten schon das fachkundige Berliner Publikum zu begeistern gewusst, so ist ihm das mit Jacques Offenbachs Contes d’Hoffmann erneut glänzend gelungen, und das Orchester der Deutschen Oper konnte wieder unter Beweis stellen, wozu es unter einem wahren Maestro in der Lage ist.

Von Manfred Wolff

Mazzola gelingt es, das vielfältige musikalische Kaleidoskop Offenbachs zusammenzuhalten, ohne die unterschiedlichen Elemente zu verwischen. Sei es nun das gassenhauerische Couplet von Klein-Zack, die strahlende Arie der Olympia oder der Publikumsliebling Barcarole – sie finden ihren Platz im Operngeschehen, ohne die übrigen Begleitfiguren zu vernachlässigen, denen der musikalische Charakter bewahrt bleibt. Der Militärmarsch zum zweiten Akt bleibt ebenso authentisch wie das klagende Liebeslied der Antonia. Mazzolas Meisterschaft leuchtet auch auf, wenn nach Abschluss eines Liedes in leisen Tönen zur nächsten Szene übergeleitet wird, was mehr Einfühlungsvermögen verlangt als ein starker Schlussakkord.

Da die Contes d’Hoffmann nicht eine Oper mit einem durchgängigen Handlungsstrang sind, sondern eigentlich vier Opern: die drei Erzählungen Hoffmanns und eine Rahmenhandlung, gilt es für die Hauptpersonen, mit denen sich Hoffmann auseinandersetzen muss, vier in ihrem Wesen sehr verschiedene Rollen zu spielen, und das in schneller Folge.

Cristina Pasaroiu, die junge Sopranistin aus Bukarest, schafft es, die stolze Diva Stella ebenso glaubhaft vorzutragen wie die mädchenhafte Antonia, die Puppe Olympia ebenso wie die venezianische Kurtisane Giulietta. Jeder Rolle weiß sie ihre spezifische Stimmfarbe zu geben. Die Koloraturen der  Olympia sind sicher das Glanzstück ihrer Auftritte, aber auch das Liebesduett der Antonia mit Hoffmann verstrahlt tiefe Innigkeit und die eiskalte venezianische Kurtisane Giulietta singt verführerisch die Barcarole. So war ihr immer wieder persönlicher Applaus sicher.

Lindorf, der Hoffmanns Bemühen um die Liebe Stellas hintertreibt, Coppelius, der mit seiner Wunderbrille Hoffmann verleitet und dann im Zorn die Puppe Olympia zerstört, Doktor Miracle, der schon Antonias Mutter auf dem Gewissen hat, und Dapertutto, der Giulietta besticht und den todbringenden Degen Hoffmanns führt, sie alle singt Alex Esposito mit seinem vollen Bassbariton, dem aber manchmal das Böse fehlt. Dabei ist er doch der Teufel in Person.

Ebenfalls vierfach trägt Gideon Poppe in einer Dienerrolle zum Fortgang der Handlung bei.

Irene Roberts wandelt nur zweimal die Person. Anfangs und im Schluss tröstet sie als Muse den Künstler Hoffmann, in den drei Hauptstücken geht die Mezzosopranistin in der Hosenrolle des Nicklausse nicht von Hoffmanns Seite und kommentiert das Geschehen in mit guter Stimme vorgetragenen Couplets. In der Barcarole fällt sie allerdings gegen Cristina Pasaroiu deutlich ab.

Der Solist schlechthin der ganzen Oper ist Daniel Johansson als Hoffmann. Abgesehen von der etwas hölzernen Darstellung eines Liebenden – Charme sieht anders aus – kann er auch stimmlich oft nicht überzeugen. Besonders die lyrischen Partien entgleiten ihm gern. Den betrunkenen Versager am Gendarmenmarkt gibt er überzeugend.

Der Chor singt in gewohnter Präzision. Die Sängerinnen und Sänger beweisen nicht nur ihr stimmliches Talent, sie sind auch gute Schauspieler, die mit ihren Auftritten und Gesten die Handlung einrahmen.

Das Bühnenbild schwelgt in Grautönen, was bei vielen Aufführungen der Deutschen Oper ein Muss zu sein scheint. Die Zuschauer sollen sich nur nicht in kulinarischem Augenschmaus verlieren, sondern sich ganz auf die Analyse und Interpretation der Inszenierung konzentrieren. So entsteht eine kalte und lustfeindliche Atmosphäre. Wenn sich aber eine zauberhafte Situation entfaltet, wie die zu den Klängen der Musik scheinbar frei schwebende Olympia vor rabenschwarzem Hintergrund, dann wird dem Publikum der Traum entrissen und die Maschine gezeigt, die diesen Zaubertrick ermöglicht. Ist doch bloß Theater… Wenn die Möglichkeiten des Theaters ohnehin nur ablenkendes Beiwerk sind, kann auch gleich die konzertante Aufführung gewählt werden. Der musikalische Genuss wäre derselbe.

Text & Manfred Wolff
Foto & Urszula Usakowska-Wolff


 Les Contes d’Hoffmann
Jacques Offenbach (1819 – 1880)

Nächste Vorstellungen: 4./8./15.12.2018